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Der Israelit · 1894-09-27 · Heft 77-78 (27.9.1894) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 77-78 (27.9.1894)
Date
1894-09-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1436 Das Bedenkliche liegt darin, datz heute viele glauben, dieses Wünschen und Gratultren gehöre eigentlich zu diesen heiligen Tagen und es ist sür viele dadurch ganz in Vergessenheit gerathen, daß die Zeit vor Rosch Haschono doch etwas ganz anderem gewidmet sein sollte. Nicht anderen, sondern sich selber, nicht billigen Wünschen, sondern ernsten Vorsätzen sind die letzten Tage des scheidenden Jahres bestimmt. In diesen Tagen, in welchen die alte Vätersitte mit der verliehenen Minute geizt, wo man daher die Zeit durch frühzeitiges Erhcben vom Schlafe künstlich verlängert, diese Tage, welche der Selbstbearbeitung und Selbstheiligung so ganz ausschließlich bestimmt sind, sie sollten nicht durch diese Wunsch-Allotria um ihre Weihe und Würde gebracht werden! Wie viele von denjenigen, welche um diese Zeit alle Freunde und Bekannte in alle Richtungen der Windrose mit ihren Wünschen überschwemmen, haben für sich selber den so berechtigten, naheliegenden Wunsch für die eigene Anerkennung und Besserung übrig? Vergaßen wir über die für unsere Freunde gemünzten Wünsche auch wirklich selbstloser Weise unseres eigenes Ich, so mußte sich doch diese Selbstlosigkeit ganz anders bekunden, als es thatsächlich der Fall ist. Die Adreffe für unsere Wünsche zu Gunsten unserer Freunde und Bekannten, sind ja nicht diese, sondern derjenige, der sie honorirt, in dessen mächtigen Vaterhand allein ihre Erfüllung liegt, also unser himmlischer Vater. An Ihn müßten sich dann unsere Wünsche für alle diejenigen, denen wir von ganzem Herzen wirklich eine glückliche, neue Zukunft wünschen, doch in allererster Reihe richten. Geschieht dies? Geschieht es in dem Maße, wie man es nach unserer papiernen Gratulationsseligkeit erwarten sollte? Haben unsere Altvordern, die sich gegenseitig baten, daß einer des anderen in seinem Gebete an den heiligen Tagen des Jahresanfangs gedenken möge, und die dann das Wohl ihres Bruders und ihrer Schwester auch wirklich zum Gegenstand ihres inbrünstigen Gebets machten, haben sie in ihrer redlichen Schlichtheit nicht vernünftiger, edler, brüderlicher gehandelt, als die Ritter unserer modernen Gratulations-Industrie? Sie wären bei der rm* pn nv, bei der Scheu vor dem Tage der Verantwortung im Herzen nicht der conventionellen Lüge fähig gewesen, die doch unser Wunsch-Unwesen bedeutet, welches seine Wünsche statt dem Himmel der Post zur Bestellung übergibt. — Unserer Zeit ist das Bewußtsein von der *)pin Di'n n*mp, von der überwältigenden Bedeutung des Tages abhanden gekommen, deshalb ist sie auf diese Auswüchse eines von Hause aus, in seiner herzlichen, einfachen Form berechtigten und schönen Brauches verfallen. Wie könnte auch Jemand an den Ernst von Wünschen für mvn fftn glauben, die sich in humoristischer, bizarrer, sensationeller und oft so abgeschmackt, profaner Form äußern, wie dies bet unseren Wunsch-Novitäten so häufig der Fall ist? Das ganze Gebühren muß demjenigen wie eine Entheiligung der D’K-njn d’d» anmuthen, der noch von der alten Wahrheit durchdrungen ist. rurn »tnn Am Rosch Haschonoh wird niedergeschrieben und am Jom Kippur besiegelt: wie viele aus dem Leben und wie viele in das Leben treten werden, wer am Leben bleiben, wer sterben wird, wer zur Zeit, wer durch Wasser, wer durch Feuer, wer durch Schwert, wer durch Gewild, wer durch Hunger, wer durch Durst, wer durch Sturm, wer durch Krankheit, wer erdrosselt oder wer durch Steinigung sterben wird; wer in Ruhe, wer in Unruhe leben wird, wem »in friedliches, wem ein zerrissenes, wem ein sorgenloses, wem ein leidvollcs Dasein, wem Armuth, wem Reichthum, wem Erniedrigung, wem Erhöhung beschieden ist." Die Art und Weise, wie man in unserer Zeit vielfach mit den Neujahrswünschen umspringt, ist ein betrübendes Symptom sür die Stimmung, aus der sie fließen. Das ist nicht die Welt- und Lebens- Anschauung unserer Altvordern, mit der sie dem Rosch Haschono entgegen gingen. Deshalb dürfte auch für diese Spezialität von Wünschen, die Weisheit des Brahmanen das Richtige treffen, welche Rückert in die Worte kleidet: Der Weise ward befragt: Was wünschest Du für Gaben? Er sprach: Nichts wünsch' ich als zu wünschen nichts zu haben. Und noch einmal befragt: Also was wünschest Du? Sprach er: Mein einz'ger Wunsch ist meiner Wünsche Ruh. Robert Hänlein. Zeitnttgsuachrichtcu «rrd Corresporrdeuzeu. Deutschland. Oppeln in Schlesien, im Ellul. Wir erhalten folgende Zuschrift: Ein altes, im Volksmunde lebendes Sprichwort ist's: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." Einseitig, wie alle Sprichwörter ist auch dieses. Denn, wenn Jemand zuhört, wie von Leuten die Ehre Anderer abgeschnittten wird und er erwiedert trotz besseren Wissens nichts, ist in solchem Falle auch das Schweigen Gold? Soll man da auch unterlassen ein VertheidigungSwort zu ergreifen? Würde es in solchem Falle da nicht heißen „tp m by noyn *6"? Ja, hier heißt es ny! Wenn auch vielen unseres Berufes und Standes vor den d»k-m d’d1 zum Reden die Zeit mangelt, so gebietet uns doch das ivv ivn Ivv pmn D’nsff nfo ns nwpy in diesem Falle zu

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