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Der Israelit · 1894-09-27 · Heft 77-78 (27.9.1894) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 77-78 (27.9.1894)
Date
1894-09-27
Page
– (sequence 31)
Language
German
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I 1463 Und obgleich man dies weiß, obgleich von vornherein so oft die Zukunft dieser Zöglinge eine zweifelhafte ist, läßt man sich nicht abhalten, immer von neuem Anstalten für die verwaisten Menschenkinder zu errichten. Wenn wir also für diese etwas thun, um wie viel mehr müssen wir bestrebt sein, den Lehrern ein Heim zu gründen, von denen wir doch wissen, wer sie sind und was sie bereits geleistet haben, den Lehrern, die trotz manigfacher Entbehrungen und Demütigungen in ihrem dornenvollen Berufe nicht müde wurden, ihre Schüler und Schülerinnen für den heiligen Glauben Jsrael's zu entflammen und die Saat alles Guten und Edlen, alles Erhabenen und Idealen in die jungen Menschenseelen zu streuen. Leider aber ist bis jetzt noch nichts für die Erzieher der jüdischen Jugend geschehen. Das Xo wo nod des Kajin ist auch ihr Loos, wenn sie dienstunfähig geworden sind. Der folgende, nicht der Phantasie entsprungene, sondern thatsächliche Fall möge dies illustriren. Da wohnt in einer Stadl Preußens ein unverheirateter Lehrer, ein tüchtiger Talmudist und philosophisch beanlagter Greis. Viele Jahre hindurch hat er mit großen Eifer die Kinder seiner Gemeinde im Hebräischen unterrichtet, mußte jedoch vor längerer Zeit mit Rücksicht auf sein Alter das Amt aufgeben, und lebt von seinem erspartem Gelde- Aber obgleich er monatlich 50 Mk. Pension zahlt, findet er nirgends ein rechtes Heim; im Winter ist das kleine Zimmer, das er bewohnt, trotz guter Heizung kalt, und so sieht er sich genöthigt, nach einer andern, größeren Stadt zu ziehen; allein da giebt es in einer Familie schmale Kost, die vielleicht auch nicht völlig den Aufforderungen unseres Religionsgesetzes entspricht. Und so wendet sich der alte Mann wieder nach seiner früheren Gemeinde und zieht zu einem Viehhändler und muß zufrieden sein mit dem, was man ihm bietet. Wie glücklich würde sich der ehrwürdige Greis schätzen, wenn es ein Lehrerhcim gäbe, welchem er pro Monat die 50 Mark zukommen lassen könnte! Da hätte er reichliche, streng rituelle Beköstigung, ein warmes Zimmer im Winter und, was von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, Umgang mit Leuten von gleichem oder^ ähnlichem Bildungsgrade. Darum auf zur That und gründet sobald als möglich ein Lehrerheim! i;. Referat deS Rabbiners Dr. Ludwig A. Rofenthal- Rogafe«: „Förderung des jüdischen Wissens." Mit meinem Vortrage befinde ich mich iu der denkbar ungünstigsten Lage. Wollte ich Ihnen mit einem Aufwand von Redensarten, ja selbst von emsig gesammelten Thatsachen und Einzelheiten eine Schilderung des Rückganges entwerfen, dem das Aschenbrödel unserer Zeitbestrebuugen, die Kenntnitz unserer Glaubensquellen und unseres Schriftthums, von Jahr zu Jahr mehr verfällt, — Sie würden mich fragen: Wozu das Bekannte hier im Kreise von Fachmännern und Berufsgenossen Vorbringen? Wollte ich von der Gleichgültigkeit unserer Zeitgenossen besonders gegen die Kenntnis der Thora selbst im engsten und weitesten Sinne genommen. Ihnen ein erschütterndes Bild geben wollen, von der Gleichgültigkeit, unter der auch der Stand der Religionslehrers insbesondere zu leiden hat — Sie würden ^stimmend Ihr Haupt neigen, aber fragen: Wozu das? Komme ich nun dazu, Ihnen Mittel zur Abhülfe vorzuschlagen, wie man dem jüdischen Wissen zu seinem Rechte verhelfen, wie dies besonders von den Vereinen der Religionslehrer geschehen kann, deren Standesehre dabei gewiß nicht weiter leiden sondern 'sich" sicher^hebenr.!wird — so werden Sie mich für einen Träumer ansehen, der unsere Mittel und unser Zeitalter überschätzt, der den Jeremia oder den Jochanan ben Sakkai in einer Zeit spielen will, wo nicht nur ein Tempel in Trümmer