Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1894)
- Date
- 1894-10-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1475 Rückkehr in so eindringlicher Weise nahe legen, daß es einen Stein erbarmen müßte. Aber sie predigen tauben Ohren. „O, wenn wir doch die Fltegensprache verständen, meint wehmüthig mein kleiner Abraham a, Santa Klara, oder wenn die Fliegen unsere Sprache verstünden; nicht wahr der König Salomo hat die Sprache der Thiere verstanden?" „Wohl hat er sie verstanden; aber hier würde es nichts helfen, wenn wir es auch ebenso gut verständen. Sie würden nichts hören wollen, ihre Sucht nach süßem Genuß macht sie blind für jede Gefahr und taub für jede Warnung. Die Menschen machen es ja gerade so." „Das glaube ich nicht, Vater; das kann ja nicht sein," meinte mein kleiner Fliegenprediger. „Nicht alle, aber doch sehr viele. Manche sehen die Nothwendigkett und das Beglückende der Rückkehr auch ein, aber der große Troß derer, welche das nicht begreifen und daher die Rückkehrenden auslachen und sie Rückschrittler nennen, hält viele zurück." „Wirklich? Dann sind aber die Menschen schlimmer und dümmer wie die Fliegen. Schlimmer, weil wir hier doch ähnliches nicht sehen; wenn eine von den Fliegen zurück wollte, würde sie doch keine Genossin zurückhalten. Dümmer aber auch, weil sich keine Fliege zurückhalten ließe. — Aber -steh' einmal die eine Fliege, die eben aus dem Essig sich losgerissen, die glatte Glasfläche erklommen und jetzt den Sprung auf den Zuckerleller zurückgemacht hat, wie sie rasch dem süßen Tod den Rücken kehrt, eben den Rand des Tellers erreicht und sich jetzt wieder frei in die Lüfte geschwungen hat. kommt das bei den Menschen auch vor, daß sie schon vom Tod ergriffen, sich wieder losgeriffen und durch Rückkehr das Leben wieder erlangt haben? Sinnend traf mein Blick die blitzenden fragenden Augen. „Ja, das kommt vor, kommt sogar oft vor. Wenn Jemand schon auf dem Sterbebette mit dem Tode ringt, und er faßt den Entschluß zu Gott zurückzukehren, so ist selbst dann die Rück« kehr noch möglich, wenn Gott, der jede geheime Regung unseres Herzens kannte, den Ernst dieses Entschluffes uns bezeugen kann. Hier liegt auch der Unterschied zwischen den Menschen und den Fliegen. Wir stellen das Fliegenglas hin, damit die Fliegen sich darin fangen und umkommen sollen. Gott aber hat die Reize des Schlechten und Sündigen nur deshalb in unseren Lebensweg hingestellt, damit wir ihnen nicht verfallen, daß wir ihnen widerstehen sollen. Wenn die Fliegen den Zucker naschten und wieder heil zurückkehrten, wäre es unS ja leid, während es Gott leid ist, wenn uns die Sünde in ihr Garn zieht. Er reicht deshalb jedem Leichtsinnigen, dem Trotzigen selbst die Hand, um ihn zurückzuhalten und ihn zurückzuziehen, wenn er der Versuchung erliegen will oder schon erlegen ist. Er geht jeder Menschenseele nach, wartet Jahre, Jahrzehnte, ein ganzes Leben lang, wartet bis zum Todestage, und nimmt selbst dann den reuig zu ihm Znrückkehrenden wieder mit Liebe auf." „Weiß man, wann man stirbt?" „Das weiß man nicht. Das kann noch viele Jahre dauern, es kann aber auch so rasch und plötzlich eintreten, daß einem die Rückkehr nicht mehr möglich ist. Deshalb beten wir täglich dreimal, daß uns Gott die Kraft und die Einsicht geben möge, mit voller Rückkehr zu ihm zurückzukehren. Deshalb hat uns Gott die Tage zwischen Rosch Haschonoh und Jom Kippur besonders für den Entschluß der Rückkehr zu ihm bestimmt. Es sind die Tage, an welchen alles seinem Ende entgegengeht, der Sommer, die reifende Frucht, das fallende Blatt, in welcher alles Teschuwo predigt, selbst der Fltegenschwarm und — mein Fliegenglas! Zeitungsnachrichten «ud Correfpondeuzeu. Deutschland. Berlin, am 25. Ellul. Den heutigen Tag dürfen wir als einen wichtigen Gedenktag für die Geschichte bezeichnen. Heute sind 25 Jahre verflossen. seitdem Herr Rabbiner Dr. I. Hildesheimer seine segensreiche Wirksamkeit in Berlin begonnen hat. Die hohe Bedeutung, welche diese nach den verschiedensten Richtungen hin gewonnen hat, innerhalb und außerhalb Berlin's, innerhalb und außerhalb Deutschland's, ist weltbekannt genug, als daß sie nur angedeutet zu werden brauchte. Eine Deputation aus der Gemeindevertretung fand sich heute früh bei dem Herrn Rabbiner ein, um den Gefühlen des Dankes und der Verehrung für den geliebten Lehrer — der größte Ruhm, den der geistliche Führer in seinem Hochberufe erblickt — einen angemeffenen Ausdruck zu leihen. Mit denselben Worten, mit denen der Herr Rabbiner an diesem Tage vor 25 Jahren die zu seinem Empfange versammelt gewesene Menge angeredct und begeistert hatte, mit dem Schriftworte nvr\ Dnx begrüßten die Redner den Herrn Dr. Hildesheimer „daß wir Alle fest stehen, fest auf dem Boden der echten, rechten Gesetzestreue." Nachdem der erste Vorsteher der Gemeinde, Herr London einen Rückblick in die Vergangenheit geworfen, hielt der erste Synagogen- Vorsteher Herr Dr. Berliner eine Ausschau in die Zukunft, für die er den ferneren Beistand Gottes