Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-09-10 · Heft 72 (10.9.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 72 (10.9.1894)
Date
1894-09-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448478--39262-2487405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1347 „Nun denn, so lausche meinen Worten: Du weißt, Gott bat in seiner weiten Welt viele Geschöpfe geschaffen, die nur zum Leiden geboren zu sein scheinen, ebenso wohl Menschen, wie Thiere. Gar vieles vermag ein Geschöpf zu ertragen, aber auch hier giebt es eine Grenze, und so viel wir Menschen auch erdulden können, es scheint alles unmöglich zu sein, wenn keine Hoffnung uns winkt. Sieh denn, unser Volk Israel, wer hat so vieles erdulden müffen, wie dieses? Gejagt und gehetzt sind wir, wie Thiere des Feldes, oh nein, viel schlimmer als die Thiere des Feldes. „Sie sind glücklich und reich im Vergleich zu uns, denn auch die wilden Thiere haben einen Schlupfwinkel im Walde, wo sie ihr Haupt zur Nuhe niederlegen können, wo sie ausruhen können von der Jagd, durch die sie gehetzt wurden auf weiten, weiten Wegen. „Wir aber, wir Juden haben nicht einmal dieses. „Ueberall stöbert man uns auf, wo wir uns niederlaffen wollen. „Wir haben keine Heimaty; wir haben kein Haus; wir haben keinen Frieden. „Wo wir uns sehen lassen, da ist Hohn und Spott unser Loos. In vielen Ländern müssen unsere Brüder und Schwestern einen gelben Fleck auf ihren Gewändern tragen, damit jeder gleicherkenne, daß sie einer verfehmten, ausgestoßenen Rasse angehören, daß sie frei gegeben sind für jede Unthat, die man an ihnen begehen will, daß Jeder sich in Acht nehme, mit ihnen in Berührung zu kommen, es sei denn, daß er sie anspeien will, mit dem Speichel seines Mundes. „Wenn es uns nur vergönnt wäre, ein Dasein in Hohn und Verachtung zu führen wie die Hunde, wenn Spott und Schande das einzige wäre, was wir zu erdulden hätten, wir wollten noch zufrieden sein in unsrem Elend. „Aber selbst das wird nur den Wenigsten von uns in Frieden gewährt. Kaum, daß wir irgendwo eine Ruhestätte gefunden zu haben glauben, so jagt man uns wieder auf, so werden wir unter irgend einem erdachten Vorwände wieder vertrieben und werden gescheucht von Süden nach Norden, von Osten nach Westen. Bald röthet sich der Rhein von dem Blute unserer Brüder, bald saugt es der heiße Sand in den Steppen Ungarns auf. „Im Orient, wie im Occident harrt täglich Schwert und Scheiterhaufen für uns. „Elend und Marter ist unser Schicksal von dem Tage, wo wir geboren bis zu der Stunde, wo es einem unserer Verfolger gefällt, eines dieser rechtlosen Thiere zu tödtenl" Esther war tief bewegt von der Schilderung, die Elischa ihr entworfen. „O mein Gott, mein Gott," rief sie, „wie lange noch, habe Erbarmen mit Deinem Volke Israel!" „Wie lange noch," rief Eltscha, „sagst Du selbst, füllt sich selbst Dein Auge mit Thränen über das Loos Juda's, o dann wirst Du nicht zögern. Dich ganz zu opfern für Dein Volk, dann wirst Du keinen Augenblick zögern, Dich hinzugeben, um Israel zu erretten." „Vermögen wir schwache Menschen denn Israel zu erretten," entgegnete sie mit zitternder Stimme. „Ist es nicht Gott selbst, der so hart sein Volk züchtigt. Ist es nicht unsere Pflicht in Ruhe und Ergebung zu tragen den heiligen Willen Gottes, wie er auch über uns verfügen mag. Wenn Gott uns bessere Zeiten geben mag, so steht es in seiner Hand, was vermögen wir zu thun?" „Und wir sollen die Hände in den Schooß legen und sollen Alles erdulden, auch wenn wir die Macht haben, es zu ändern? Nein, Esther, das ist Gottes Willen nicht. Unsre Weisen sagen, daß wir uns auf Wunder nicht verlassen dürfen, daß es stets unsere Pflicht ist, Alles zu thun, was in unserer Macht steht. Die Noth gebietet uns zu handeln, und so will es auch Gott, der dem Tapferen hilft. „Nein, Esther, es ist unsre Pflicht Alles daran zu setzen, unsre Liebe, unser Gut, unser ganzes Dasein, um die Netter unseres Volkes zu werden." Esther war ihrer weichen Stimmung Herr geworden. „Was Du vorhin gesprochen, Elischa," sagte sie, „gilt von vielen unsrer Brüder in andern Ländern, aber es ist nicht für Polen, für unser Polen! Hier wohnen wir in Frieden, unter dem erhabenen Schutze eines der größten, edelsten und weisesten Herrscher, die je gelebt, unter dem über alle Maßen erhabenen König Kasimir dem Großen. Schon gleich bei seinem Regierungsantritt hat er Freiheit verkündet für alle Juden. Jeder Jude darf nach Polen kommen und findet Ruhe und Glück; hier kann er sicher und friedlich wohnen " „Du willst mich höhnen," schrie Eltscha, „oder hast Du es schon vergessen, was Deinem Vater und Dir widerfahren ist, unglückliches Mädchen? Wo ist Deine Erinnerung, wo ist Dein Verstand, der nicht ausreicht, die Noth einzusehen, in der wir uns befinden. Wenn heute es wiederum einem fanatischen Priester oder einem herabgekommenen adeligen Wüstling einfallen sollte, eine neue Beschuldigung gegen irgend einen Israeliten zu erheben, wie es gegen Dich und Deinen Vater geschah, ist da nicht wiederum ganz Israel bedroht, ist da nicht wieder ganz Juda in Lebensgefahr, wird sich das Volk, das hier wie überall anderwärts blutdürstig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.