Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 74 (17.9.1894)
- Date
- 1894-09-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1381 Fall in dieser humanen Anstalt. Obwohl es vom religiösen Standpunkte sehr zu bedauern ist, daß jüd. Kinder in einem christlichen Institute erzogen werden sollen*), so gereicht diese That doch unserem Municipium zur Ehre, das eben beweisen will, daß es alle Consessionen hochachte und keine zurücksetzen mag. Budapest, 6. September. Der clericale Magyar Allam, welcher auch in Antisemitismus macht, führt heute in einem Leitartikel darüber Beschwerde, daß vor Kurzem ein Jude, Dr. Ignaz Koldziher, an der Budapester Universität, welche aus katholischen Fundationen erhalten werde, zum Professor ernannt wurde. Es dürfte dem ultramontanen Organe noch nicht bekannt sein, daß seither ein zweiter Jude zum ordentlichen öffentlichen Professor ernannt wurde. Es ist dies der Advocat und Privatdocent Dc. Gustav Schwarz, dessen Ernennung zum Profeffor des römischen Rechtes vom Kaiser bereits vollzogen und im Amtsblatte publicirt worden ist. Aus Graz wird berichtet: Der Zwischenfall in Mureck wird, der „Grazer Tagespost" zufolge, in der nächsten Sitzung des Landesausschusses zur Sprache gelangen. Es wird von der Landesverwaltung untersucht werden, ob in dem Auftreten einzelner Wirthshausgäste gegen den Landes-Jngenieur Heide auch eine Beleidigung des Landesausschusses zu erblicken wäre und welche Schritte diesfalls zu unternehmen seien. Die Statthalterei hat sofort, als die ersten Meldungen über den Zwischenfall erschienen waren, einen Bericht von der Bezirkshauptmannschaft in Radkersburg verlangt. Die leidige Affatre wird auch die Gerichte mehrfach beschäftigen. Rumänien. Bukarest, 7. Sept. Das hauptstädtische Tribunal hat anläßlich einer an dasselbe gerichteten Berufung gegen ein erftrichterliches Urtheil eine prinzipiell interessante Entscheidung gefällt. Der Etnbringer der Berufung hatte nämlich seinen Rekurs gegen das erstinstanzliche Urtheil damit motivirt, daß dasselbe auf Grund eines von seinem der israelitischen Konfession angehörigen Prozeßgegner nicht nach mosaischem Ritus, sondern im Gerichtssaale abgelegten Eides ausgesprochen worden sei. Das Tribunal hat nun diese Motivirung als unbegründet zurückgewiesen. Bezüglich der prinzipiellen und moralischen Bedeutung dieses Bescheides muß auf den Unfug verwiesen werden, welcher namentlich von einzelnen unteren Gertchtstnstanzen der Provinz damit getrieben wurde, daß man Parteien *) Warum sorgt die große isr. Cultusgemeinde nicht anderweitig für isr. Waisenmädchen? Red.) mosaischen Glaubens zur Eidesleistung im Gerichtssaale gar nicht zuließ, sondern sie zu der umständlichen Eidesleistung in der Synagoge verhielt. Mit der Entscheidung des Bukarester Tribunals, daß der von einem Juden im Gerichtssaale auf seine heiligen Bücher abgelegte Eid volle Geltung habe, ist freilich die Frage betreffs der Berechtigung der rumänischen Gerichte, von einer israelitischen Partei die Eidesablegung nach alttestamentarischen (?) Ritus in der Synagoge zu verlangen, noch keineswegs endgiltig beantwortet. Hierzu bedarf es erst eines Urtheils des Kaffationshofs, da es, so lange ein solches noch nicht erflossen ist, den Einzelrichtern auf die bloße Gefahr eines Rekurses an die Oberinstanz hin noch immer freisteht, die betreffende Frage nach ihrem Gutdünken zu behandeln. Rußland. Liebau in Kurland, 23. August. -pvib na na 'm yiH nx hnti ny aw* tb n. War das heute wieder ein Jammern und Schluchzen in den Straßen unserer Stadt, als hundertundvierzig jüd. Familienväter mit ihren Frauen und Kindern Abschied von ihrer theueren Heimath und ihren theueren Anverwandten nahmen, um nach der neuen Welt zu ziehen und sich dort eine neue Heimstätte zu gründen. Freunde und Bekannte dieser Auswanderer gaben ihnen das Geleite bis zum Landungsplätze, wo der Dampfer „Hurkow" vor Anker lag, der zur Ueberfahrt für dieselben bestimmt war. Noch ein Kuß, noch ein Händedruck, dann begaben sich die Auswanderer auf's Schiff, während die am Ufer Zurückgebliebenen ihnen die d»jtd na*n (Priestersegen) nachriefen. Das Ziel dieser Auswanderer ist jedoch weder die Bereinigten Staaten noch Argentinien, sondern das kalte Canada mit seinen Eisfeldern, wo sie sich in der Nähe der großen Seen ansiedeln wollen. Holland. Amsterdam, 2. September. Das hier erscheinende „Central Blat voor Israeliten in Niederlande" veröffentlicht nachstehenden Bericht: Ein russischer Jude, der in Folge der Verfolgung seine Heimat verlassen und deffen Hab und Gut bei der Verfolgung ein Raub der Flammen geworden ist, kam mit Frau und drei Kindern nach den Niederlanden, wo er nach langem Suchen eine Existenz fand als Religionslehrer in einem kleinen Orte. Nach einiger Zeit erhielt er den Antrag von einem Wurstfabrikanten in Groningen, bei ihm gegen gute Entlohnung den Posten eines Aufsehers zu übernehmen. Er acceptirte den Antrag, der ihm eine bessere Existenz in Aussicht stellte und verließ die sehr kümmerlich dotirte Lehrerstelle.