Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 77-78 (27.9.1894)
- Date
- 1894-09-27
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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1458 5. In enger Verbindung mit dem oben besprochenen Mangel steht ein anderer Uebelstand, der in der Unsicherheit der Stellung-Verhältnisse unserer Gemeindebeamten wurzelt. Hier würde sich eine VersicherrmgSkaffe gegen Stellenlosigkeit in den häufig plötzlich, nicht selten unverschuldet eintretenden Fällen als sehr segensreich erweisen. 6. Denen, die ein arbeitsreiches Leben im Dienste der Religion hinter sich haben, darf wohl ein sorgenfreies Alter gegönnt sein. So wollen wir den, wenn auch nicht gleich und leicht ausführbaren, Gedanken ernstlich erwägen, ein Jüdisches Lehrerheim zu begründen, das unsere Alten und Schwachen aufnehmen und ihnen einen heitern Lebensabend im trauten Kreise gleichalteriger Kollegen bereiten soll. Warum sollten wir, die wir das Jahr über durch so vielfache Sammlungen die Existenz anderer humanitärer und religiöser Anstalten begründen und befördern helfen, nicht im Stande sein, für uns selbst zu sorgen? 7. Zur Erfüllung aller dieser wichtigen Aufgaben, die wir im Vorstehenden in großen Zügen vorgeführt haben, ist eine öftere persönliche Aussprache nothwendig, ist es erforderlich, daß wir in steter Fühlung bleiben mit den Kollegen und mit den Gemeinden. Wir halten daher periodische, an verschiedenen Orten stattfindende Bezirkskonfereuzeu für durchaus unumgänglich. Hier findet sich auch die Gelegenheit zu gegenseitiger Anregung, geistiger Fortbildung, pädagogischer Ausbildung der religiösen Unterrichtszweige, gemeinsamer Vertretung der StandeSintereffen. Freilich, alle diese Ausgaben auf einmal lösen zu wollen, lösen zu können, wäre zu behaupten vermessen, aber ihre Lösung in'S Auge zu fassen, und allmählich zu versuchen, ist wohl deS Schweißes der Edlen werth. Liebe Kollegen! Es bedarf wohl kaum der weiteren Ausführung, daß sich alles dies nur erreichen läßt in Form eines festen, großen und starken Verbandes. Wir fordern Euch daher auf zu einem Verbände jüd. Religionslehrer zusammenzutreten. Dieser Verband soll keineswegs in Gegensatz zu bereitbestehenden Vereinigungen anderer Art treten, vielmehr die denselben mehr oder minder fernliegeudeu Ziele in vorbezeichnetcr Weise — Keinem zn Leide — verfolgen. Zu Mitgliedern dieses Verbandes sollen alle diejenigen zugelassen werden, welche durch eine autoritative Persönlichkeit oder Behörde Deutschlands das Recht zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts erlangt haben. Beitrittserklärungen sind an den Mitunterzeichneten, Herrn Dr. Louis Neustadt in Breslau zu senden. Wir werden uns alsdann erlauben. Ihnen nach einiger Zeit weitere Mittheilung zugehen zu lassen- Jakob Baehr, Prediger und Religionslehrer, in Reichenbach i. Schl. Dr. M. L. Bamberger, Rabbiner in Schildberg. Dr. Seckel Bamberger, Rabbiner in Schrimm. Salomon Borchardt, Lehrer in Samter (Pof.) Dr. S. Chodowski, Rabb. in OelS i. Schlesien. Dr. Jakob Cohn, Rabbiner in Kattowitz. Dr. John Cohn, Rabbiner in Wreschen. Isidor Feibel, Kantor und Lehrer in Jauer. Max Graf, Lehrer in Glogau. A. KsinSki, Lehrer in Kempen (Pos.) S. Kuttner, Lehrer in Gostyn. M. Loewenthal, Rabbinatsverweser in Groß- Wartenberg. Dr. Louis Neustadt in Breslau. Dr. Ludw. A. Rosenthal, Rabbiner in Rogasen. Dr. N. Sandler, Rabbiner in Schwedt a. O. Dr. H. Tietz, Klausrabbiner in Jnowrazlaw. P. Weißmann, Hauptlehrer in Antonienhütte. Dr. Leopold Wreschner, Rabbiner in Samter.