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Der Israelit · 1894-10-04 · Heft 79 (4.10.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 79 (4.10.1894)
Date
1894-10-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ju M 79 des „Israelit". gfettillctott. Wein Miegengtas. Eine Betrachtung für die Teschuba-Woche. Von Robert Hänlein Mein Fliegenglas, vor dem ich jetzt schon eine volle Stunde sitze und es sinnend betrachte, zeichnet sich in keiner Weise vor anderen Fliegengläsern aus. Ebenso wenig unterscheiden sich meine Stubenfliegen, welchen meine Fliegenglocke der Central- und Brennpunkt ihres ganzen Schwirrens, Lebens und Strebens ist, von anderen Stubenfliegen. Das Glas besteht aus einer hohlen Halbkugel, deren Höhe spitz zuläuft und durch einen fingerdicken Kork oben geschloffen ist. Unten ist sie etwa in einer Höhe von drei Fingerbreiten einwärts gebogen, und bildet dadurch einen Behälter zur Aufnahme von verdünntem Essig. — Das ganze ruht auf drei kurzen gläsernen Füßen, die auf einem weißen mit Zucker bestreuten Porzellanteller stehen. Der scharfe Essiggeruch zieht die Fliegen rasch herbei, sie naschen von dem Zucker, fliegen in die Höhe, suchen einen Ausweg, ohne ihn zu finden, und umschwirren das Glas so lange, bis sie ermüdet in das Essigmeer niederfallen und darin elendlich ertrinken. Das ist die Geschichte aller Fliegengläser. — Was mich nun bei diesem Vorgang in erster Reihe interessirt, ist die Frage, wie es denn kommt, daß die sonst so intelliaenten Fliegen so einfältig sind, hier den Tod zu finden, dem sie doch leicht entgehen könnten. Sie könnten uns klugen Menschen doch so leicht ein Schnippchen schlagen, sich nach Herzenlust an dem Zucker güiltch thun, und brauchten nur auf demselben Wege wieder zurückmkehren, auf dem sie gekommen sind. Unter Hunderten von Fliegen kommt oft nicht eine einzige aus diesen Einfall. Der Vorgang spielt sich gewöhnlich so ab: Die Fliege läßt sich zuerst auf dem Tellerrand nieder, geht dann bedächtig tiefer und tiefer hinab, bis sie auf das Zickerseld stößt, dort füllt sie sich mit den süßen Leckerbissen an, fliegt gesättigt in die Höhe, möchte die Glaswand durchstoßen, die sie von der Außenwelt trennt, muß aber bald den Versuch aufgeben, sinkt in den Essig, plätschert darin noch eine Weile verzweifelt herum, bis ihr die Kräfte versagen und ihr das Leben ausgeht. Dann wundre ich mich über mich selber, weil ich mich über die Fliegen wundre, denn dasselbe was hier die dummen Fliegen thun, thun draußen die klugen Menschen. Eine einfältige Fliege geht gedankenlos ihrem Rüffel und ihren Augen nach. Sie hat keine Ahnung davon, daß der süße Zucker, den sie schlürft, ihre Henkersmahlzeit, ihre Sudoh Mafsekes ist. Warum sollte sie auch zurückkehren von einem Weg, auf dem ihr jeder neue Schritt eine größere Fülle von saftigen Leckerbissen brachte? Draußen giebts keinen Zucker, dagegen allerdings auch keinen tückischen Too. Das ist es aber eben, was die Fliege nicht weiß, nicht wissen kann. Aber die Menschen und gar die jüdischen Menschen, deren heilige von Gott selber ihnen gereichten Urkunden sie Mizwas Tffchuba, die Pflicht der Rückkehr lehren, daß diese genau so einfältig wie die Fliegen handeln können, das setzt doch allem Wunderbaren die Krone auf. Wie die Menschen Zucker streuen, um die Fliegen in den Tod zu locken, so verhüllen Leidenschaft und Sünde ihre zum Untergang führenden Todespfade mit süßen Reizen und Genüssen. Die Fliege glaubt der Zucker sei für sie dahingestreut, um ihr ein süßes Dasein zu bereiten, und der Lüstling hält dis ganze große Welt mit ihren Freuden und Blumen für eine große tadle ck'dote, für ihn extra gedeckt, um ein bequemes Schlaraffenleben zu führen. Daß über dem Zucker sich eine Tod bergende Glocke wölbt, der alle verfallen sind, die ihrem Z iuberkreis nahen, das hält der gesunde, nüchterne Fliegenverstand für eine Überspanntheit, durch die er sich sein Zuckermahl nicht verbittern läßt. Deßhalb reißt eine Fliege der anderen den Zuckerstaub hinweg und thut sich gütlich, ohne an das Ende mit Schrecken zu denken. Niemand belehrt, niemand warnt sie; wer wollte sich über diese Fliegenwüsheit auch wundern! Aber den Menschen hat die Weisheit des Weisesten gemahnt, hat ihm dieses Bild gerade als abschreckendes Beispiel vorgesührt: „Mein Kind, wenn Dich die Leichtsinnigen berücken wollen, willige nicht ein. — — Mein Kind, gehe nicht denselben Weg mit ihnen, halte Deine Füße zurück von ihren Pfaden. — — Denn umsonst scheint das Netz ausgebreitet in den Augen aller geflügelten ten Wesen, und die Jäger lauern auf ihr Blut und stellen ihrem Leben nach." (Mischte Cap. 1, V. 10 ff.) Und dennoch! Wenn Jemand diesen weisen Rath nicht befolgt und sich auf einen schlechten Weg verirrt hat, so ist er nach den Gesetzen der V.rnunft und Logik verloren. Der Lügner, der Dieb, der Mörder, der

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