Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1894)
- Date
- 1894-09-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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deutenden Landsmann, auf Adolph Diesterweg und seine Schriften. Die sollen sie zuerst lesen, verstehen und beherzigen, bevor sie Gebete für Kinder machen. Wenn dann ein Fünkchen von dem Geist dieses illustren Pädagogen in die Köpfe unserer Gebetbuchmacher fällt, kommen sie vielleicht zu der Ueberzeugunq, daß es eine viel größere Kunst ist, für unsere Kleinen Gebete zu machen, als Herr Vogelstein und Consorten vielleicht glauben. Die erste Streichung in dem G-betbuch der Großen ist auch dort die erste Gedankenlosigkeit. Der Segensspruch d*t by fehlt, ebenso der Segensspruch is» uw. Zur Würdigung für die Wahrhaftigkeit und religiöse Gewissenhaftigkeit, welche der Streichung dieser und anderer tmm zu Grunde liegt, sei auf folgenden Passus aus dem Vorwort verwiesen: „Wir wollen wahrhaft sein in allem, was „wir reden und ganz besonders, wenn wir uns „betend an den Mott der Wahrheit wenden. „Gegen den Grundsatz der Wahrhaftigkeit glaube „ich aber nicht verstoßen zu haben, wenn ich die „Benedikttonen vor den von den Schriftgelehrten „angeordneten Geboten, — vor der Recitirung „der Halle! Psalmen, vor dem Anzünden der „Chanukalichter und vor der Vorlesung aus dem „Buche Esther — in der alten Form beließ. „Gerade von dem Standpunkt einer freisinnigen, „die Entwickelung in religiösen Dingen anerken- „nenden Auffassung erschien es mir nicht richtig, „nur die in der Thora enthaltenen Vorschriften „als von Gott geboten zu bezeichnen, den An- „ordnungen der vom Gottesgeiste erfüllten Lehrer „in Israel aber diese Bezeichnung vorzuent- „halten." Schält man aus diesem verklausulirten Quark von Phrasen dasjenige, was da eigentlich gesagt werden soll, vorsichtig heraus, so wird hier behütsamer Weise ja nicht behauptet, daß die Vorschriften der Thora und diejenigen der Weisen oder Schriftgelehrten — wie sie hier in neutestamentarischer Färbung genannt werden — von Gott geboten sind und als solche von uns angesehen werden müssen. Sie sind nur als von Gott geboten b ezeichnet. Wie sich diese jesuitische reservatio mentalis mit der Wahrhaftigkeit, die sich hier spreizt, verträgt, das soll jetzt nicht des weiteren behandelt werden. Nehmen wir das alles einmal für baare Münze. Die Herren seien wirklich überzeugt von dem, was sie ihrem Mund zu reden und zu beten vorschreiben, Gott sei es, der uns befohlen hat, Hallel, die Megilla zu lesen und die Chanukahlichter anzuzünden. Das sei gerade freisinnige Auffassung, den Anordnungen der vom Gottesgeist erfüllten Lehrer in Israel dieselbe Giltigkeit als der Thora selbst beizulegen. Wie kann man aber diesen Gottesgeist plötzlich meistern und ihm gerade seine herrlichsten Perlen wegescamotiren wollen! Hat wirklich Gott uns geheiligt durch seine Gebote und uns befohlen, die Megtlla zu lesen, so bat er uns auch geboten, die Hände zu waschen. Oder hat Gott nicht den menschlichen Körper mit Weisheit, mit allen seinen Organen und wunderbaren Funktionen geschaffen, und versündigen wir uns wirklich gegen die Wahrhaftigkeit, wenn wir Gott die segnende Anerkennung und Huldigung dafür aussprechen, wie die von dem Gottesgeiste erfüllten Altvorderen es uns vorgeschrieben habend Ist nicht das eine recht, wenn das andere billig ist? Wer erklärt mir, Ortndur, diesen Zwiespalt der Natur? Dtese Wahrhaftigkeit hat kurze Beine. Es ist wahr, die Aussprüche der Weisen genießen hier dieselbe Achtung wie die der Thora selbst. Aber wir haben ja aus den Aeußerungen des Herrn Dr. Vogelstein auf der Augsburger Synode gesehen, wie er mit dem Gottesgeist der in der Thora enthaltenen Gebote umspringt. Beide werden gleich geachtet, oder richtiger verachtet. Während sonst der talmudische Kanon gilt: yjD pai pp'rn no in pp’n HrpniNi „alles, was unsere Rabbinen angeordnet, haben sie im Sinne und nach dem Vorbild der Thora angeordnet," dreht die neuwestphälische Wahrhaftigkeit den Spieß um und überträgt die Verachtung gegen die Anordnung der Weisen auch auf die Thora, behauptet dann ganz zutreffend, daß sie auf Grund ihres Freisinns beide in gleicher W.ise achte und es fehlte nur noch, daß sie das Ganze mit einem frommen Sprüchlein verbrämen und etwa sage: yp’n pan yy:) wvnw yp’m no bi. Die segnende göttliche Huldigung als j ü d ischer, freier Mann, welche unsere alte Tefilla in die W212 kleidet: najn, dspn, nM ’Jtfy vbv, hat die Neu Westphälische auf den Index gesetzt. Hier kann es wirklich die Wahrhaftigkeit sein, die es ihnen angethan hat. Sie gelten schon gern als Israeliten, sogar als Juden, als gute Juden, aber sie coquettiren und sraternisiren doch zu viel mit dem außerjüdischen Leben und Streben, sie sind, um es kurz zu sagen, doch schon zu viel v'v, als daß sie die erste jener drei rvoaa über die Lippen bringen könnten! Bei ihren gemischten Chören hat die zweite i-d-d keine Berechtigung mehr, und bei ihrer sklavischen Nachahmung fremder Culte ist es nur zu verwundern, daß sie diesen Sklavensinn nicht zum Gegenstand einer besonderen nma machen und es Gott danken Tiy >wyv. Da ihnen die sittliche Macht abgeht, mit welcher der Jude alle Versuchungen und Reize abwetst, welche ihn seiner jüdischen Pflicht abwendig machen