*) *) Anm. Die Unterschriften einiger andern Herren konnten wegen zu späten Eintreffens nicht mehr auf den Aufruf gesetzt werden. ii. Werpandlungsvericht des konstituirenden Verbandstages des deutschen Reichsverbandes jüdischer Religionslehrer in Breslau am Montag, den 16. Juli 1894. Durch vorstehenden Aufruf hatten 18 jüdische Religionslehrer (Rabbiner und Lehrer) aus den altpreußischen Provinzen ihre Kollegen Ende Juni dieses Jahres zur Bildung eines Verbandes jüdischer Religionslehrer aufgefordert. Der Aufforderung folgte innerhalb weniger Tage eine so große Anzahl von Kollegen, daß die Unterzeichner des Aufrufes zur Begründung des Verbandes schreiten konnten und eine Einladung zu dem konstituirenden Verbandstage ergehen ließen. Derselbe hat am Montag den 16. Juli 1894 in Breslau im Hotel „zum weißen Storch" stattgefunden und zur Begründung des Verbandes unter obigem Namen geführt. Die Mitglieder waren theilweise aus weiter Ferne herbeigeeilt, um ihr großes Interesse an der Sache zu bekunden Dem Verbandstag ging eine Sitzung des vorberatenden Ausschusses voraus, in der die Mitglieder desselben sich über verschiedene Punkte der Tagesordnung und der zur Berathung vorliegenden Satzungen in einer Vorbesprechung zu verständigen suchten. Um 10:< 4 Uhr eröffnete Herr Dr. Louis Neustadt-Breslau Namens des Ausschusses den Verbandstag mit folgenden Worten der Begrüßung: Meine sehr geehrten Herren Kollegen! Ich begrüße Sie mit dem alten jüdische Gruße DD'1?}? DV?ttf, möge der Friede Gottes über unseren Berathungen weilen; und Gottes Segen ruht nach dem bekannten Spruche unserer Väter über allen denen, die sich vereinen. Gottes Wort zu pflegen. Meine Herren! Wo jüdische Lehrer in deutschen Gauen zu gemeinsamen Berathungen zusammentreten, vergessen sie niemals nächst Gott auch dem Könige die Ehre zu geben, von dem es h ißt, daß ein Abglanz der himmli'chen Majestät auf ihm ruhe. In wenigen Tagen wird uns im Kultus das Bild eines Mannes vor Augen treten, der in den Tagen tiefster Erniedrigung, bald selbst ohne König und ohne Vaterland, in die Verbannung gestoßen, den Grundsatz gepredigt hat, den wir als ein teures Vermächtnis des unglücklichen Mannes bewahren und als Richtschnur unserer Beziehungen zu König und Vaterland stets betrachten werden: „Suchet das Wohldes Staates, in den ich euch versetze, und betet für ihn, denn in seinem Wohl ruht Euer Wohl." Unsere Väter haben in den traurigsten Tagen des Mittelalters an dieser Lehre festgehalten. Bekanntlich hat das Mittelalter für uns Juden etwas länger gedauert, als für die anderen Menschenkinder, bis in unser Jahrhundert hinein, und für Halb- und Ganz Asien soll es noch immer kein Ende erreicht haben. Meine Spezialstudien haben mich eine Zeit lang auf das Gebiet der Rechtsgutachten unserer mittelalterlichen Lehrer gewiesen. Ich habe in ihnen eine Fundgrube reinster Sittenlehre gesunden, ich habe staunend emporgeblickt zu der hehren Anschauung der Männer, die selbst ausgeschlossen von allen Rechten des Staates, selbst im privatrechtlichen Verkehr allen Unbilden preisgegeben, ihren Glaubensgemeinden strengste Rechtlichkeit gegen Jeden, weß Glaubens er sei, und tiefste Ehrfurcht vor den Gesetzen des Staates und seinem Oberhaupt ans Herz legen. Es wäre vielleicht eine lohnende Aufgabe auch diese goldenen Sprüche unserer Väter zu sammeln. So wollen denn auch wir getreu den ererbten Traditionen, bevor wir ein neues Werk stiften, den Zoll der Ehrfurcht dem gekalbten Oberhaupte unseres Reiches spenden, unser erhabener Herrscher, unser allgnädigster Kaiser, König und Herr Wilhelm II., Se. Majestät unser König, er lebe hoch! Die Versammlung hatte sich bei den letzten Worten erhoben und dreimal begeistert in ein Hoch auf des Kaisers Majestät eingestimmt. Inzwischen war eine Reihe von BegrüßungS-Schreiben und Telegrammen eingetroffen, die zur