Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1894)
- Date
- 1894-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. M 7» Der Israelit. Ein Kenlrak-Hrgan für das orLHodore ZudenIHum. Begründet von vr Lehman» in Mainz. Donnerstag, den 4. Oetober 5653 (1894). MT* Die nächste Nummer, eine Doppelnummer, erscheint Freitag, den 12. Oktober. Leitender Artikel. Die religiösen Zustande in Baden nnd Württemberg. Mainz, 30. September. Werfen wir nun zunächst einen Blick auf die Zustände in Württemberg, so hat der rapide Verfall und die trostlose Lage fast aller jüdischer Gemeinden dort noch schlimmere Verheerungen angerichtet als in Baden. Seit mehr als 60 Jahren ist dort ein straffes, oberktrchenräthliches Regiment darauf bedacht, mit seiner staatlichen Autorität einen wahren Vernichtungskampf gegen das Judenthum zu führen, welches wir von unseren Vätern überkommen haben. Aber die Razzia auf das überlieferte Heiltgthum hat dort mit so maßlosem Fanatismus gehaust, daß längst nichts mehr zu reformiren übrig geblieben ist und die Reform ihren Höhepunkt längst überschritten hat. Die alten Stürmer sind im Laufe der Jahre hinweggestorben, ohne einen Nachwuchs zu hinterlaffen. Wen hätte dieses wahnwitzige Herostratenthum auch begeistern können, es fortzusetzen und die Brandfackel an das eigene Heiligthum zu legen? Wahrlich die Rabbiner. die unter dem Regime dieser Oberktrchenraths- Wirthschaft an die Oeffentlichkeit traten, waren nicht geeignet, andere zu gleichem Beispiel anzuspornen! Einer war so schlecht, daß ihn der Oberktrchenrath, als er unter dem Zeichen des Wassermanns stand, absetzen mußte. Jetzt ist er zur freireligiösen Gemeinde übergetreten, auf deren Friedhof auch seine Frau begraben liegt, er selber ist sozialdemokratischer Wanderredner und lebt von Steuerdenunciationen! Ein zweiter Rabbiner mußte vor einiger Zeit vom Amte auf mehrere Monate suspendirt werden, weil er durch Zeugen überführt wurde, daß er den Sabbat durch Rauchen von Etgaretten entweiht hatte. Ein dritter fraterntstrte mit den Antisemiten und ließ sich andere excentrische Allüren zu Schulden kommen, in Folge deren er ebenfalls seines Amtes enthoben wurde. Das find Vorkommnisse, wie sie nur in Württemberg möglich sind; das ist die Frucht der bösen Saat, die schon länger als ein halbes Jahrhundert die Priester des Abfalls mit vollen Händen in den Schooß der Gemeinden streuen. Wer diese Zustände von ihren Anfängen au verfolgt, muß sich mehr über die wenigen Gemeinden und Einzelnen wundern, die dem alten Judenthum treu verblieben sind, als über diejenigen, welche ihm den Rücken gekehrt haben. Wie tief muß doch das Judenthum in den Geistern und Gemüthern der württemberaischen Judenheit wurzeln, wenn trotz der Verächtlichmachung, die so lange und so schwunghaft von oben herab betrieben ward, die Einzelnen die Vergewaltigung fühlen, die ihrer Gewissen widerfährt, wenn z. B. die Erfüllung heiliger Mlzww.'. in unwürdige Hände gelegt wird. So schreibt man uns aus Heilbronn: Einen eigenen Fall, welcher in seiner Art als Seltenheit einzig und allein dastehen dürfte, wird demnächst die israelit. Kultusgemeinde Heilbronn am Neckar aufzuweisen haben. Herr Lehrer und iin Dreifus, welcher schon seit vielen Jahren ypin war, will und kann für diesen rwn twn diese Funktion als ypild 7z?3 nicht mehr übernehmen. ES hat sich deßhalb das Israel. Kirchenvorsteheramt Heilbronn, zur Ausübung dieses heiligen Aktes, für diesen rwn ein anderes Gemeindemitglied als ypm 7y3 auSersehen. Aber wer ist der ausersehene yr>in Es ist dieses der Kommissionär, Agent und Cigarrenhändler S. Dieser hat ein offenes Ladengeschäft, und hat^'w rGr den ganzen Tag sein Geschäft offen. Sowohl S. selbst als auch seine ganze Familie ist am ü"’i rotP im Geschäft thätig. S. selbst steht rQttf im Laden mit der Feder hinterm Ohr. Ebenso verrichtet S. am rnstf alle andere Geschäfte, welche in sein Kommissions- und Agentur Geschäft einschlagen. Es darf somit mit allem Recht gesagt werden, daß S. mit Rücksicht auf seinen religiösen Beziehungen doch nicht als ypm :»yn patzt. Um so bemerkenSwerther und auffallender ist dieses Vorkommnitz gerade beim Israel. Kirchenvorstrheramt Heil-