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Der Israelit · 1894-10-04 · Heft 79 (4.10.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 79 (4.10.1894)
Date
1894-10-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Ehrsüchtige und Wohllüstige, die Geld und Genuß blenden, wie die Fliegen der Zucker, sie jagen alle dem Untergange zu. Ob's unter den Fliegen wohl auch solche Auswüchse gibt. Lügner, Diebe, Mörder, Ehrsüchtige und Wollüstige, wie dies bei der Gattung des homo sapiens, des klugen Menschen, alltäglich vorkommt? Ich wage es nicht die Frage mit Sicherheit zu verneinen. Wohl aber muß ich sagen, daß in den Fliegen mehr Intelligenz und savoir vivre steckt, als sich die Schulweisheit unserer Naturkunde träumen läßt. Zn dieser Ueberzeugung muß jeder gelangen, der das Fltegenvölkchen mit aufmerksamen Augen mustert, wie ich das seit einer Stunde thue. Da fliegt gerade eine simple Landpfliege zum offenen Fenster herein — wie neugierig sie alle Ecken des städtischen Zimmers mustert, immer neue Pracht, immer neue Reize entdeckend. Doch — schon hat sie den Fliegenzucker mit dem pikanten Essiggeruch gewittert! Wie gebannt von dem bisher unbekannten Dufte steuert sie geraden Wegs auf den Teller zu, kostet, saugt und schlürft sich voll der süßen Leckerbissen, um sich endlich überreich gesättigt von der köstlichen Mahlzeit in die Lüfte zu erheben — ja in die Lüfte, wenn nur die Wände der Glocke nicht wären, gegen die sie vergeblich mit dem Kopfe anrennt. Sie ist gefangen die unerfahrene Landfliege! Wäre sie auf ihrem Dorfe geblieben, wo es freilich keinen so herrlichen Zucker, aber auch keinen so elendlichen Tod gibt. Noch wenige Minuten und der saure Esstgpfuhl bringt ihren kurzen Freuden ein jähes Ende. Jetzt nähert sich dem Glas ein blastrte Stadtfliege. Sie weiß wohl, was da so lieblich duftet, sie kennt längst die weißen Stäubchen, die auf dem Teller so verführerisch glänzen, denn sie hat schon manchesmal mit Wonne den süßen Saft geschlürft. Aber in solcher Menge aufgestapelt, hat sie solch kostbaren Leckerbissen noch niemals getroffen und so „lieblich ist's aus dem Vollen zu schöpfen," sagt Horaz, einer der beredtsten Herolde dieser Stadtfliegeuwetsheit. So hat sie denn auch auf dem Teller Platz genommen und läßt sich behaglich das leckere Mahl schmecken. So trefflich hat's ihr noch niemals gemundet! Sie leckt und leckt und saugt und saugt, bis es ihr zum Ekel geworden. Dann schwirrt sie angefüllt mit dem süßen Ballast, ihres Werthes sich bewußt, in die Höhe, flattert ganz verdutzt und verwirrt in der Glocke umher nach einem AuSgang, den ste nicht finden kann, bis sie ermattet die Flügel sinken läßt und in die todtathmende Rinne niedersteigt, wo ihr in wenigen Augenblicken das Leben entschwindet. Ganz anders die philosophische Fliege. Sie ist klug und weise und geht so leicht nicht in die Falle. Schon etliche Mal hat ste die Runde um den blinkenden Teller gemacht. Aber sie ist Pessimistin. Auch ihr ist Zucker ein wohlbekannter, aber immer willkommener Leckerbissen. Doch traut ste dem wunderlichen Bau nicht recht, der sich über dem unermeßlichen Zuckerfeld wölbt. Auch entgehen ihrem geübten Auge die Leichen der Brüder und Schwestern nicht, die da unten herumtretben. Aber schließlich-wozu hat sie denn die Schule der Philosophie und des Lebens durchlaufen? Wenn die da drinnen Thoren waren und ihre Thorheit mit dem Leben büßten, muß ste es ihnen nachthun? Nein, sie ist die weise Fliege, die sich nicht von der geheimnißvollen Kuppel da blenden läßt; ste wird sich sättigen an dem duftenden Mahl und doch mit heiler Haut zurückkehren. Schon schreitet ste zuversichtlich zur Ausführung ihres Planes: Mit einem Ruck steht ste still in ihrer Laufbahn, schaukelt noch sinnend einige Sekunden nachdenklich hin und her und jetzt sitzt sie schon am Rande des Tellers. Sie nippt nur, aber sie nippt wieder und wieder. Für den entzückenden Anblick und Duft des ganzen Ensembles ist auch ste nicht unempfindlich; immer tiefer und tiefer geht sie ihrem Rüffel nach, der alle diese Köstlichkeiten mustert und durchkostet, alles in zierlichen Rationen, aber füglich bläht auch ste all das Herrliche auf, das ste zusammengenascht hat. In der Mitte macht ste gravitätisch Halt. Müde von dem reichen Genuß hält sie inne, ruht ein wenig und erhebt sich über das Zuckerniveau ihrer Umgebung, um zur Verdauung einen kleinen Spazierflug zu machen. Doch was ist das?! Wände, nichts als Wände, die gefürchtete Halbkugel hält auch sie in ihrem Bann umschlossen! RathloS flattert ste in dem Glase umher, vergeblich mit Aufgebot aller Energie einen Ausweg suchend. Nicht lange und eS schwinden ihr die Sinne und bald ist die philosophische Fliege nicht mehr zu unterscheiden von den ungebildeten und verbildeten Leidensgenoffen, die der unersättliche Efftg-Orcus verschlungen hat. Von den gemeinen Schmeißfliegen, von welchen sich auch ein Exemplar hierher verirrt hat, spricht man gar nicht, ebensowenig von den liliputanerhaften Eintagsfliegen, welche noch nicht trocken hinter den Ohren sind. Bet diesen begreift es sich, daß ihre Gemeinheit und ihr Mangel an Erfahrung sie das Naheliegende übersehen und ste diese Unerfahrenhett mit dem Leben bezahlen läßt. Aber die anderen! Meine Kleinen, die ich um die Fliegeuglocke ausgestellt habe, um ihnen Mtzwas Teschuba ad oculos zu demonstriren, halten den geflügelten sechSbetnigen Sündern eindringliche Bußreden, welche ihnen des Rettende, Beseligende, Naheliegende der

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