Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1894)
- Date
- 1894-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1466 Bronn, da nicht allein die Herren Vorsteher L. Strauß, N. Wachs, W. M. Wolf und L Reis sich zu den frömmeren Gemeindemitgliedern Hrilbronn's zählen, sondern es ist noch ganz besonders hervorzuheben, daß Herr Bezirksrabbiner Kahn in Heilbronn ein ganz streng orthodoxer Geistlicher ist, und in Heilbronn doch noch mehr religiösere Gemeindemitglieder sind, welche dieses heilige Amt übernehmen und ausüben könnten." Wir wissen nun nicht, ob unser Gewährsmann dem zuständigen Rabbiner ebenfalls von diesem V)rkommniß Mitteilung gemacht hat. Wenn derselbe wirklich auch nur halbwegs ein streng orthodoxer Geistlicher ist, wird er hier gewiß Wandel schaffen. AuS Württemberg. (Vom Lande.) Viel war in letzter Zeit über die Reformjuden zu lesen. In gerechtem Zorne wallt das Herz auf, wenn man ihre Worte und Thalen auf dem Papier verfolgt, noch höher aber steigt der Unmuth, wenn man ihr Gebühren und Treiben täglich und stündlich mit ansehen muß. Sowohl der pietätsvolle Christ als auch der gefetzeStreue Jude kann ihnen nur einen mitleidsvollen Blick oder einen wohlverdienten Groll zollen, und die Phrase, daß der Kampf StöckerS nur den Reform juden gelte, hat im gewisien Sinne etwas Wahres an sich. Ganz der Wirklichkeit entspricht das Wort Bismarcks: Die Reformjuden sind Feinde aller Religion. Der religiöse JndifferentiSmuS ist in gegenwärtiger Zeit überhaupt ein großer und befolgen Manche die, besonders in Glaubenssachen, wenig vernünftige Maxime: Intus ut. übet foris ut mos est (Im Herzen wie es beliebt außen, wie es Sitte ist.) Die Theilnahme am fynagogalen Gottesdienste ist eine verschwindend kleine. Ihrem Geist versagt diese Sorte von Menschen also die Wirkung durch das Gebet, ihrem Körper entzieht sie die wohlthuende Ruhe des Sabbats und der Festtage und geht in gemeinem Hang an das Materielle ruhig ihren Geschäften nach. Ihre ganze Tendenz ist überhaupt die, schnell reich zu werden und mancher schüttelt die hohen Satzungen unserer Religion als lästige Feste! von sich, weil sie ihm unbequem sind und materielle Güter als Opfer fordern. Nur schade, daß ihnen die Sonntagsruhe ein Halt! gebietet in ihrem rastlosen Streben und Jagen nach eitlem Taut. Etwas Ideales, Erhabenes kennen sie nicht, kaum daß sie noch soviel Pietät besitzen, um die Trauerzeit für ihre Eltern zu halten, und die Eltern zu ehren, war doch sonst eine heilige Tugend im Judenthum. Ja, sie entblöden sich nicht, ihre angebliche Bildung hält sie nicht davon ab, öffentlich in die Welt hinauszuposaunen, daß sie die „verschimmelten Gesetze" unserer Religion mit Füßen treten. Traurige Zustände herrschen auf dem Gebiete unserer heiligen Religion und in wildem Schmerz zuckt das Herz, wenn es sein Heiligstes verschmähen sieht. Die Hauptschuld an der Erscheinung, daß das Herz so vieler Juden nicht mehr die höheren Güter des GeiüeS begehrt, sondern an der Erde und an dem Vergänglichen hängt, tragen die Gemeindevorsteher, denen in den meisten Fällen ein tieferes religiöses Bewußtsein abgeht und die Lehrer, denen oft eine genügende Bildung in den jüdischen Fächern fehlt, da daS Jüdische als Nebensache betrachtet wird. ES fehlt, um eS kurz zu sagen, ein Jugendunterricht, der das Heranwachsende Geschlecht begeistert für die hohe Sache der Religion und bekanntlich: Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Könnte diesem Uebel abgeholfen werden, meines Erachtens durch eine tiefere und gründlichere Ausbildung der jüdischen Lehrer in unserer Religion, so stände eS gewiß bald bester um unsere gerechte Sache, der unser Kampf gilt." Fassen wir die Ursachen der erschreckenden Zerfahrenheit und Vernachlässigung zusammen, wie sie sich dem orientirenden Blick des Beobachters in Baden und Württemberg darstellen, so stehen im Vordergrund aller Schäden und Gebresten die Behörden selber, welche dazu eingesetzt sind das Judenthum der Judenh:it zu erhalten, während sie es thatsächlich untergraben. Es ist dies in Baden der Oberrath und in Württemberg der Oberkirchenrath der Israeliten. Wir geben zu, daß Behörden, wie die in Rede stehenden, von segensreichem Einfluß für die Erhaltung und Erstarkung des Judenthums sein könnten, wenn die Personen, aus welchen sie sich zusammensetzen, selber auf dem Boden des historischen Judenthums stehen und von der Sehnsucht erfüllt sind, dieses Judenthum in den ihrer Leitung unterstellten Kreisen zu verwirklichen. Aber von dem Standpunkte der Religions und Gewissensfreiheit möchten wir einer solchen Behörde selbst dann nicht das Wort reden, wenn sie auch aus ausschließlich gesetzestreuen Personen bestünde. In einer Zeit, in welcher die Aischauungen über Judenthum, über Verbindlichkeit und Unantastbarkeit seiner Satzungen, so gegensätzlich ausetnandergehen, bedeutete eine Behörde, welche der einen der beiden Richtungen angehört und tn diesem Sinne ihre Maßnahmen trifft, eine Knechtung für die Gewissen der andern Richtung. Dieser aber möchten wir nie das Wort reden, auch wenn sich für die Sache des orthodoxen Judenthums ein momentaner Vortheil daraus ergäbe. Wenn aber, wie dieses bei den in Rede stehenden Behörden leider der Fall ist, die treibenden Elemente, gar jenem Schaukel- und Zwilterjudenthum angchören, welches man beschönigend Reformjudenthum nennt, dann gehört Gottes ganz besondere Gnade dazu, wenn es nicht noch schlimmer aussteht, als es thatsächlich der Fall ist. Die Ueberzeugung von der Ueberflüsstgkeit und Schädlichkeit dieser Behörden bricht sich in immer breiteren Schichten der Bevölkerung Bahn, und zwar in Baden noch mehr wie in Württemberg. — Als ob er geflissentlich die Gährung noch steigern wollte, waren die Maßnahmen des badischen Oberraths in den jüngsten Jahren ganz dazu angethan, Jedermann im Lande von seiner Verderblichkeit zu überzeugen. Wir erinnern nur an das von den Kanzeln verkündete Verbot Tefilltn auf der Reise zu legen, an die Handlangerdienste, die er durch die Achterklärung des py tr&r -iwp den Antisemiten leistete, durch eine Reihe a iderer Maßnahmen, die sich nicht besprechen lassen, ohne uns mit einzelnen Persönlichkeiten speziell zu befassen, was zunächst nicht in unserer Absicht liegt. Es wäre zu wünschen, daß die Agitation, welche sich gegen die Institution des Oberraths geltend macht, plan-