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Der Israelit · 1894-09-17 · Heft 74 (17.9.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 74 (17.9.1894)
Date
1894-09-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1383 gen auf Nimmerwiedersehen, das erschien ihr schier wie ein Traum. Doch so leid es ihr that, daß er sich zornig fort gewendet, sie empfand nicht den tiefen Schmerz, der sich ihrer hätte bemächtigen müssen, wenn die Gefühle, die die Beiden vereinten, die wahre Liebe gewesen wäre. Die Unruhe, die seit jenem Augenblicke über sie gekommen war, war ihr selbst fast unerklärlich. Es war ihr, als ob ihr der Boden unter den Füßen brannte, als ob jeden Augenblick etwas Merkwürdiges, etwas Unerwartetes sich ereignen müsse. Sie bedachte nochmals all das Wunderbare, was sie schon erlebt hatte in ihrem noch so kurzen Leben, noch mehr aber dachte sie an die Zukunft und was jetzt aus ihr werden sollte. War es deßhalb, daß sie sich so ruhelos fühlte?! Von Elifcha war sie geschieden auf ewig, das fühlte sie; aber auch hier, im königlichen Schlosse konnte ihres Bleibens nicht länger sein. Längst schon hätte sie dasselbe verlassen, wenn es ihr gestattet gewesen wäre; aber auf alle ihre Anreden wurde ihr stets erwiedert, daß sie dem König, der so viel für sie und ihre Glaubensgenossen gethan, nicht entfliehen dürfe, daß sie ihm persönlich danken müsse für alle seine Wohlthaten, und daß wenn sie nicht gutwillig bliebe, man sie dazu zwingen würde. Was aber sollte nun aus ihr werden? Fliehen mußte sie aus diesem Schlosse, fliehen, so schnell als möglich! Sie ahnte es wohl, daß König Kasimir sie liebte, daß er sie zu seinem Weibe begehren würde. Wie aber, wenn der König, mit all der Macht, mit der er ausgerüstet war, auf seinen Willen bestehen würde? Kasimir stand an der Spitze eines christlichen Staates, und wenn er wahr machen würde, was sie im Herzen ahnte, so würde er jedenfalls zuerst von ihr verlangen, daß sie ihrer Religion untreu werde, daß sie den angestammten herrlichen Glauben ihrer Väter verlassen müsse, daß sie sich taufen- Sie erschrack so sehr bei diesem Gedanken, daß sie nicht vermochte, ihn auszudenken. Nein, dessen war sie sicher in ihrem Herzen, darüber war sie klar und fest entschlossen, daß sie lieber sterben werde, als den Glauben ihrer Väter verleugnen, als schnöde abzusagen der einzigen erhabenen Wahrheit, als abtrünnig zu werden von dem Höchsten und Größten, was des Menschen Gemüth besitzt, von dem Glauben an den einzigen und wahren Gott. Und dennoch, wie sollte es werden? Was sollte sie thun? Esther war noch ein sehr junges Mädchen, und welches Frauengemüth würde nicht befangen sein bei dem Gedanken an den Glanz und die Pracht, die ihr ein Thron zu bieten vermöchte? Schon der reiche Prunk im Schlosse hatte den starken Reiz auf ihr junges Gemüth auSgeübt. Sie fühlte sich wohl in dieser Fülle, in diesem Reichthum, der sie umgab. Hatte doch sogar der König in seiner liebevollen Rücksichtnahme und Sorgfalt für sie im Schlosse eine eigne Küche einrichten lassen, in der ein jüdischer Koch die besten und vorzüglichsten Speisen bereitete, die nach dem Gesetze ihrer Religion zum Genüsse erlaubt waren. Und Alles, was sie um sich sah, konnte ja vielleicht ihr Eigen werden, Königin durfte sie vielleicht über dieses große und mächtige Reich sein. Und Fürsten und hohe Herren würden sich vor ihr beugen, und ihr zu Füßen liegen. — Was war das? Hatte die zügellose Schwärmerei Eltschas sie angesteckt mit ihrer Vernunftlosigkeit? Gewaltsam drängte sie diese Gedanken zurück, die sich ihr immer wieder aufdrängten. Der König dachte gewiß nicht mehr an sie, er hatte sie wohl längst vergessen in den Sorgen des Krieges und in den Mühen um sein Reich?! Doch nein! zu deutlich sprechen die Briefe und Geschenke, die Kasimir fast täglich an sie richtete. Er liebte sie, das war zweifellos, das hatte er selbst immer und immer wieder betheuert, und er hatte auch geschrieben, daß er nicht leben könne ohne sie, und daß sie sein eigen werden müsse. Königin von Polen! Nein, so viel Reiz auch in diesem Gedanken lag, so herrlich es wäre, sich in solcher Fülle, solcher Macht, solchemWlanze zu wissen, dies Alles könnte sie nicht bewegen, jenes gräßliche Verbrechen an ihrem Gott und ihrer Seele zu begehen, das man wohl znr Bedingung machen würde, zum Preise für das Glück, das mankihr bieten wollte. Aber der König selbst, wenn er wünschte, wenn er befahl, mußte sie ihm nicht gehorchen? Wie verehrte, wie liebte sieZdie erhabene Gestalt des Monarchen. Wie hoch stand er vor ihrem geistigen Auge in der idealen Größe seines Herzens, zu der sie empor^blickte, wie zu einem Wunderwerke aus längst vergangener Zeit. Hatte er doch aus freier Anregung, nur geleitet von seinem Gerechtigkeitsgefühl und ^seiner wahren und innigen Menschenliebe, gleich nachdem er den Thron bestiegen,.^ Freiheit und Recht verkündet; hatte die Juden befreit von all den schweren und niederdrückenden Lasten, durch die dteselben^in Polen, wie in allere andern Staaten geknechtet waren. Hatte er doch eine Freistatt für alle Bekenner des einzigen Gottes gewährt, die sonst aus dem weiten Lande mit Feuer und Schwert vertrieben wurden.

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