Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1894)
- Date
- 1894-09-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448478--39260-2487403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hanau 1× ep/1047937
OCR text
die zahlreichen jungen jüdischen Rechtsanwälte mit Schmähungen der schlimmsten Art zu überhäufen lieben, mit den Thatsachen nicht übereinstimmen können. Im Publikum sind die Klagen über das schlechte Civilprozeß Verfahren und über die Verschleppung der Civllprozesse stetig im Wachsen, während über die Rechtsanwälte die Klagen ohne Zweifel weit geringer sind, als zu den Zeiten vor der Einführung der freien Advokatur. Und wer alt genug ist, sich der Zeiten zu erinnern, wo es bei kleineren Kreisgerichten in den Landrechtsvrovinzen nur 3 bis 4 Rechtsanwälte gab — von denen viele Staatsanwälte oder ältere Richter gewesen waren, bis es ihnen gelang, eine Rechtsanwaltsstelle zu erlangen, die fast wie eine fette Pfründe angesehen wurde, — wer sich dieser Zeiten erinnert, der wird ^ugestehen, daß es in dieser Beziehung besser geworden ist." Hüufeld, 2. Sept. In den Orten des früheren Stifts Fulda besteht noch folgende Juden Ordnung in Kraft: „Von Gottes Gnaden wir Amandus des Heil. Römischen Reichs Fürst und Abt des Stift Fulda p p fügen hiermit zu wissen: §§ 33. Nachdem denen Juden eine leichte Sache ist, mehrere christliche Unterthanen zur Verbürgung und Expromisston deren von Christen zu fordern habender Schulden zu bewegen, hierunter aber die zeitliche Wohlfahrt deren sich als Bürgen oder Selbstzähler Darstellenden großen Theils verkürzt werden kann, so wird hiermit überhaupt verordnet, daß keiner Unserer christlichen Unterthanen einige Bürgschaft oder Expromission einzugehen und über sich zu nehmen ermächtigt sein solle, es sei dann, daß dessen Frau dazu vor Gericht und anders nicht ausdrücklich einwillige, ohne daß der von selbiger äußernde Widerspruch von unseren Beamten durch ihre Gutbefinden ersetzet werden möge. — Gegeben Fulda, den 29. Juli 1751. Amandus." Diese veraltete Verfügung und Bevormundung wirkt überaus belästigend und benachtheiligend auf den Geschäftsverkehr und um diese einseitige, wohl nur im Fuldaer Lande bestehende Juden-Ordnung zu beseitigen, wird seitens der Stadt Hünfeld an den Herrn Justiz- Minister eine Eingabe gerichtet werden, um deren Unterstützung auch die Handelskammer zu Hanau angegangen ist. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wie«, 30. August. (Erlebnisse eines steiermärkischen Landes-Jngenieurs in Mureck.) Bon dem steiermärkischen Landes-Jngenieur Herrn Alois Franz Heide erhält die „N. Fr. Pr." ein Zuschrift, die wir mit Hinweglassung einiger nebensächlicher Details nachstehend folgen lassen: Herr Redakteur! Als Beispiel, wie weit die Verrohung durch den Antisemitismus selbst in den sogenannten gebildeten Kreisen gediehen ist, erlaube ich mir Ihnen im Folgenden die wahrheitsgetreue Darstellung eines Erlebnisses in Mureck in Steiermark zur Verfügung zu stellen. Für die Wahrheit des Dargestellten stehe ich voll ein. „Der Bezirksausschuß Mureck in Steiermark hat am 26. Juli 1894 an das steiermärkische Landes-Bauamt in Graz das Ersuchen gerichtet, zur Untersuchung schadhafter Constructionstheile der Murbrücke bei Mureck auf der Mureck-RadkerSburger Bezirksstraße einen