liegt, sondern auch das, was an dessen Stelle das Hauptstreben Israels geworden, 1 aber nicht geblieben ist. Genug aber, wenn Sie mir nurzugeben, daß es möglichenfalls gut wäre, eine Abhülfe zu finden, daß wir als Juden, abgesehen von unserem besonderen Berufe und von den etwa für unseren Stand zu erwartenden Vortheileu sie erstreben und schon die geringsten Erfolge, ja schon das Streben selbst für etwas Hohes achten muffen. Der Mangel an Anregung auf diesem Gebiete bringt es dazu, daß der Maßstab für das jüdische Wissen von Jahr zu Jahr kleiner wird und daß immer mehr Gegenstände für entbehrlich gehalten werden. ES giebt in unserem Vaterlande zu wenig Mittelpunkte für die Thora-Arbeit, als daß dadurch das alte Beth-Hamidrasch oder die Chewra der Vorzeit mit ihren allsavbatlichen oder täglichen Schiurim ersitzt werden könnte. Selbst die Religionslehrer, sobald sic sich in ihren Aemtern befinden, werden aus Mangel an gleichgestimmten und befähigten Genossen im Orte selbst, wenn sie auch in der ersten Zeit mit jugendlicher Begeisterung sich fortzubilden gesucht haben, mit der Zeit erkalten, stehen bleiben oder rückwärts schreiten. Wie manches edle und uneigennützige Streben, wie manche gesunden und treffenden Gedanken mögen da verloren gehen, weil sie nicht bemerkt, nicht mitgetheilt werden können! Und wäre es ein Gedanke über ein Gebetstück, ja auch nur über einen Satz des Siddur oder Machsor, umsomehr eine neue Auffassung irgend einer Schriftstelle; beträfe der Gedanke, der sich in Jemanden ausbildet, einen Schrifterklärer, wie Raschi und Jbn-Esra, ja eine Mischna oder sonst eine Talmudstelle: Ist dies nicht Thora? Ist das nicht jüdisches Wissen? Wie man einen neuen Rigun gern an den Mann bringt, so drängt es auch den glücklichen Finder einer solchen „Thora" dazu, sie mitzutheilen, darin sein Streben gekrönt zu sehen, dadurch zu weiterer Arbeit sich angeregt zu fühlen. Geht aber dieser Beitrag, <sei er noch so bescheiden,) in unserer armen Zeit noch der gemeinsamen Thoraschatzkammer verloren, so erlahmt der Eifer für eine Sache, die nicht anerkannt wird und nicht angewandt werden kann. Verlor ein Eleasar ben Arach sein Wissen in der Einsamkeit, wie ergeht es in unserem Zeitalter den Strebenden, die nicht immer mit diesem Tanaiten verglichen werden können! Wir bedürfen also eines Vereins für eigentliche Thorakunde in diesem Sinne, und selbst wer einen solchen für unmöglich hält, würde doch im Falle der Möglichkeit freudig seine Zustimmung dazu geben. Es giebt heute Vereine und Wanderversammlungen für fast alle Berufsarten und Wissenszweige, von den Hauptvertietern der vier Fakultäten bis zu den Gastwirthen und Radfahrern. Es giebt aber keinen solchen Verein und keine solche Wanoerversammlung für jüdisches Wissen. Es wäre auch schwer, bei der Gleichgültigkeit unserer Zeit einen solchen Verein anzuregen. Da gilt es, die^ vorhandenen Versammlungen zu diesem Zweck mitzubenützen. Und wo wäre dies eher möglich, als bei den Vereinen der Religionslehrer? Diese beweisen ihre Opferwilligkeit genugsam dadurch, daß sie zum Zwecke gemeinsamer Berathungen über Unterrichtsfragen weite Reisen antreten; dort sind sie zusammen, man braucht sie nicht erst hinzuberufen; die von uns hier behandelte Sache hängt außerdem mittelbar mit der Pädagogik zusammen, da jede Erweiterung unseres Wissens unbedingt dem Unterricht nützt. Es würde sich nur darum handeln, daß durch einen Ortsausschuß uns freies Quartier k. für 2 Tage besorgt würde, und wir könnten neben'allen anderen Verhandlungen einen Theil unseres Beisammenseins dazu benutzen, um über Gegenstände des rein; jüdischen Wissens Neues zu empfangen und von uns zu geben. Trotz des engen Zusammenhanges der Gegenstände mit der Pädagogik müssen dieselben doch davon losgelöst behandelt werden. Jene betrifft nämlich nicht nur die 1 Unterichtsstoffe, sondern auch die Unterrichtsweise; mit der

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