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Der Israelit · 1894-09-17 · Heft 74 (17.9.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 74 (17.9.1894)
Date
1894-09-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1386 1. Positive Vorschläge bezüglich des Baues je einer neuen Synagoge im Westen, Norden und Osten mit Einrichtung je einer Retigionsschule dabei. Der Gottesdienst ist nach der Richtung der wirklichen Besucher zu regeln. 2. Einführung des jüdischen Religionsunterrichts an allen öffentlichen und möglichst allen Privatschulen mit mehr als 30 jüdischen Schülern oder Schülerinnen. 3. In der Armen- und Waisenpflege ist erstens auf wirklich jüdische Erziehung zu achten, zweitens dafür Sorge zu tragen, daß die Erziehung nicht über den Stand der Kinder hinaus erfolgt, folglich auch viel billiger ist als jetzt. 4. Vor allem die geistigen Interessen des Judenthums zu fördern, Rabbinern und Lehrern eine möglichst unabhängige Stellung einzuräumen; jeder Rabbiner soll nur in einer Synagoge predigen, von Ausnahmen abgesehen, um so den Mitgliedern seiner Gemeinde auch persönlich nahe zu kommen. 5. Einführung des Bezirkssystems; jeder Bezirk wählt seine eigenen Repräsentanten, wie es bet den Stadtverordneten geschieht. Wird der „Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde Berlins" mit solchen oder ähnlichen Programmpunkten jüdische Volksversammlungen einberufen, wird er mit seinem System brechen, nur Reiche als Kandidaten auszustellen, anstatt die Intelligenz zu suchen, wo sie gerade sich findet, so werden seine Versammlungen voll sein, er wird den Jndifferentismus brechen uud in den Wahlen siegen. Das wird seinen bisherigen Verdiensten neue größere hinzufügen und der jüdischen Gemeinde Berlins zum Heile gereichen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Lemberg, 12. Septembcr. (Ausführlicher Bericht.) Unter den Auspicien Sr. Majestät wurde heute das neue israelitische Waisenhaus eröffnet. Das schöne Gebäude, welches theils aus Gemeinde- Mitteln, thetls aus einer Widmung der Familie Rosenstein erbaut wurde, ist für sechzig Knaben und sechzig Mädchen eingerichtet und auf das zweckmäßigste ausgestattet. Ungeheure Menschenmaffen harrten vor dem prächtig geschmückten Gebäude der Ankunft des Monarchen. Am Portale hatten die jüdischen Bethausvorstände mit der Bundeslade, der Thora und dem rituellen Silbergeräthe Aufstellung genommen, während mehrere Vereine so wie die Schuljugend längs der Straßen Spalier bildeten. Zum Empfange des Monarchen waren Se. k. und t. Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Leopold Salvator, ferner Ministerpräsident Fürst zu Windisch-Grätz, die Minister Gras Falkenhayn und Ritter von Jaworski, Landmarschall Fürst Sanguszko mit den Landes-Ausschüssen, der Vicepräsident des Landschulrathes Dr. Bobrzynskt, Landes Schulinspector Baranowski so wie Vicebnrgermeister Dr. Marchwicki erschienen. Vor der Front waren die Waisenknaben mit ihrer Musikcapelle postirt, während vom Portal bis zum Eingänge die Mädchen Spalier bildeten. Um 10' /4 Uhr trafen Se. Majestät, Allerhöchstwelchem Bürgermeister Mochnacki voranfuhr, den Statthalter zur Seite, ein; enthusiastische Hoch- und Niech zyje- Rufe ertönten. Rach einer kurzen Ansprache des Cultusvorstandes Horowitz wurden Se. Majestät ins Haus geleitet. Der Monarch dankte in der gütigsten Weise den Mädchen, die Ihm Blumen streuten, und betrat den prachtvoll mit Gobelins und Gewächsen decorirten Festsaal, in welchem ein Thron mit Baldachin aufgestellt war. Ein Choral, von Knaben und Mädchen gesungen, begrüßte Se. Maj'ftät. Hierauf sprachen Rabbiner Schmelkes in hebräischer und Prediger Dr. Caro in polnischer und deutscher Sprache Segenswünsche für den Monarchen aus. In der Ansprache des Letzteren heißt es, daß heute der Gemeinde großes Heil widerfahren sei, das von Geschlecht zu Geschlecht fortblühen werde. Gottesfurcht, Menschenliebe und Patriotismus werden an dieser Stelle gelehrt werden, die durch die Anwesenheit des Gesalbten des Herrn geweiht worden ist, des Monarchen, Der Sich der Armen und Elenden, der Wittwen und Waisen erbarmt, allen Völkern und Stämmen ein Vater ist, von allen Nationen als Friedensfürft verehrt wird. Am Schluffe flehte der Redner Gottes reichsten Segen auf Ihre Majestäten den Kaiser und die Kaiserin und das Allerhöchste Kaiserhaus herab. Se. Majestät zeichneten hierauf Allerhöchstsei« neu Namen in das Gedenkbuch ein, beehrten den Rabbiner und den Prediger mit Ansprachen, in welchen Allerhöchstderselbe den frommen Sinn priesen, und besichtigten sodann das ganze Haus. Der Chor sang, als der Monarch durch die Räume schritt, die Volkshymne in deutscher Sprache. Zum Schlüsse begaben Sich Se. Majestät in den Betsaal, woselbst der Rabbiner und der Prediger vor der offenen Bundeslade das Gebet für den Kaiser sprachen. Se. Majestät dankten in gnädigsten Worten, sprachen Allerhöchstsich belobend darüber aus, daß auch für die religiösen Bedürfnisse gesorgt sei, und drückten Allerhöchstsein Wohlgefallen über das schöne Haus aus. Auch dem Cultuspräses Horowitz dankten Se. Majestät wiederholt und verließen sodann, von der Menschenmenge abermals mit stürmischen Jubelrufen begrüßt, die Anstalt. Die hohe Auszeichnung, die heute der jüdischen Gemeinde zu Theil wurde, machte auf alle Mitglieder derselben den tiefsten Eindruck.

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