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Der Israelit · 1894-09-17 · Heft 74 (17.9.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 74 (17.9.1894)
Date
1894-09-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Beilage;u M 74 -es „Israelit". Zeitttttgsttachrichteu ««d Correspondenze«. Deutschland. Berlin, im Sept. Ueber den „Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin" berichtet der soeben hier erschienene Jsr. Volkskalender von 5655 (Hugo Schildberqer): 6 Jahre sind es jetzt beinahe her, als eines Tages kurz nach den Festen die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Berlin ein Zirkular erhielten, in dem ein Herr I. Weinberg, der großen Mehrzahl ganz unbekannt, den Gemetndemttgltedern auscinandersetzte, daß in der Berliner Judenheit in religiöser Beziehung Zustände herrschten, die unmöglich so weiter gehen dürften. Sein Hinweis, daß viele Tausende jüdischer Kinder ohne jeden Religionsunterricht aufwachsen, sein Hinweis darauf, wie wenig der nur für die 3 hohen Festtage eingerichtete Gottesdienst in meist sehr zweifelhaften Lokalen den wirklichen Anforderungen der Religion, ja oft nur des Anstandes entspreche, fanden lebhafte Zustimmung und nach Tausenden zählten die Beifallserklärungen, die Herrn Weinberg zugingen und ihn ermuthigten, dem Cirkular öffentliche Versammlungen folgen zu lassen. Dieselben fanden statt, und trotzdem in denselben mehrere Repräsentanten der Gemeinde sich Mühe gaben, das bisherige System zu vertheidigen, wurde dasselbe von der großen Mehrzahl der Erschienenen scharf verurtheilt. Aus diesen Versammlungen ging durch Wahl eine 75er Kommission hervor, je 15 Mitglieder aus jedem Stadtviertel und diese neugebtldete Kommission nahm die Wahlagitation in die Hand mit dem Programm: 1) Mehr Synagogen ohne unnöthigen Luxus. 2) Mehr Religionsschulen. Die Wahlen 1889 ergaben denn auch unter außergewöhnlich starker Betheiligung einen Sieg der 75 er Kommission, die ihre 3 wichtigsten Kandidaten: San.-Rath Blumenthal, Geh. San.- Rath Kirstein, S. Leichtentritt durchsetzte. Das Auftreten des Herrn Weinberg, der sich dadurch sehr große Verdienste um die Berliner jüdische Gemeinde erworben hat, und die Gründung der 75 er bedeutete einenIbedeutsamen Fortschritt. Angelegenheiten der Gemeinde wurden in öffentlichen Versammlungen auch außerhalb der Wahlzeit erörtert, die Mitglieder der Gemeinde.'fanden Gelegenheit ihren Wünschen Ausdruck zu geben, der Vorstand und die Repräsentanten die Möglichkeit, solche Wünsche entgegenzunehmen, und!manche derselben wurden auch erfüllt. So ist die Zahl der von der Gemeinde für die hohen Feste gemietheten Säle bedeutend erhöht worden und damit Tausenden ermöglicht, an einem geordneten Gottesdienst Theil 3 zu nehmen, die in den ständigen Synagogen keinen Platz finden. Auch andere kleinere Erfolge fehlten nicht und vor allem nahm auch die frühere Vorstandspartei die Prinzipien der neuen Bewegung an, verlangte aber in der Ausführung ein mäßigeres Tempo und machte damit das Zugeständniß fast illusorisch. Unter dem Eindruck der Erfolge organistrte die 75 er Kommission den „Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin", der ihre Thätigkeit dauernd fortsetzen sollte. Leider aber verließ dieser Verein das demokratische Prinzip, dem die Bewegung ihre Erfolge verdankte. Entmuthigt durch einzelne Fehlschläge verzichtete man auf die jüdischen Volksversammlungen, beraubte sich dadurch der lebhaften Verbindung mit den jüdischen Massen und erzeugte in den eigenen Reihen den Jndifferentismus, den wirksam bekämpft zu haben, das eigentliche Verdienst der 75 er war. Dazu kam, daß man auch bet der Kandidatenliste die Anschauung vertrat, vorzugsweise reiche Juden heranzuziehen, so daß die Liste des Centralvereins sich jetzt nur durch den Namen, nicht durch das Prinzip von der Liste der anderen Richtung unterscheidet. Trotz aller Mißgriffe errang der Centralverein auch 1892 bet den Wahlen eines sichern Erfolg, der 4 seiner Kandidaten, den Herren Oppenheim, Bodenstein, Martin Simon, Dr. Jastrowitz den Eintritt in die Repräsentantenversammlung gewann. Er dankt aber diesen Erfolg mehr der Opposition gegen den jetzigen Vorstand, als sich selbst, denn der Jndifferentismus in seinen eigenen Kreisen ist ständig im Wachsen. Dem Centralverein liegt das sehr berechtigte demokratische Prinzip zu Grunde, daß die Gemeindemitglieder selbst mitzuwirken haben an der Leitung der Gemeinde, nicht nur der enge Kreis der wenigen Familien, die seit Generationen die Regierung der jüdischen Gemeinde führen. Aber er muß dieses Prinzip mehr als in den letzten Jahren beherzigen, er muß sich an die Massen wenden, wieder jüdische Volksversammlungen veranstalten, in denen die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde Berlins diskutirt werden und damit diese Diskussion alle wichtigen Fragen im Gemeindeleben berühre, mutz er seine Programmpunkte erweitern. Zur Erweiterung dieses Programms schlägt Herr Schildberger die folgenden 5 Punkte vor:

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