Landes-Jngenieur nach Mureck abzuordnen. Mit Verordnung vom 27. Juli d. I. wurde ich vom Landes-Bauamte in Graz mit der Vornahme der Untersuchung beauftragt und gleichzeitig der Bezirksausschuß in Mureck von meinem Eintreffen verständigt. Sonntag den 5. August begab ich mich von Graz nach Mureck, stellte mich dem dortigen Bezirksobmann Herrn Johann Schweighofer vor, wurde von diesem sodann zur Murbrücke bei Mureck begleitet und nahm sogleich eine flüchtige Untersuchung der Brücke vor. Hierauf kehrte ich in Begleitung des Bezirksobmannes nach Mureck zurück und wurde von diesem sowie vom Obmann-Stellvertreter, Herr Dr. Hofftätter, Gerichtsadvocaten in Mureck, zu der am Sonntag Abends stattfindenden Liedertafel des Männergesang-Vereins in Mur eck eingeladen. Während der Liedertafel wurde mir durch den Bezirksobmann Herrn Johann Schweighofer der k. k. Bezirksgerichts- Adjunct Herr Victor Pfeifer vorgestellt. Noch vor Beendigung der Liedertafel entfernte ich mich und begab mich in das nebenan gelegene Gag haus Schweigerhofer's zurück, um mich zu Bette zu legen, wurde jedoch durch laute Musik und starkes Singen am Schlafe gehindert. Deßhalb begab ich mich in das Gastzimmer, dessen Thür offen stand, und fand hier einen großen Theil de>selben Gesellschaft vor, welche bei der Liedertafel gewesen war. Durch den k. k. Bezirksgerichts-Adjuncten Herr Victor Pfeifer wurde ich mit Namen und Dienstcharakter der Gesellschaft vorgestellt und nahm neben Herrn Pfeifer Platz. Gleich nachher kam ein Herr in das Zimmer und nahm am Tische, an welchem ich saß, mir gegenüber Platz. Dieser Herr wurde allseits mit „Herr Bürgermeister" angesprochen. Ich stellte mich aus Höflichkeit dem spater gekommenen Herrn Bürgermeister Anton Mravlag von St. Leonhard in Windischbüheln mit Namen und Dienstcharakter als Landes- Jngenieur speciell vor. Herr Bürgermeister Mravlag verließ alsbald seinen Platz, und gleich darauf horte ich die halblaut gesprochenen Worte: „Salomon", „Jacob", „Moses", „Der reinste Aaron". Ich wendete mich zurück, um zu sehen, wem wohl diese Zurufe galten, und bemerkte hiebei, daß an dem Tische, von welchem die Rufe kamen, die Herren, bei denen auch Herr Bürgermeister Mravlag Platz genommen, auf mich zeigten und halblaut riefen: „Schaut's ihn an, den Juden, den Salomon, den Moses!" rc. Anfangs darüber belustigt, daß man mich für einen Juden halte, sagte ich zu dem neben mir sitzenden Herrn Gerichtsadjuncten Pfeifer: „Das ist aber komisch, jetzt halten die mich für einen Juden, und besonders der Bürgermeister Mravlag, wie mich der angeht," worauf Herr Pfeifer erwiederte: „Herr Ingenieur, ich werde die Sache gleich applamren." Er stand auf, ging zu Herrn Mravlag und sprach auf denselben ein, worauf dieser laut wurde und sagte: „Beweisen Sie mir, daß er kein Jude ist; er ist ein Jude!" Auch andere Herren an demselben Tische riefen: „Er ist ein Jud', er spricht wie ein Jud', er ist ein Jud'!" und auch andere laute Zurufe an michertönten. Besonders Herr Bürgermeister Mravlag schrie mir eifrig zu: „Jud'! Jud'!" Nun stand ich auf und sagte, zu Herrn Mravlag und den übrigen Herren gewendet: „Und wenn ich auch zehnmal ein Jude wäre, was übrigens nicht der Fall ist, so ist ein solches Benehmen, wie Sie es mir hier gegenüber an den Tag legen, unter gebildeten Leuten