Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 77-78 (27.9.1894)
- Date
- 1894-09-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1442 geschickt und läppisch ist, das ist eine Sache für sich. Wie könnte man eine so wahrheitswtdrige Behauptung auch nur irgendwie zutreffend begründen? Das Ließe ja Uebernatürliches verlangen. Mir fällt da unwillkürlich ein Vorkommniß bei dem Berliner Rabbtnat zur Zeit Friedrichs des Großen ein. Damals wollte ein Kohen partout eine geschiedene Frau heirathen, welchem Ansinnen sich der damalige Rabbiner von Berlin aber selbstredend widersetzte. Der Kohen, dessen Conmxionen bis in die Allerhöchsten Kreise reichten, wußte dem König die Unduldsamkeit und den Zelotismus des Berliner Rabbinats in so grellen Farben zu schildern, daß dieser dem Rabbiner den gemessenen Befehl zugehen ließ, er habe sofort die Trauung zu vollziehen, widrigenfalls er binnen 24 Stunden des Landes verwiesen werde. — Daraufhin vollzog der Rabbiner die Trauung, allerdings aber mit der Formel: wn -pT-)D iten ujvw ma nmipo m nn „Du seift mir geheiligt nach dem Gesetze unseres Herrn und Königs Friedrich II." Wenn ein heutiger sogenannter Berliner Rabbiner nicht so viel Spiritus asper hat, wer will ihm das übel nehmen? — Es ist sogar möglich, daß Herr Dr. Oppenheimer wirklich selber glaubt, was er in seinem Gutachten unter Eid deponirt hat. Ich weiß daher wirklich nicht, was man von diesem Gutachten soviel Aufhebens macht. Der Gutachter kennt keinen Zwiespalt zwischen Lehre und Leben. Wozu sich Herr Dr. Oppenheimer durch die Thal seines Lebens vor aller Welt bekannte, dem giebt er auch in seinem Gutachten vor dem Kammergericht freimüthigen Ausdruck. Die Tragweite dieses Gutachtens geht nicht weiter als die Persönlichkeit des Gutachters reicht und deren Bedeutsamkeit dürfte kaum über seine Gemeinde hinauslangen. Diese Gemeinde ist — wie für die mit den hiesigen Verhältnissen nicht bekannten besonders betont werden muß — die hiesige Reformgemeinde, welche den Sabbat auf den Sonntag verlegt hat und mit der officiellen jüdischen Gemeinde in keinem Konnex steht. Als vor etwa mehr als einem halben Jahrhundert die Judentaufen massenhaft grassirten, wurde in der Johannesftraße dieses Asyl für diejenigen errichtet, welche man auf dem Weg zum Taufbecken ein wenig aufhalten wollte. Die Marodeure kamen denn auf dieser Haltestation wirklich zu der Ueberzeugung, sie könnten auch ohne Taufe als vollendete hier leben, nrn iupn xsri, so entstand und erhielt sich die hiesige Reformgemeinde. Was soll man von ihren Rabbinern und Predigern mehr verlangen? Von ihnen ist es alles mögliche, daß sie ihre Einsegnung, Trauung und wie sie ihren Humbug sonst nennen, noch als jüdischen Ritus ausgeben. Sie halten das bet ihrer sonstigen christelnden Tendenz noch für eine Art selbstverleugnenden Freimuth und ich möchte ihnen diesen Heroismus jetzt nicht in seiner Erbärmlichkeit auseinandersetzen. Dagegen glaube ich, daß Herr Dr. Maybaum, der Rabbiner der officiellen Berliner jüdischen Gemeinde, und sein Gutachten in viel höherem Grade die Kritik herausfordern, xVx ojna ’jn ib&m ■paon by. Viele Leute haben in dem oben abgedruckten, officiellen Comunique, wie es mit viel geschäftiger Rührigkeit in die Tagesblätter lancirt wurde, eine gewisse Absichtlichkeit vermuthet. — Die officielle jüdische Gemeinde, ihre Seelsorger und Wortführer unterscheiden sich nur sehr unwesentlich, oft kaum merklich von der eigentlichen Reformgemeinde in der Johannesstraße und ihren Beamten. Die letztere ist nur so ehrlich, die Contrebande, die sie führt, öffentlich zu bekennen, indem sie sich Rcformgemetnde nennt. In Wirklichkeit stehen beide mit ihren Leitern auf dem Boden der äußersten Reform. — Da das Reformjudenthum und seine Würdenträger heute stark in Mtßcredtt gerathen sind, so bekennt sich Niemand gern offen als Reformjude und gar zur Reformgemeinde. Auch die radikalsten Heißsporne unter den Reformern haben im Gegentheil, in sofern sie sich weltklug auf die Zeit und die jedesmalige Strömung verstehen, heute das Bedürfniß nach einem conservativen Compromiß-Mäntelchen. Unter solchen Verhältniffen kann selbst ein Herr Dr. Maybaum in conservativen Geruch kommen, wenn man einen Herrn Dr. Oppenheimer gegen ihn ausspielt. Herr Dr. Oppenheimer vertritt die Mischehe zwischen Juden und Christen, Herr Dr. Maybaum spricht sich sehr entschieden dagegen aus, daß eine solche Ehe nach jüdischem Ritus vollzogen werden könne; man sieht Herr Dr. Maybaum, der radicale Reformer ä outrauce ist auf dem besten Wege ein Schirmvogt der Orthodoxie zu werden. Quod erat demonstrandum. Aber so glatt geht das doch nicht. — Bei einer Ehe zwischen Juden und Christen liegt ein Ehehinderniß vor, begutachtet uns Herr Dr. Maybäum? Und Herr Dr. Maybaum erachtet sich als Rabbiner der Hauptgemeinde nicht befugt, die Trauung zu vollziehen? Welches Ehehinderniß kann Herrn Dr. Maybaum abhalten? Ein Rabbiner, ein Pfarrer, die auf dem Boden der Bibel stehen, welche die eheliche Verbindung zwischen Juden und Nichtjuden verbietet, brauchen nur auf das Gotteswort zu verweisen, welche diese Verbindung untersagt. Für sie ist die Bibel das Ehehinderniß. Aber für Herrn Dr. Maybaum, den Rabbiner der Berliner Hauptgemeinde?