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Der Israelit · 1894-09-20 · Heft 75 (20.9.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 75 (20.9.1894)
Date
1894-09-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1399 mehr Nachdenken, sie konnte nur noch weinen schmerzlich und bitterlich. Warum weinte sie dann? Hatte sie nicht Kraft genug, dem zu gehorchen, was der Verstand ihr mit Klarheit und Schärfe vorschrieb? Was widerfetzte sich da in ihrem Innern? Und ohne daß sie es wollte, griff sie mit beiden Händen nach dem laut pochenden Herzen. Ach ja, das Herz, das viel gequälte arme Menschenherz! Aber nein, das Alles war nur eine Ueberreizung ihrer Fantasie. Das Alles war nicht Wahrheit und Wirklichkeit. Fort wollte sie, so bald wie möglich und auf Nimmerwtederkehr. Sie stand auf, um zu ihrem Vater zu gehen, um ihm zu sagen, daß bald der König einträfe, und daß er sich bereit halten müffe zur Reise in ein anderes Land, und plötzlich blieb sie stehen. Was waren da8 für Schritte, die sie hörte? Sie wollte entfliehen! Nein, sie wollte bleiben, sie wollte kalt und klar ihm sagen, was doch einmal gesagt werden mußte. Und da ward die Thüre hastig aufgerissen, und wie ein junger Leu, so kühn, so stark, so mächtig stürmte Kasimir herein, noch voll gerüstet in seiner hell schimmernden, glänzenden Kriegstracht, strahlend in seiner wilden, großen Schönheit, stark, mächtig, wie ein Zauberer aus fernen Landen. Sie wollte sprechen, sie wollte ihn begrüßen, aber schon stand er vor ihr, schon ergriff er ihre Hand, schon sank er vor ihr auf die Kntee, und drückte sein Haupt auf ihre Hände. Die lange Trennung von ihr hatte ihm ganz und voll zum Bewußtsein gebracht, was er für sie empfand, und es ihm klar werden lassen, daß er nicht leben könne ohne sie. Und jetzt, wie er sie vor sich sah, da überwältigte ihn der Augenblick. Er konnte nicht sprechen, er konnte nur zu ihr aufschauen, und mit ihrer zitternden Hand seine heißen Augen bedecken. „Endlich, endlich habe ich Dich wieder." stöhnte er; „so lange habe ich Dich entbehren müffen, wie habe ich mich nach Dir gesehnt, Mädchen! Sprich mein Kind, hast auch Du ein wenig Sehnsucht empfunden nach mir." Sie schwieg und erröthete tief. Er sah zu ihr empor. „Du schweigst," rief er, „so sprich nicht; ich sehe es an Deinem Antlitz. Deine Wangen reden eine deutliche Sprache, Deine Augen sagen mir, was mich beglückt." Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand,1ste wollte ihm ja so ganz Anderes mittheilen, aber sie vermochte nicht zu sprechen, kaum daß sie es über sich brachte, das Haupt zu schütteln. „O ja, Du willst nicht reden" rief er, „so schweige. Ich weiß es ja, ich fühle es an meinem eignen Herzen, daß Du nicht kalt sein kannst und lieblos gegen mich. Ich empfinde es, daß ein Hauch der heißen Leidenschaft, die ich für Dich empfinde, auch auf Dich übergegangen sein muß, aber Du willst schweigen, dann sprich nicht Esther. Die edle mädchenhafte Scheu, die Dir den Mund verschließt, die zurückdrängt das Geständniß Deiner Gefühle, diese edle Scheu war es ja, die mich so bezauberte an Dir." Schnell entzog sie ihm die Hand, die er noch immer mit seinen beiden Fäusten umschlungen hielt. „Nein, Herr, nein!" rief sie, „o, daß ich Euch betrüben, kränken muß, daß ich Euch sagen muß. -" Sie unterbrach sich, die Worte blieben ihr in der Kehle hasten, der Hals war ihr wie zugeschnürt. Und dann stotterte sie wieder hervor: „Nein, nein. Anders war es, was ich sprechen wollte! Gott! wie verwirren sich die Gedanken! „Herr, zürne mir nicht, ich weiß ja nicht mehr, was ich rede. Nein. Kraft! Kraft! höre mich, edler König, höre mich, Du reiner, guter Herrscher, Du. Höre mich ruhig an, ich habe Dir so vieles zu sagen. Eine Jüdin bin ich und Du-nein, es ist nicht möglich, es kann nicht sein" und beide Hände schlug sie vor das Gesicht und wandte sich seitwärts. „Esther," rief Kasimir, „was ist es, das Du mir sagen willst? Von Standesvorurtheilen willst Du reden, daß Du eine Jüdin bist willst Du geltend machen, und daß ich Christ? So kühl, so kalt kannst Du mir fremde Dinge entgegenhalten, da ich Dir zu Füßen stürze in der ganzen Gluth meiner jungen Liebe? Nein, Esther, das kann nicht Deine wahre Meinung sein. Esther, sprich, rede, sag es mir, daß Du nur in der Aufwallung eines Momentes gesprochen Haft, was so tief mich kränken konnte, daß nicht kalter Verstand erlöschen kann den heißen Trieb eines edlen Gefühls." „Herr," flüsterte sie, „es ist doch wahr, es ist doch nicht zu ändern, ich bin Jüdin, der Ewige sei dafür gepriesen, ich bin Jüdin und kann niemals —" „So sei, was Du willst", rief Kasimir „wenn Du nur bleibst, wenn Du nur immer bleibst, so wie Du bist, so schön, so mild, so rein, so gut. „Ich will Dein Sklave sein; befiehl, und auch ich will Jude werden. Befiehl, und dieses Land, dieses Reich soll sich beugen Deinem Willen und soll^thun, wie Du gebietest. Du bist die Königin meines Herzens und ich bin Dein Diener," und was Du auch willst,'soll geschehen, wenn ich ,das eine

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