Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1894)
- Date
- 1894-09-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1346 nicht Sitte." Ich war zum erstenmale in Mureck und habe alle die Herren, welche mich so beleidigten, in meinem Leben nicht früher gesehen. Nun ertönten wieder die Rufe: „Jud'! Semite! Er ist ein Jud'!" nur noch lauter, worauf ich sagte: „Wenn ich durchaus ein Jude sein soll, so bin ich wenigstens ein frommer Jude, ich war heute hier schon in der Kirche, Sie können den Herrn Pfarrer fragen," worauf mir Bürgermeister Mravlag zurief: „Wir brauchen keinen Pfarrer, ich bin selber Pfarrer und Papst: wenn Sie kein Jude sind, so sind Sie ein getaufter Jud' und sind schlechter wie ein Jud', Sie sind kein Deutscher!" — „Wir sind deutsch, urdeutsch!" erscholl es dazwischen. Da sagte ich zu Herrn Mravlag: „Sie scheinen nicht mehr zu wissen, wer ich bin, mein Name ist Alois Franz Heide, und ich in bin steiermärkischer Landes-Jngenieur und kein Jude, weil ja der steiermärkische Landesausschuß keinen Juden anstellt." „Ach was, Landesausschuß!" rief mir Bürgermeister Mravlag in höhnischem Tone zu, „der Landesauschuß handelt auch manchmal jüdisch." Nun sprang ich auf und wollte aus dem Zimmer eilen, wurde aber daran vom Bezirksgerichts-Adjuncten Pfeifer und von der mir unweit sitzenden Gemahlin des anwesenden k. k. Bezirksrichters Herrn Morocuti in St. Leonhard gehindert, weil dieselben befürchteten, daß es mir draußen schlecht ergehen könnte. Sah ich doch selbst, wie verschiedene, mir leider nicht bekannte Herren in verdächtiger Weise Biergläser und Schilcherfläschchen hoben. Jetzt erschollen aber die Rufe: „Hinaus Jud'!" „Jud' hinaus!" und besonders Herr Bürgermeister Mravlag war es, der mir zurief: „Sie sind ein Jud', hinaus Jud'! Jud' hinaus!" Ich sah, daß kein Nachgeben zu erzielen war, und wurde beim Verlassen des Zimmers von vielen Herren, welche aufgestanden waren, mit den Worten begrüßt „Schaut' s ihn an, wie er geht, wie ein Jud', hinaus Jud'!" Manche Herren und Damen lachten dazu. So mußte ich schmählich eine Gesellschaft verlassen, die bei offenen Wirthshausthüren, in Jedermann zugänglicher Wirthsstube mich so gröblich beleidigte. Es waren Herren und Damen aus Mureck, St. Leonhard in Windischbüheln und Radkersburg zugegen, und in meiner Gegenwart erhob sich Niemand, der dieses pöbelhafte Benehmen, besonders des Bürgermeisters Anton Mravlag, gerügt und verdammt hätte. Graz, im August 1894. Alois Franz Heide, steiermärkischer Landes-Jngenieur und Commissär des Landesstraßen-Commissariats Leibnitz." > Vermischtes. < Winzenheim (Elsaß), im August. Zwar lehren unsere Weisen, daß beim Hinscheiden einer Frau der Schmerz und die Trauer nur von dem Gatten in ihrer ganzen Bedeutung und Tragweite empfunden, daß nur von diesem die Größe des Verlustes gebührend erkannt und vollkommen gewürdigt werden können. Aber dennoch macht es mir heute die Allgemeinheit der Trauer in unserer Gemeinde über den plötzlichen Tod einer edlen Frau und der von allen unterschiedslos bekundete Schmerz zur Pflicht, der Frühvollendelen auch in der Oeffentlichkeit einige Worte des ehrenden Nachrufes zu widmen. Im Alter von 24 