Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 76 (24.9.1894)
- Date
- 1894-09-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1420 rektor Labes den Vorsitz. Die Vereinsdelegirten Pfarrer Dr. Dechent und Oberlehrer Blum berichteten dann über den Berner Thierschutzkongreß, dessen Verhandlungen seinerzeit in unserer Z itung die gebührende Wiedergabe gefunden haben. Der erste Redner gab zunächst eine fesselnde Schilderung der Aeußerlichkeiten und der markantesten Persönlichkeiten des Kongresses, berührte den Vogelschutz und besprach dann die Verhandlungen über die Schächtfrage. Nachdem der Vorsitzende dem Referenten gedankt hatte, ergriff Rabbiner Dr. Horovitz das Wort. Er protestirte gegen die auf dem Kongreß laut gewordene Behauptung der Schweizer, als ob die Bruneau'sche Schlachtmaske eine leichtere Todesart gewähre, als das Schächten, das die größten Autoritäten der Physiologie, Dr. Bois-Rkymond, Birchow, Damman u. A., für die beste erklären. Die Männer der Wissenschaft seien auf dem Kongreß nicht zu Wort gekommen. Das sei dann als ein Akt der Courtoiste gegen die Schweiz hingestellt worden. Da hätte der Gegenstand überhaupt nicht in der Schweiz verhandelt werden sollen. Deutsche Art, meint der Redner, ist es nicht, Höflichkeit auf Kosten der Gerechtigkeit zu üben. Bei der Vivisektionsfrage hat Prof. Damann in Bern sehr richtig gesagt, der Thierschutz dürfe in keine Menschenquälerei ausarten. Nun, Jemandem die religiösen Empfindungen zu schmälern, ist doch auch eine Quälerei. Daß keine Diskussion beliebt wurde, ist natürlich, denn, da würde ja ans Licht gekommen sein, in welcher Weise das Schweizer Volk getäuscht worden ist. Herr Leop. Hamburger behauptete, daß in der Schweiz sich kein Mensch um das Gesetz kümmere, das die Betäubung vorschreibe. Die alten Schlächtereien und Grausamkeiten gingen ihren Weg, nur das Schächten werde verboten. Das habe in Bern Niemand gerügt. Ebensowenig habe Jemand die Lüge von dem angeblichen Rabbiner Stern widerlegt, der behaupt, das Schächten sei keine religiöse Vorschrift. Stern sei kein Rabbiner, sondern konfessionslos. Oberlehrer Blum erwiederte, das Referat sei nicht vorher gedruckt gewesen, deshalb habe man nicht darauf reagiren können. Ueberhaupt scheine ihm in der Schächtfrage eine heillose Verwirrung zu herrschen. Die meisten verwechseln die Vorbereitung mit dem Schächten selbst. Das Niederwerfen möge verbefferungsfähig sein. Schon vor 200 Jahren habe der Frankfurter Rabbiner Abraham Brody Strohsäcke auf den Boden legen lassen, damit die Thiere sich nicht verletzen. Für solche Vorrichtungen zu sorgen, das sei recht eigentlich Sache der Thierschutzvereine. Was den Schächtschnitt selber betrifft, so sei darüber kein Verein kompetent, das sei Sache der Wiffenschaft, und in der That müsse er sagen, daß alle bedeutenden Autoritäten der Physiologie, der Thierarzneikunde und der Praxis sowohl in Bezug auf die humane, als die sanitäre Seite sich für den Schächtschnttt ausgesprochen haben. Er sei überzeugt, daß wenn die Schächtfrage auf dem nächsten Kongreß, der in 2 Jahren in Pest tagt, zur Verhandlung komme und die Männer der Wissenschaft sich einfänden, der Kongreß sich ähnlich wie bei der Vivisektionsfrage im Sinne der Wiffenschaft entscheiden werde. Nach einigen weiteren Bemerkungen der Herren Pfarrer Dr. Dechent und Rabbiner Dr. Horovitz schloß der Vorsitzende die Versammlung. Marburg, 18. Sept. In Langgöns bei Gießen ist am Sonntag der hessische „Bauernköntg" gestürzt worden. Der bedeutendste und fähigste Antisemit, Dr. Otto Böckel, ist von seinen einstigen Kreaturen, den Hirfchel und Köhler, schmählich verrathen und vernichtet worden. Es war kein Begräbniß erster Klasse, das dem einst Hochgefeierten hier von seinen „guten Freunden" bereitet worden ist. Die seit langer Zeit wühlende Hirschel-Cliqae hat am Sonntag auf der Generalversammlung des Mitteldeutschen Bauernvereins triumphtrt. Dr. Böckel ahnte diesen Ausgang seit langer Zeit, und den Ekel, den der Mann über diese dankbaren Genoffen empfand, mag auch der Gegner des Demagogen mitletdend nachfühlen. Dr. Böckel legte unter kurzen Worten in der Generalversammlung seinen Vorsitz nieder. Er mußte es thun, denn er wäre andernfalls bet der Neuwahl durchgefallen. Die Hirschel-Leute hatten Alles vorbereitet. Keine Stimme erhob sich zu seiner Vertheidigung. Köhler- Gießen ward zum Vorsitzenden gewählt, Hirsche! bleibt Schriftführer. Dr. Böckel erhob sich dann noch einmal, und sichtlich erregt erklärte er seinen Austritt aus der antisemitischen Reformpartet und schloß mit einem energischen Abfchiedsgruß: „Ich verlasse Euch auffs Nimmerwiedersehen." Spitzenreiter und die jubelnde Dorfgemeinde empfingen einst den ungekrönten Hefsenkönig, die Ortschaften waren festlich geschmückt, und seine Worte fanden den andächtigen Glauben des Evangeliums. Ein einsamer, verrathener Mann, verließ jetzt der „Messias" das Dorf, lange bevor die Generalversammlung geschloffen war. Sofort nach seinem Scheidewort begab er sich eilends zur Bahn. Das Ende eines AgitatorsDas Hauptquartier des „Mitteldeutschen Bauernvereins" siedelt nun von Marburg nach Frankfurt-Offenbach über. Den hiesigen Arbeitsgenoffen Böckel's Engelter und Peters, ist sofort gekündigt worden. Die Hirschel-Clique will ein neues, zweimal wöchentlich erscheinendes Blatt herausgeben, das in Offenbach gedruckt werden und bereits diese Woche in einer