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Der Israelit · 1894-09-17 · Heft 74 (17.9.1894) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 74 (17.9.1894)
Date
1894-09-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1387 Vermischtes, -ch- Vom Festspiel in Bayreuth hört man nachträglich, daß der Generalmusikdirektor Levi, bekanntlich ein Sohn des Rabbiners Dr. Levi in Gießen, viel unter antisemitischen Angriffen zu leiden hatte. So schrieb ein Rezensent: „Erscheint es schon auffällig, die deutschen Festspiele durch einen jüdischen Dirigenten zu eröffnen, so noch vielmehr wohl unpassend, gerade den Parstfal von ihm immer wieder dirigiren zu lassen. . . ." Levi hat noch unter Wagners Augen die erste Aufführung im Jahre 1882 geleitet, er bütet die Ueberlieferungen desselben und ist deshalb Vielen unbequem, auch hat er unter der frömmelnden Konvertirungssucht mancher Parsifalschwärmer zu leiden, — doch bleibt er sich treu, er ist weiter Jude und—Dirigent der deutschen Festspiele. Trieft. Vor einigen Tagen starb hier der iüd. Hausirer Josef Sidwers, der e8 nie versäumte, früh und abends im GotteShaufe zu erscheinen und daselbst seine Andacht zu verrichten. Vor dem Verlassen deS Gotteshauses warf er immer, trotzdem er blutarm war, seinen OboluS in die Armenbüchse. Da er ohne Familie war, so wurde er in daS hiesige jüd. Spital ausgenommen, wo ec auch starb. Aus Dankbarkeit hat er nun dem Spitale sein ganzes Vermögen im Betrage von 250 fl. testirt. innUD nJOttfn ’SOD mn. Feuilleton. E> Der Schadchen. G-4- Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) Der alte Feiwel Rothenfies, Synagogendiener in P. saß vergnügt auf seinem Bureau — so nannte er die kleine Kammer, die in seiner Wohnung im vierten Stockwerk nach dem Hofe hinauslag und sah die Briefe durch, die ihm der Postbote vor einer Viertelstunde gebracht hatte. Es war ein altes, hageres Männchen mit schneeweißem Haar, in dessen rumliches Gesicht das Leben seine Runen tief eingegraben hatte. Auf seiner stark gebogenen Adlernase saß eine Hornbrille und gab dem Antlitz ein eulenartiges Aussehen. Seine Kleidung war ärmlich, jedoch peinlich sauber und es war auf dem Rock, der gewiß seine vierzig Sommer zählte, kein Stäubchen und kein Fleck zu sehen. Die gleiche Reinlichkeit und Ordnung herrschte auch in dem sogenannten Büreau und Feiwel Rothensies hätte lieber gehungert, als daß er sich in einem unordentlichen, unreinen Raum aufgehalten hätte. Jede Sache hatte bei ihm ihren bestimmten Platz und er war unglücklich, wenn irgend etwas einen halben Centtmeter von seinem Platze weiter rechts oder links stch befand. Neben ihm auf der Erde stand ein alter Ctgarrenkasten. der als Aufbewahrungsort für unbrauchbares Papier diente! Was Feiwel dahinetnwarf, war wirklich unbrauchbar; es hatte kein unbeschriebenes Fleckchen mehr. Die Couverts der eingegangenen Briefe wurden aufbewahrt, um auf der Innenseite als Notizblätter verwandt zu werden; jedes fliegende Blatt diente demselben Zweck. Feiwel hatte eine ausgebreitete Correspondenz. Das brachte sein Geschäft so mit sich, denn Feiwel war „Ein in distinguirten Familien eingesührter Schadchen," wie seine Annoncen in den politischen Tagesblättern besagten. Zwar konnte sich Feiwel trotz seiner langjährigen Thätigkeit keines besonderen Erfolgs erfreuen, aber er war auch mit wenigem zufrieden und war glücklich, wenn die, durch ihn vermittelten Parthien gut ausfielen, d. h. die betreffenden Leute sich glücklich fühlten. Bet ihnen war Herr Feiwel persona grata und er gefiel sich darin, den Beschützer ihrer Liebe zu spielen. Feiwel las die Briefe aufmerksam durch und brummte dabei behaglich. Hie und da wurde sein Brummen durch die Ausrufe „Chammer, Schofel, daß ich ein Narr wäre!" unterbrochen und als er die Lectüre der Briefe beendigt hatte, machte er sich sofort daran, die wichtigsten zu beantworten. Das ging freilich langsam, denn erstens war Feiwel kein geübter Schnellschreiber und dann mußten die Episteln diplomatisch, fein diplomatisch abgefaßt sein. Die meisten Menschen scheuen sich ja, die Sachen mit dem richtigen Namen zu benennen und winden sich am liebsten um etwas Unangenehmes herum, um wie viel mehr muß sich ein Schadchen winden, um die Fehler und Häßlichkeiten der menschlichen Gestalt mit angenehmen Worten zu bekleiden! So schreibt Feiwel einem Vater, deffen Tochter braunrothes Haar hat: Die etwas gar zu grelle Färbung der blonden Haare Ihrer Tochter wird kein ernstliches Hinderniß bilden, wenn Sie nur die goldige Färbung derselben, die Tizian so hoch schätzte, in die rechte Beleuchtung zu setzen, verstehen wollen. Dagegen müssen Sie die von dem jungen Manne verlangten Eigenschaften auf ein vernünftiges Maß beschränken. Die Ehe ist ja eine Erziehungsanstalt und was in dieser Hinsicht meinem Protege fehlen sollte, kann ihm seine Zukünftige leicht anerztehen." Einem jungen Manne, der ihn um) seine Vermittelung zur Erlangung einer besseren Hälfte angegangen und dabet unbescheiden hohe Ansprüche gemacht hatte, antwortete er: „Ihr Ansprüche sind so bescheiden gegen das, was Sie zu bieten haben, daß ich es nicht verantworten kann, einem meiner Freunde Ihre Adresse zu geben. Warten Sie noch einige Jahre, dann wissen Sie vielleicht den Werth des Geldes und den einer tüchtigen Hausfrau beffer zu schätzen." In solchen Kreisen bewegte stch die Korrespondenz

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