Jahren ist Frau Emma Zivi ,l"y, nach kaum zehnmonatlicher Ehe, ihrem Gatten, unserem verehrten Rabbiner Herrn Dr. Zivi >"J, ihren — wenige Wochen alten — Zwillingskindern, ihrer Familie, uns allen entrissen worden. Uns allen! — denn in der kurzen Zeit ihres Hierseins hatte sie es verstanden, durch ihre wahrhafte, aufrichtige Frömmigkeit, durch die gewinnende Liebenswürdigkeit ihres Wesens, durch unermüdliche, hingebungsvolle Uebung einer stets opferfreudigen, hilfsbereiten Liebe allgemeine Anerkennung und ungetheilte Beliebtheit zu erlangen, hatte sie es doch verstanden, ihre Aufgabe als jüdische Frau würdig zu erfassen und besonders an der Seite ihres Gatten ’'J durch beispielgebende Pflichterfüllung zu wirken. — Das Leichenbegängnis, zu dem sich der Gemeinderath in corpore eingefunden hatte, legte beredtes Zeugnis ab von der Anerkennung, die ihr leider so früh geendetes Streben bei allen Mitbürgern gefunden hatte. Der Bahre folgten die Herren Rabbinen Schüler '">Bollweiler, Dr. Bloch '"1-Sulz a. W. und Dr. Ginsburger '"1-Obersulz, während andere Freunde und Kollegen des schwergeprüften Gatten, am persönlichen Erscheinen verhindert, gezwungen waren ihrer Theilnahme an dem Schmerz des Freundes schriftlichen Ausdruck zu geben. Ein lEDn durste wegen d.s “ityy ntyon nicht gehalten werden, darum sprachen die beiden letztgenannten Rabbinen nur einige Trostesworte am Grabe; Herr Rabbiner Schüler '"5 würdigte während der folgenden Woche im Trauerhause die Tugenden der Heimgegangenen n"y in längerer, ergreifender Rede, auf deren tiefourchdachte Einzelheiten einzugehen uns an dieser Stelle leider unmöglich ist. 'ui naj? n*DH Riga, 14. Dieser Tage traf in Wesenberg der obrigkeitliche Befehl zur Ausweisung fast sämmtlicher dort noch ansässigen jüdischen Familien ein. Die meisten haben die Stadt bereits verlassen, und nur sieben Familien ist es gestattet worden, ihren ständigen Wohnsitz in Wesenberg zu behalten. Prag. Seit etwa 18 Jahren befand sich unter den 523 Bezirks-Schulinspectoren Oesterreichs auch ein — sage: ein — Jude. Diesen der Steuerleistung, numerischen Stärke, Intelligenz und pädagogischen Begabung des Judenthums „vollkommen entsprechenden" Besitzstand ließ selbst das reactionäre Ministerium Taaffe unangetastet. Erst der Aera Plener-Wurmbrand blieb es Vorbehalten, diesen Einzigen zu entfernen, obwohl dieser Jude nur jüdischen Schulen Vorstand. Feuilleton. Esterka, Königin von Föten. Historische Erzählung von Hugo Freund. 29.) (Nachdruck verboten.) Erstaunt blickte Elischa Esther an. Noch mehr betroffen, von der Art ihres Sprechens, von der Kälte ihrer Stimme, als von dem Inhalt dessen, was sie gesagt hatte. „Wenn Du kein Kind mehr bist," entgegnete er dann mit düsterer Ruhe, „um so besser, dann wirst Du einsehen, wie hocherhaben und groß meine Pläne sind, dann wirst Du mit mir vollführen das ungeheure Werk, das der Zweck meines Lebens ist und das ich nun beginnen will. „Höre aufmerksam zu, ich habe es bisher noch keinem Menschen anvertraut. Noch nie hat mein Geheimniß meine Lippen überschritten, Dir aber werde ich es jetzt sagen. „Hörst Du mir genau zu, Esther, merkst Du auf meine Worte?" „Ich höre," entgegnete sie.