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Der Israelit · 1894-10-04 · Heft 79 (4.10.1894) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 79 (4.10.1894)
Date
1894-10-04
Page
– (sequence 22)
Language
German
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1486 führte ein musterhaftes Familienleben und seine Kinder waren wohlerzogen. Jetzt kam er von seinem Morgenspaziergang, den er alltäglich nach der Synagoge machte, zurück. Seine Frau erwartete ihn mit den Kindern am Frühstückstische und als er eintrat, erhoben sich alle und sagten wie aus einem Munde „Guten Morgen, Papa." „Guten Morgen, meine Lieben," entgegnete er. „Ihr wartet wohl schon lange auf mich. Ich habe heute einen Bekannten unterwegs gesprochen. —" „Du brauchst Dich doch nicht zu entschuldigen," erwiederte die Mutter, eine hübsche Blondine anfangs der Dreißiger. „Wir haben gerne gewartet." Man setzte sich zum Kaffee und während die Kinder ihre Milch und ihr Brot mit gutem Appetit verzehrten, aß der Vater nichts zu seinem Kaffee, Keines von den Kindern merkte darauf; der Mutter jedoch entging es nicht ebenso wenig wie das nachdenkliche Wesen ihres Mannes. Als die Kinder vom Tische aufgestanden waren und das Zimmer verlassen hatten, trat sie zu ihrem Manne heran, fuhr mit ihrer weißen, schmalen Hand durch sein Haar und sagte: „Was ist Dir begegnet, mein Mann, daß Du so nachdenklich bist und sogar ans Essen vergissest?^ Wie aus einem Traume blickte er auf, sah seine Frau verwirrt an und sagte: „Ach so, Du bist es, meine Jda. Was wolltest Du?" Und nochmals richtete sie ihre Frage an ihren Mann. Beit erzählte ihr die Unterredung, die er mit einem Freunde gehabt und die Worte, die ihm dieser beim Ausetnandergehen zugerufen hatte, und die, er mußte es selbst sagen, einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten und ihm fortwährend in den Ohren klangen. „Und warum in der That," fragte sein Weib, „bist Du so unversöhnlich gegen ihn?" „Ach," sagte er, „das ist eine lange Geschichte von Neid und Bosheit, Hinterlist und Tücke." „Erzähle mir die Geschichte," bat die Frau; „vielleicht erscheint sie Dir jetzt, wo sie nochmals an Deinem Geiste vorüber geht, weniger schlimm." „Warum soll ich Dein reines Gemüt mit so viel Bosheit vergiften? Nur so viel sei Dir gesagt; wir waren wie Brüder und er hat mein Vertrauen mißbraucht, meine Ehre und meinen guten Namen zu vernichten gesucht, ja es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er mich um das Glück meines Lebens gebracht." ,Nun, nun, so schlimm war das nicht," lächelte die Frau. „Es hätten noch zehn andere kommen können, wäre ich Dir treu geblieben." „Wenn er seinen teuflischen Plan hätte 'ausführen können, wärest Du für mich verloren gewesen; oder wärst Du auch die Meine geworden, wenn ich — wenn auch unschuldig — im Zuchthause gesessen hätte?" Bei dieser Frage war Beit schneeweiß geworden, während eine dunkle Röthe das Antlitz seiner Frau überzog. Nach kurzem Besinnen sagte sie: „Ich hätte an Dich geglaubt und wäre Dir auch dann treu geblieben; ob ich aber Dein Weib hätte werden dürfen, das bezweifle ich." Gerührt reichte er seiner Frau die Hand und sagte: „Ich danke Dir, mein Weib. Deine Worte sind Balsam für mein Herz und ich bin dem Allgütigen dankbar, daß jene Gefahr ohne mich zu treffen an mir vorüber gegangen ist. Doch es ist Zeit; ich muß fort ins Geschäft." „Und die Erzählung?" fragte die Frau. „Ich will über die Vergangenheit heute Nachdenken, um Dir zur gelegenen Zeit und Stunde die Ursache unserer Feindschaft erzählen zu können." Er erhob sich und nachdem er seiner Frau einen Kuß auf die Stirne gedrückt hatte, ging er fort ins Geschäft. Noch nie hatten die Angestellten Herrn Bett in so schlechter Laune gesehen als heute, niemand konnte ihm etwas recht machen und erstaunt blickten sich die jungen Leute an und wußten nicht, was sie sagen sollten. Der sonst so liebenswürdige und leutselige Mann sprach heute kein überflüssiges Wort und ging mit ernstem Gesichte einher und sah hier und dort nach und fand dieses und jenes zu tadeln und war mit nichts zufrieden. Jetzt setzte er sich an sein Arbeitspult, stützte den Kopf auf die Linke, während die Rechte einen Bleistift ergriff und unruhig auf dem unterliegenden Bogen hin- und herfuhr. Eine schreckliche Zeit ging an seinem Geiste vorüber. Jetzt, da er wieder au sie erinnert worden war, sah er alles mit erschreckender Deutlichkeit, erkannte er die Fallstricke und Winkelzüge, die sein Freund ihm gestellt, um ihn moralisch und bürgerlich zu töten, um ihn ins Zuchthaus zu bringen. Aber Gott war seine Hilfe; er errettete ihn von der Schlinge, die man ihm gelegt hatte und gab seinen Segen zu all den Dingen, die er that. Und wo Gottessegen ruht, da ist auch Gelingen. Der Pfeil prallte zurück und traf den Schützen, der ihn abgesandt hatte. Und dieser Schütze, sein Freund lag jetzt schwer krank danieder und sein belastetes Gemüth verlangte nach Erlösung, nach Versöhnung. War doch der Versöhnungstag nahe, der Tag,

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