Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 76 (24.9.1894)
- Date
- 1894-09-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1423 „Set mir gegrüßt, mein Freund!" Ja, Freund nenne ich Dich, denn all das Gute, was mir jetzt zu Theil geworden, Dir allein verdanke ich es, Du hast mir den Thron gerettet, Du hast die Feinde geschlagen, Du hast diesen großen und gewaltigen Steg errungen, und alle Huldigungen, die mir zu Theil werden, sie gebührten Dir. Wie meinen Bruder will ich dich lieben, und was Du auch von mir begehren solltest, wenn irgend es in meiner Kraft steht, will ich es gewähren." „Majestät," rief Elischa beglückt, diese herrlichen Worte, die Du soeben zu mir gesprochen, klingen tief in meinem Herzen nach und erfüllen mich mit Glück und Freude. Schon glaubte ich, Du wärest mir nicht mehr der edle und gütige Herrscher, da Du mich in den jüngsten Tagen des Vormarsches nur selten an Deine Seite gerufen, aber jetzt sehe ich, daß Dein Auge erglüht, und daß Deine ganze Gestalt umstrahlt erscheint von dem innigen Gefühle der Dankbarkeit." In der That, der König hatte in diesem Augenblicke Alles vergessen, was er sich in Bezug auf Elischa vorgenommen hatte. Das junge Glück der Liebe vergoldete Alles, was er um sich sah, und er hätte so gerne alle Menschen glücklich gemacht und jeden Wunsch erfüllt, der ihm ausgesprochen wurde. Die Worte Elischa's aber riefen ihm sein früheres Vorhaben zurück, und er entsann sich, daß dieser Mann gekommen war, um ein Schweres von ihm einzufordern. Einige Augenblicke schwiegen Beide, und dann sagte der König mit Ruhe und Gelassenheit und jedes seiner Worte wohl abwägend: „Elischa, viele Ehren wollte ich Dir erweisen. Mit Gold und hohen Aemtern wollte ich Dich belohnen, Du aber hast es zurückgewiesen und mir stets erwiedert, daß erst wenn ich zurückgekehrt wäre im Glanze des Sieges, Du sprechen wolltest, um eine große, gewaltige Bitte mir vorzutragen, nun denn, die Zeit ist gekommen, Du wirst nicht länger schweigen wollen. Sage mir, was Du begehrst, damit ich die große Schuld tilgen kann, die mich Dir verpflichtet und Du kennst mein früheres Wort, das ich Dir verpfändet. Wenn es irgend in meiner Macht steht, so will ich Dir gewähren, was Du forderst. Das Wort, das ich Dir damals gegeben, ich halte es auch heute aufrecht, rede Elischa." Elischa schaute den König an und wog ihn mit den Blicken und endlich begann er: „Majestät, wie soll ich Worte finden, um das zu sagen, was so schwer mir auf der Brust lastet. Es ist ein Gedanke, den ich Jahre lang gehegt, der Tag und Nacht mich umgaukelte, in der Hoff- , nung, daß einmal eine ferne Zeit kommen wird, die all mein Hoffen erfüllt. „Sieh, mein Köng, es ist mein Blut, es ist mein Leben, es ist meine Seele, was sich verkörpert in diesem Wunsche, ich bin es ganz, und wenn Du mir ihn abschlägst, so triffst Du mich, meine Seele und meinen Leben auf alle Zeit." „Das sei ferne von mir," rief Kasimir, „daß ich Dir, meinem Wohlthäter etwas Uebles zufüge. Du machst mich immer begieriger zu hören, was Du von mir verlangen kannst." „Majestät," entgegnete Elischa, „was ich zu verlangen habe, ist nichts alltägliches; nicht ein Ding, das uns Freude macht, wenn wir es besitzen, das wir aber auch entbehren können, wenn das Leben es uns verweigert. Nicht allein mein Dasein. das Leben, das Glück vieler tausender Menschen, hängt in diesem Augenblick an Deinem Munde, mein König. Dein Ja kann sie hoch beglücken und bis zum Himmel erheben. Dein Nein kann sie niederschmettern in das tiefste Elend. „Es ist ein Großes, Gewaltiges, was ich von Dir erbitten will, ein Etwas, das die gemeinen Menschen anstaunen werden, als ob es etwas Unbegreifliches wäre. Es ist ein nie Dagewesenes, was sich in diesem Augenblicke, als heißes Flehen von meinen Lippen ringen will, und doch ist es so einfach, doch ist es eigentlich so natürlich und selbstverständlich, und nur Menschenhaß und Bosheit könnte es vermögen, daß mein Flehen als etwas Ungeheuerliches erscheinen muß." „Rede, rede," rief der König ungeduldig, „spanne nicht länger meine Neugier auf die Folter, was kann es sein, was Du begehrst." „So wisse denn, Herr, der Stamm der Juden, der jetzt verachtet und geknechtet in den Ländern lebt, er war einst groß und mächtig, er war einst ein Königreich, zu dem alle Völker mit Verehrung emporblickten. Doch mehr als tausend Jahre sind bereits verflossen, daß unser heiliger Tempel zusammensank in des Feuers Glut! Und dieses Feuer hat fortgebrannt in den Seelen Israels und brennt noch heute fort eine verzehrende Krankheit. Mein ganzes Denken und Trachten hat nur das eine Ziel, uns zu befreien, aus dem Elend der Zerstörung, in dem wir leben. „Wir sind gejagt und gehetzt durch alle Länder. Wir haben keine Heimat, keine Stätte, an der Israel in Frieden verweilen kann, und wenn Du selbst Gesetze erlassen willst, zu unseren Gunsten, wer schützt uns dann noch vor dem Trotze der Einzelnen? Wie sollte sich einer der stolzen Aveligen ein Gewissen draus machen, einen Juden zu mißhandeln, oder gar zu töten, der für vogelfrei gilt bei den Großen und den Kleinen?" —