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Der Israelit · 1894-09-27 · Heft 77-78 (27.9.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 77-78 (27.9.1894)
Date
1894-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1435 gekommen ist, woher sollten diese auch das Motiv für ihre Wünsche oder doch für die Innigkeit ihrer Wünsche hernehmen? In Wirklichkeit wird ja, seitdem man so bequem und billig 6n gros wünschen kann, nicht einmal mehr gewünscht. Wünschen denn diejenigen, welche Schock- und Mandelweise ihre Gratuletionskarten couvertiren, adressiren und expediren, den Empfängern irgend etwas Gutes oder Schlimmes? Denkt denn das Gros dieser maschinenmäßigen Gratulanten an etwas anderes, als an die Sorge um Himmelswillen keinen zu vergessen und noch mehr an keinen zu denken, der uns nicht auch mit einer Karte bedenkt? — Es hat mit diesen Glückwunschkarten dieselbe Bewandtniß, die es mit so vielen ähnlichen Erscheinungen unserer Zeit hat. Wir errichten dem Andenken großer Männer, wir stiften der Erinnerung bedeutender Geschehnisse Denkmäler aus Stein und Erz, die man viel zutreffender Vergeß-Mäler nennen sollte. Denn wenn man den Personen und Ereignissen diesen Zoll der Anerkennung auS Marmor oder Eisen entrichtet hat, dann hat man seiner Pflicht genügt, man braucht nicht mehr an sie zu denken, man kann an ihnen vorübergehen, sie können mit der Zeit verwlltern und mit ihnen das Gedächtniß dessen, wofür sie gestiftet find; man hat seiner Pflicht formell genügt. Wenn Leute sich die Rücksicht eines gegenseitigen Besuchs schuldig zu sein glauben, aber derjenige, der den Besuch machen wie derjenige, welcher ihn empfangen soll, empfindet diese Pflicht als lästige, störende Etiquette, dann thut derjenige, der den Besuch machen sollte, so, als hätte er ihn gemacht, indem er vorfährt und seine Karte abgiebt oder abgeben läßt, und derjenige, der den Besuch empfangen sollte, empfängt statt dessen eine Karte. Jetzt stehen beide auf dem Besuchsfutze, ohne sich besuchen zu müssen. Sie thun als ob sie sich besuchen, wie etwa die Engel, welche bei Vater Abraham zu Gast waren, thaten, als ob sie äßen, aber in Wirklichkeit aßen sie nicht. So hat die große Masse, welche Jubiläen feiert, Feste arrangirt, Statuen setzt und Besuche macht, nur die äußere Form im Auge, während der eigentliche, innere Kern leer ausgeht. Es ist mit dem Versenden von Glückwunschkarten nicht viel anders. Der Wünschende ist da, sowie der Adressat des Glückwunsches und ebenso die kunstvoll lithographirte Glückwunschkarte; nur der Wunsch fehlt. Ihn braucht Niemand zu haben, er steht ja schwarz auf weiß, und sogar mit Goldschrift auf Büttenpapier und Elfenbein carton da! Psychologisch merkwürdig ist dabet. daß sich diese Genügsamkeit mit hohlen, leeren Formen, die leichten Herzens auf die lebenswarme Empfindung und den lebendigen Gedanken verzichtet, sich gerade in einer Zeit breit macht, die mit dem Munde überall auf Innerlichkeit, auf Geist und Gemüth ostentativ dringt, die auf der einen Sette unter dem Schlachtruf Re-Form, der Form den Krieg erklärt, und auf der anderen Seite der gehaltlosesten Form willig Heeresfolge leistet. Doch das find alles nur bloße Aeußerlichketten, über die es sich nicht verlohnte, ein Wort zu verlieren, wenn diejenigen, welche diesen Wunsch- Cultus pflegen, sich wohl dabei fühlen. Die Sache ist ja wirklich so bequem und unterhalteno, daß es grausam wäre, der großen Menge dieses Spiel durch kritische Bemerkungen zu verderben. Dabet wird es auch nicht an Leuten fehlen, die sich zu der Behauptung verstetgen werden, daß die Sache nicht so geifi- und herzlos wäre, als sie bet dem Lichte erscheint, das hier aufgesteckt wurde. Ich kenne eine sehr verehrungswürdige Dame, welche alljährlich, wenn sie ihren Koffer für die Sommerfrische packt, auch ihre Rosch-Haschono-Karten nicht mitzunehmen vergißt. Sie erledigt dieselben dort in den zahlreichen Mußestunden anticipando in den „drei Wochen", nimmt dann ihre fertig gestellte Correspondenz sorgfältig verpackt und geordnet wieder mit nach Hause und wirft sie Erew-Rosch-Haschono gewissenhaft in den Briefkasten der Hauptpost. Die Empfänger der Glückwunschkarten nehmen die Wünsche, denen man äußerlich nicht ansteht, daß sie abgelagert sind, al pari an, und ich möchte mir nicht getrauen, über die Aufrichtigkeit aller dieser Herzlichkeit ein Wort des Zweifels fallen zu lassen. Meine liebenswürdige Partnerin brauchte nur einige Schleusen ihrer Beredlsamkeit gegen mich loszulassen, wie das alles gar nicht so schlimm sei, wie man gerade in der Ruhe der Sommerfrische so recht in der Verfassung sich befinde, der lieben Freunde mit Sammlung und Mutze zu gedenken, jedenfalls viel besser als in dem Trubel, in welchem eine gewissenhafte Hausfrau kurz vor den Feiertagen lebt und ich würde besiegt nach einer goldenen Brücke für den Rückzug suchen. In ihrer Liebenswürdigkeit hat sie mir diese Btücke selber gebaut, ohne es vielleicht zu ahnen. Die Dame hat Recht. Wenn schon gratuliert sein muß, wenn sich Gratulanten und Gratulirte nun wirklich mit solchen Papierstatt mit Herzens-Wünscheu begnügen wollen, so sollten sie es nur alle so machen, wie sie es macht, und den Wunsch-Apparat schon Wochen vorher im Hochsommer spielen lassen. Dann würde das eine hauptsächliche Bedenken wenigstens wegfallen, welches mir unser Wunschfieber nicht etwa abgeschmackt und lächerlich, sondern geradezu gefährlich erscheinen läßt.

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