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Der Israelit · 1894-09-27 · Heft 77-78 (27.9.1894) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 77-78 (27.9.1894)
Date
1894-09-27
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1462 Tvorzuführen über die Nützlichkeit und Nothwendigkeit eines jüdischen LehrerheimS. ES ist Jedem klar, daß es bester ist, wenn alte im Dienste der Religion ergraute Männer unter sich sind, bei einander leben, friedlich, freundlich und sorgenfrei, als wenn der eine hier, der andere dort sich kläglich — gestalten Sie den Ausdruck — „durchbeitzt", sich knapp sättigt, vielfach „beehrt" durch scheele Blicke so manchen Gemeindemitgliedes ob der geringen Pension, die er von der Gemeinde erhält, die nach Maßgabe der Finanzlage vieler Gemeinden leider nur eine sehr karge ist. Unsere Unterstützungsvereine, sie arbeiten mit großer Aufopferung, bewilligen dem Invaliden des Lehramts entsprechend ihren Kassenverhältnissen verhältnißmaßig hohe Quoten, die aber niemals derartig sind, um ausreichend und sorgenfrei den Lebensunterhalt zu bestreiten oder gar in Krankheitsfällen sich Pflege angedeihen zu lasten. Was will es z. B. heißen, wenn ein schlesischer Lehrer, der Mitglied der leistungsfähigen Kasten, der „Achawa" und der „Provinzial- Unterstützungs-Casse", ist, von der ersteren die bisher gezahlte höchste Quote von 140 M. und von der zweiten 200 M. p. a. erhält! — Kann er hiervon leben, darf er etwa dabei sich noch den „Lnrus des Krankwerdens" je erlauben? Vollkommenes zur Erhaltung der Invaliden zu leisten, sind bisher trotz des eifrigsten, nicht genug anzuerkennenden StrebenS alle diese Vereine leider nicht in der Lage; um mit Pestalozzi zu sprechen: „Sie taglohnern meist am Werke der Frömmigkeit mit ehrlichem Sinn." Ich bin gern bereit die Nützlichkeit und den Segen aller dieser Vereine voll anzuerkennen; denn nicht jeder wird ins Lehrerheim gehen, zumal wenn er Kinder hat, bei denen er sein kann, muß aber andererseits doch constatiren, daß noch nie ein invalider jüdischer Lehrer und mag er noch so vielen Unterstützungskassen als Mitglied angehören, durch diese aller Noth, aller Plage um die leibliche Sicherheit in seinem Alter enthoben war. Soll ich Ihnen dafür einen Beweis liefern, so erinnere ich Sie daran, wie vor einiger Zeit ein ehrenhafter, mit imponirendem Aeuheren ausgestatteter, achtzigjähriger Greis, der. wie Wenige seines Standes, gelehrt, geschrieben und gekämpft hat, herumwandernd an die Thüren seiner Collegen klopfte und ihnen seine von Fleiß und Verstand zeugenden Schriften anbot, nur um seinen Lebensabend nach sechszigjähriger treuester Dienstzeit zu fristen, um Brod zu esten und ein Gewand zum Kleiden zu haben. ,.l>j 1i im omar, <>i li im lo immr. Mir ist so weh, da ich es sage; mir ist so weh, solltich's verschweigen!" Mehr als Bände sagt dieser eine Fall. Er ist geeignet selbst bisherige Zweifler von der Nützlichkeit und dringenden Nothwendigkeit eines Heims für unsere alten Genosten zu überzeugen, und beschränke ich mich heute nur darauf, Ihnen Vorschläge zur Beschaffung der Mittel für Errichtung und Erhaltung der Anstalt hiermit zn unterbreiten: 7. Eine jede Gemeinde muß um einen einmaligen Beitrag zur Errichtung des Heims und um einen laufenden jährlichen Beitrag zur Erhaltung desselben angegangen werden. II. Die Verbandskasse zahlt einen Beitrag. III. Die Pensionen und Unterstützungsgelder der Insassen fallen bis zu einer gewissen Hohe dem Lehrerheim zu. Alles Andere, wie über den Ort der Errichtung des Heims und über die Verwaltung desselben rc. wird wohl die zu diesem Zwecke von Ihnen einzusetzende Commission vorzuberathen haben, und werde ich mir erlauben, dieser dann geeignete Vorschläge zu unterbreiten. Nur in Bezug auf die Commissionszusammensetzung hiermit einige Worte. Die Commission mutz bestehen zur einen Hälfte