Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-09-24 · Heft 76 (24.9.1894) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 76 (24.9.1894)
Date
1894-09-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448482--39350-2487497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXV. Jahrgang. Erste Beilage zu M 76 des „Israelit". Seiten»» Artikel. Hköet einer jüdischen Krau am Neujahrsfeste. *) Ewiger, Richter der Welt, der Du der Bußfertigen Dich erbarmest, die Schofarstimme mahnt uns an die Stimme des Gerichts, an die Urtheilsbriefe, die Du un8 schreibst, und die am Jomktppur besiegelt werden! Im Getümmel des menschlichen Lebens, wo wir uns den Freuden eines jeden Tages gedankenlos hingeben, oder wo wir bestürmt werden von den Sorgen der Zeit — denken wir da wohl daran, daß wir unter den Augen des allwiffenden Richters einherwandeln? Ja, Du hast uns lange vorher an die Stunde des Gerichts erinnert, lange haben die Klänge des Schofar uns an den Ernst dieses Tages denken lassen, dieses Tages, wo wir Leben und Schicksal aus Deiner Hand empfangen. Und doch — als wären wir plötzlich, unvorhergesehen, wegen eines unbekannten Verbrechens vor den Richter gerufen, stehen wir betroffen und überrascht da — wie wird es uns ergehen? Den Tag der Jahreswende hast Du uns zum Gerichtstage gestaltet — zum Tage der Buße hast Du ihn uns bestimmt. Nicht ein blinder Zufall lenkt unser Leben — eine weise und allgütige Gotteswaltung achtet auf jeden unserer Schritte! Nicht in fassungsloser Furcht mögen wir vor dem Ewigen stehen! Nach unfern Entschlüssen, nach unfern Thaten wägt er unsere Zukunft ab — unsere Entschlüsse und Thaten aber liegen in unserer Hand! So hat der Allgütige unsere Geschicke in unsere eigene Hand gelegt — wir selbst sollen mttthätig unser Schicksal gestalten helfen. Nicht umsonst hat der Ewige uns in dieser Zeit der Buße die Vaterhand entgegengestreckt. Wenn nicht am Ende des einen und am Anfänge eines neuen Jahres der Gedankenlose zum Ernste gebracht wird, wenn er dann sich selbst nicht mahnt an des Lebens Ende, wenn es ihn da nicht zum Rückblicke auf das vergangene Dasein drängt — dann ist er verhärtet in seiner Sünde, und der Verstockte hat sich das Uriheil selbst geschrieben. Ja, die Hand des Menschen selbst zeichnet sich in jenem Gottesbuche ein, und unsere eigene Handschrift *) Wir entnehmen dieses herrl. Gebet dem soeben erschienenen Buche: „Miro's Techinna für Israels Frauen." (Sechste Auflage.) Völlig umgearbeitet von Ludwig A. Rosen thal, Rabbiner zu Rogasen. (Rogasen. Druck und Verlag von I. Alexander's Buchhandlung.), welches wir allen jüdischen Frauen auf das Angelegentlichste empfehlen können. wird uns einst der Ewige darin zeigen. Nicht machtlos Angeklagte hat Gott vor sein Antlitz berufen — unsere Vergehungen treten wohl als Ankläger gegen uns auf, aber unsere edlen Handlungen stehen als mächtige Berthetdiger ihnen gegenüber. Haben wir sie mit uns gebracht, diese kräftigen Fürsprecher, hierher gebracht, wo die kluge Vertheidigungsrede des Beredtesten verstummen muß vor dem herzdurchdringenden Blicke des Richters? Würden uns Ausflüchte frommen vor dem Allwiffenden, vor dem uns Wahrheit allein rechtfertigen kann? Er kennt fein Geschöpf, dessen Kraft und Schwäche ist ihm nicht verborgen. Der Mensch ist dem Staube entstammt, und Staub ist sein Ende. Wir schwinden dahin, wie der Schatten, wie die Wolke des Staubes sich hebt und verfliegt, wie ein Traum vorüberweht — und um unserer Nahrung willen, für unser tägliches Brod setzen wir unser Leben ein! Eh wir das Leben und seine Verlockungen kennen, eh' unser Herz im Stande ist, der Sünde auszuwetchen, ertönt uns Dein Wort, und Du rufst uns hinweg aus diesem Leben. Du aber, Ewiger, für dessen Jahre es kein Endziel giebt, mit Allgüte und Langmuth schaust Du auf Deine Kinder, mit Erbarmen schreibst Du ihr Urtheil. Unsere redliche Absicht nimmst Du für die That, und die guten Werke, die im Leben uns vergönnt sind, als hätten wir ganz Dein Wort erfüllt. Denn Du bist barmherzig, vergiebst die Sünde und vernichtest nicht, oft ziehst Du Deinen Zorn zurück und läffest Deinen Grimm nicht erwachen. Ewiger, hilf, o König, erhöre uns am Tage, da wir Dich anrufen. Mensch, der du voll Leichtsinn durch's Leben wandelst, dessen Tage eitel sind, der das Vergnügen nur liebt und die Arbeit des Berufes hasset — sollst du zum Leben eingeschrieben werden, so rege voll Redlichkeit die Hand, so sei nützlich deiner Umgebung, auf daß dein Leben einen Werth habe vor dem Ewigen. Werden unsere Güter uns bleiben vor dem Richterspruche des Allmächtigen? Werden wir im Besitze unseres Eigenthums das Ende dieses Jahres erreichen? Daß der ewige Richter mild auf uns blicke, daß wir unsere Gitter aus seiner Hand von Neuem verdienen — o, wir wollen unfern Ueberfluß anwendeu zu Deinem Ruhme und wollen unsere Hand den Armen und Unglücklichen öffnen! Wie lautet Dein Richterspruch — werden wir mit den Unfern gemeinsam das nächste Neujahrsfest erreichen? Erhalte sie uns und flöße uns täglich neue Dankbarkeit für ihre und unsere Gesundhett

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.