Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 73 (13.9.1894)
- Date
- 1894-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448479--39275-2487419- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1359 In den Einschaltungen für Chanukah und Purim — d’djh by — nehmen sie dem Stammvater der Makkabäerfamilie die Hohepriesterwürde und schreiben 'im »jtdbcti inan pnr p irrnnD m. Daß sie die Worte: Ta cnn omnö Ta q»möb ■jonn 'pvip streichen, kann man schon aus Rücksichten der Wahlverwandtschaft begreiflich finden. Man kann von ihnen doch nicht verlangen, daß sie gleich dem übrigen Israel Chanukah als ein Fest feiern, an welchem die Unreinen und Uebermüthigen den Untergang durch Reine und Thorabefltssene fanden. Das wäre ja eine Selbstdegradirung bedenklichster Sorte! Dagegen gehen sie recht glimpflich mit dem alten Haman um und möchten sein Andenken nicht dadurch herabsetzen, daß sie seine unfreiwillige Erhöhung am Galgen in ihrem Gebetbuche verewigen. Sie haben daher die Worte yyn by na nw m« „pietätsvoll" gestrichen. — Es ist dies die einzige zweifellos aufrichtige Pietät, der man in diesem Gebetbuch begegnet. Es ließen sich von diesen. Willkürlichkeiten, bei welchen man nicht weiß, ob man mehr die Albernheit oder die Frivolität anstaunen soll, noch hunderte von Belegen anführen. — Aber für jeden halbwegs Einsichtigen dürften die bisherigen Proben mehr als genügen. Wer sich zu den Wahrheiten und Unwahrheiten bekennt, welche hier zum Ausdruck kommen, hat mit dem Judenthum gebrochen, welches wir aus den Händen unserer Väter und Mütter überkommen haben. Diese Modereligion, wie sie sich in diesem Gebetbuch repräsentirt, ist ein Zwitterjudenthum, das sich von dem gesetzestreuen, unverfälschten, einzigen der Geschichte, wie Tag und Nacht, wie Sein und Nichtsein unterscheidet. Wer daher dem wahren Judenthum der Vergangenheit und der Zukunft auch in der Gegenwart die Treue bewahren will, die es von seinen Bekennern fordert, der kann mit den Bestellern, Verfassern und Betern dieses neuen Gebetbuches nicht zusammen beten, der kann mit ihnen kein gemeinsames Gotteshaus besuchen und vor allen Dingen nicht eine einheitliche, jüdische Gemeinde bilden. Wer mit der großen jüdischen Gesammtheit unzertrennlich verbunden bleiben will durch das Band des einen, einzigen Gottes und die Art und Weise seiner Verehrung muß sich von denjenigen lossagen, die vor diesem Riß nicht zurückschrecken, den sie in die zeitgenössische Judenheit zu reißen im Begriff sind. Ein solcher Schritt wird für den Anfang seine nicht zu unterschätzenden Schwierigkeiten haben, aber er ist, soweit Menschenaugen sehen, der einzige, offene Weg, für die Erhaltung resp. Wiedergewinnung des Judenthums in Westphalen. Es werden zunächst nur verhältnißmäßig kleine Minoritäten sein, welche die ganze Gefahr begreifen, denen ihre und ihrer Kinder religiöse Zukunft ausgesetzt ist, wenn es auf diesem Wege weitergeht. Diese wenigen müßten sich dem bestehenden Verband gegenüber zu einer Gegen-Vereinigung constituiren und je nach ihrer nummerischen Bedeutung und ihren materiellen Mitteln die erforderlichen Maßnahmen treffen. Und wenn es in den verschiedenen Gemeinden auch nur Einzelne wären, die für sich nicht in der Lage wären, dem Pflicht- und gottvergessenen Leichtsinn einer feindselig gegenüber stehenden Majorität sich zu einer That zu vereinigen, so müssen sie diesen anmaßenden Neuerungen wenigstens passiven Widerstand entgegen setzen. Die heiligen, „furchtbaren Tage" nahen heran, in welchen es jede jüdische Seele mehr als sonst im Jahre ins gemeinsame Gotteshaus zieht, um gemeinsam in dieser schweren, ernsten Zeit vor Gott im Gebete zu ringen. Wo in Westphalen eine Gemeinde d ieses Geb e tbuch eingefüh rt hat, ist es Pflicht dtesemZuge entgegen zu treten und lieber am Rosch-Haschono und Jom Kippur mutterseelenallein in seinem Zimmer zu beten, als an der offiziellen ö ff entlich en Verachtung und Verhöhnung des Judenthums theilzun ehmen, welche dieses Gebetbuch bedeutet. Mögen die anderen immerhin aus ihre Majorität pochen, sie ist doch eine Täuschung. Von den 7—8 Millionen, auf welche Zahl man gewöhnlich die Bekenner des Judenthums schätzt, zählt die große, erdrückende Mehrheit doch zu dem alten, überlieferten, orthodoxen Judenthum und nur ein verhältnißmäßig kleiner, verschwindender Bruchtheil ist es, der die alte Fahne treulos verlassen hat. In einzelnen Gegenden und Gemeinden mögen die Treulosen schon die Mehrheit bilden, in Wirklichkeit ist dem, Gott sei Preis und Dank, nicht ^so. Mitten unter dem Troß der Treubrüchigen fühlt sich der Redliche verlassen und verrathen. Denn er fühlt, daß er durch seine bloße Anwesenheit den Abfall sanktionirt und fördert. Aber der vereinzelte Ehrliche in seinem Kämmerlein weiß sich nicht vereinsamt. Er weiß Gott auf seiner Sette und fühlt sich eins mit den Myriaden Israels, die das gleiche verbrüderte Band verbindet. — Die Wahl kann dem Redlichen, Einsichtigen nicht schwer fallen. — Je entschiedener die vereinzelten Braven und Wackeren Westfalens die Consequenzen ziehen, die durch die Lage der Dinge geboten sind, desto sicherer ist auch bei der großen Masse eine Wendung zum besseren zu hoffen. — Dazu möge Gott seinen Segen geben!