aus Mitgliedern des Verbandes, zur anderen Hälfte aus thatkräftigen Mitgliedern der Vorstände größerer Sy nagogen-Gemeinden. Wir müssen mit den Gemeinde - Vorständen Zusammenarbeiten. Denn wir armen Lehrer haben nicht ausreichende „Mittel, um unsere Pläne zu segensreichen Tbaten zu gestalten." Uns aber ganz und gar nur andern Händen und nicht der eigenen Kraft amuvertrauen, wie vor einigen Jahren ein nunmehr in langem Starrkrampf liegender Verein that, hieße Selbstunterschätzung. Leider ließen sich damals Collegen dazu bestimmen, ihre eigensten Angelegenheiten nur Männern anzuvertrauen, die, um wiederum mit Pestalozzi zu sprechen, „im Versprechen bis zur Erhabenheit dichterisch und in der Ausführung ihrer Versprechungen häufig bis zum Schrecken gichterisch sind." Wir mit ihnen und sie mit uns, wir für die Gemeinden und auch die Gemeinden für uns, so lautet unser Wahrspruch. Bis hierher einstweilen meine Vorschläge, weiter indeß gehen meine Wünsche für ein glückliches Werden und Bestehen des Heims zum Segen der israelitischen Religionslehrer unseres Vaterlandes! Der Präsident spricht dem Referenten für sein formvollendetes nnd gedankenreiches Referat, das auch den Humor nicht außer Acht lasse, den Dank der Versammlung aus. Er selbst hält gerade diesen Programmpnnkt, der bei Durchberathung des Aufrufs viel Kopfzerbrechen und Kopfschütteln verursacht habe, für den am leichtesten durchführbaren, leichter als die idealen Punkte des Programms. Denn um diese Aufgaben zu losen, bedürfe es schwerer Vorarbeiten, und man werde sich in dauernder Abhängigkeit von den Gemeinden befinden» mit denen man zu wirken, mit deren Jndifferentismus man zu rechnen habe. Humanitäre Fragen interessiren dagegen weite Kreise, und das Herz Israels habe niemals zu schlagen aufgehort für die Noth im Lande. Zudem habe man es hier mit einem in jüdischen Kreisen durchaus originellen Gedanken zu thun. Während es bei andern Confessionen zahlreiche derartige Anstalten gebe, in unserer Heimatsprovinz jetzt schon das dritte Heim gebaut werden soll, (in Salzbrunn ein Lehrerinnenheim, ein gleiches älteres in Kleinburg bei Breslau, jetzt ein Lehrerheim in Schreiberhau im Riesengebirge,) giebt eS in ganz Deutschland auch nicht eine ähnliche Anstalt für jüdische Lehrer und Lehrerinnen Es wäre vielleicht zu erwägen, ob man eine derartige Anstalt nicht in einem Kurort, freilich wohl einem solchen, der auch eine jüdische Gemeinde besitze, bauen könnte. Doch das sind spätere Sorgen. Jetzt kommt Alles darauf an weite Kreise, insbesondere Mäcene für einen solchen Gedanken zu interessiren, aber auch unsere Gemeinden zu veranlassen, Jahresbeiträge dazu zu bewilligen. Hoffentlich wird es uns bala gelingen einen Ausschuß hierfür zu biiden. dem das weitere überlasten bleiben muß. Dr. Nordh eim er-S ch w e tz : Ich halte das Lehrerheim für den wichtigsten Punkt unseres ganzen Programmes, den wir zu allererst in Angriff nehmen und für den wir die Rabbiner und Vorsteher der großen Gemeinden begeistern müssen. Ja ich gehe sogar soweit zu sagen, daß ich die Gründung eines Lehrerheims für dringender halte als den Bau von Waisenhäusern. Es soll die Wichtigkeit der Waisenhäuser durchaus nicht in Abrede gestellt werden, ja ich bin ganz und gar von dem Wunsche beseelt, daß den Kindern ein Heim gewährt werde, welche des Vaters und Beraters beraubt sind oder den Tod der treusorgenden Mutter zu beklagen haben. Allein es ist doch eine unleugbare Thatsache, daß viele Zöglinge solcher Waisenhäuser nicht den Hoffnungen und Erwartungen entsprechen, die an ihre Erziehung geknüpft worden sind. Wie der Erdboden oftmals die Mühe und Sorge, den Fleiß des LandmanneS nicht belohnt, Io belohnen auch gar viele Waisenkinder die Arbeit ihrer Erzieher nicht im geringsten und gereichen der Menschheit zur Schande.

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