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Der Israelit · 1894-09-24 · Heft 76 (24.9.1894) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 76 (24.9.1894)
Date
1894-09-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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/ 1427 der Wurm der Reue an meinem Herzen nagen, obwohl ich nicht begreife, wie ich gegen meinen theuern, heißgeliebten Vater eine so frech erlogene Aussage machen konnte, die nicht nur ihn, sondern auch eine Reihe unschuldiger Menschen ins Verderben stürzen und alle meine Glaubensgenossen für ewige Zeiten brandmarken mußte. Wie ich zu dieser Aussage gekommen — ich weiß es nicht und mein Herz zuckt schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, daß mein Vater, daß die Welt annehmen könnte, die lächerliche Anklage sei in meinem eigenen kindlichen Gehirne entstanden. Und obwohl ich täglich dafür danke, daß die Folgen der Bosheit ausgeblieben, die Gerechtigkeit gesiegt und die Wahrheit zum Durchbruch gekommen ist, so klopfe ich doch reuig an die Brust und spreche: „Vater, ich habe gesündigt! Meiner Jugend Sünden und Vergehen wolle nicht gedenken, o Gott!" Es ist mir unmöglich von hier zu scheiden, ohne Euch, theuerste Eltern und geliebte Geschwister, noch einmal ein Lebewohl zuznrufen. Ich meinte, daß der Abschied von Amsterdam, dem Orte meiner Wiedergeburt, mir nicht so schwer fallen würde, als es in der That geschieht. Bin ich doch Euch, meine Lieben, hier um so viel näher, als cs nun der Fall sein wird, wo der Ocean zwischen uns liegen wird! Trotzdem ich schon so viele Jahre von Euch getrennt lebe, fühlte ich doch heute die Liebe zu Euch mit doppelter Stärke erwachen und im Augenblicke des Scheidens sehne ich mich mehr als je nach Euch, Ihr Theuern! Ich bitte Euch nun, liebe Eltern, Schwestern und Brüder, vergeffet mein nicht, gedenket des Getreuen, der im fernen Abendlande weilt, dessen Herz mit unlösbaren Banden der Treue an Euch geknüpft ist. Schmerzlich empfinde ich es, daß es mir nicht gegönnt ist, Euch vor meinem Scheiden noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, Euch an den pochenden Busen zu drücken und die segnende Hand der Eltern auf meinem Scheitel zu spüren. Lebet wohl Geliebte, der Allmächtige sende Segen und Gelingen in alles Werk Eurer Hände, zu ihm wollen wir hoffen, daß er uns wieder vereinige, die wir doch einander so enge angehören. Lebet wohl!" Aus dem wechselvollen Schicksale des Moritz Scharf ersehen wir, wie leicht ein kindliches Gemüth auf Abwege geleitet werden kann, wie jedoch der Irrende durch eine tugendhafte Umgebung zu einem ordentlichen, ehrlichen, arbeitsamen, der besten Regungen fähigen Menschen werden kann, und ein solcher ist aus dem einstigen frech lügenden Knaben Moritz Scharf geworden. Dank den edlen portugiesischen Männern in Amsterdam, die dies bewirkt haben! — Rußland. Tiflis im Kaukasus, 12. September. Der Emir von Bokhara, Abdel Ahad Khan, weilt jetzt mit seinem Erstgeborenen, dem Thronerben, in unserer Nähe, da er Heuer in einem Badeorte im Kaukasus die Sommerfrische genießt. Im Khanate Bokhara, das ein flaches, sumpfiges Land ist, giebt cs nämlich keine Thermen und das Fieber ist dort während der Sommermonate ein heimischer Gast. Da nun der Emir auch während der Cur ein streng religiöses Leben führt, so wird das für ihn und sein Gefolge nöthige Fleisch aus einer jüd. Fleischbank geholt. Bei seiner Ankunft in der Hafenstadt Baku am Kaspisee wurde er am Landungsplätze auch von einigen zur Zeit sich dort aufhaltenden bokharischen Juden ehrfurchtsvoll begrüßt, worüber er seine Zufriedenheit äußerte. In Baku besichtigte er auch die dortigen Petroleum - quellen und als man ihm sagte, daß ein großer Theil derselben dem Hause Rothschild in Paris gehöre, da sagte er. er erinnere sich noch gut an den Besuch, den Baron Gustav Rothschild mit Gemahlin ihm vor sechs Jahren gemacht habe. Auch erwähnte er, daß der Baron damals große Geldspenden an die jüd. Gemeinde in Bokhara gemacht habe. Aus Bokhara wird hierher gemeldet, daß sich der Emir entschlossen habe, anläßlich der bevorstehenden Vermählung des Czarewich mit der Prinzessin Alice von Hessen in seiner Hauptstadt eine sechsktassige russische Schule zu errichten, um es so seinen Unterthanen zu ermöglichen, sich die russische Sprache in Wort und Schrift eigen zu machen. Auch den Juden Bokharas wird es so möglich sein, ihre Kinder im Russischen unterrichten zu lassen. So wird eine erlauchte hessische Prinzessin indirect mithelfen, Cultur und Gesittung in Central-Asien zu verbreiten. Auch im Kaukasus bereiten sich mehrere jüd. Familien zur Auswanderung nach Argentinien vor, um sich dort gleichfalls dem Ackerbau und der Schafzucht widmen zu können. > Vermischtes. < Die „Frankfurter Ztg " behauptet, der Justiz-Minister habe noch in diesem Jahre einem jüdischen älteren Assessor, der ihn fragte, ob seine Religion seine Anstellung als Richter hindere, erklärt: „Die jüdische Religion ist kein absolutes Hinderniß für die Anstellung, aber Sie müssen warten." Der Kaiser von Oesterreich hat zu Mitgliedern des LandeSschulrathes für Oberösterreich den Rabbiner der iSr. Kultusgemeinde in Linz, Dr. Moritz Friedmann, und für Mähren

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