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Der Israelit · 1894-09-10 · Heft 72 (10.9.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 72 (10.9.1894)
Date
1894-09-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1342 gehend motivirten Gutachten gaben. Diese Gutachten wurden von dem Hamburgischen Rabbinats- Collegium gesammelt und unter dem Titel rbx nnan na*r veröffentlicht. Wer sich über das Irrreligiöse, Verbrecherische dieses ganzen Unterfangens belehren will, der sei hiermit auf diese Schrift htngewiesen. Für Westphalen bedarf es jedoch dieses Hinweises nicht. Hier genügt die Persönlichkeit der Faiseure und Gevattern des ganzen Unternehmens, um es als das zu kennzeichnen, was es ist: Ein kecker Angriff auf die Religion unserer Väter und Mütter! Bei uns in Westphalen handelt es sich um etwas anderes. — Die Partisane unseres sogenannten religiösen Fortschritts, haben dem alten Judenthum den Handschuh hingeworfen, weil es eben alt, weil es nicht mehr modern ist, weil es nicht auf der Höhe der Zeit, des Geschmacks und der Anschauung steht, welche sich seine westphälischen Verbesserer bescheidener Weise vindiciren. Sie erkennen herablassender Weise dem Judenthum feine Existenzberechtigung für frühere, Zetten zu, ja sie glauben noch ein verdienstliches Werk zu thun, sie glauben der alten Mutter aller Religion noch einen besonderen Liebesdienst zu erweisen und sie zu verjüngen, wenn sie ihr ihren Flitter und Schaumgold um das ehrwürdige Haupt winden. Es mag da — wie sie sich leichten Herzens beruhigen — nicht alles nach der strengen Anschauung des rabbinischen, talmudischen und selbst biblischen Judenthums zugehen, aber was den Geschmack, was die Aesthetik und die nach außen zu Tage tretende Formvollendung betrifft, darin sind ihre Synagogen, ihr Gebetbuch, ihr Gemeinde-Tag und alles, was darum und dran hängt, das non plus ultra alles Menschenmöglichen. Daß auch das nicht wahr, daß auch das eine große Selbsttäuschung ist, daß fpeciell dieses neue Gebetbuch unsere westphälischen Verbandjuden dieselben in ihrer ganzen Gedankenlosigkeit und Geschmacklosigkeit bloßstellt, daß soll durch einige wenige Züge veranschaulicht werden. Dieselben werden genügend darthun, daß wir es nicht nur mit einem bis oy, sondern auch mit einem Di>n xb Dy, nicht nur mit einem unwürdigen, sondern auch mit einem unweisen Gebühren zu thun haben. Da sind zuerst deutsche Gebete für Kinder. Ich weiß nicht, ob dieselben einem anderen Gebetbuch entlehnt oder Composition des Herrn Dr. Vogelstein sind. Jedenfalls tragen er und seine Nachbeter für die Geschmacklosigkeit, die sie enthalten, die volle Verantwortung. — Fast jeder Satz dieser Gebete verkörpert eine Naturwidrigkeit und pädagogische Unwahrheit. „Meine Kräfte sind noch schwach, aber auch nur wenig habe ich zu vollbringen." So denkt und spricht kein Kind, noch weniger würde ein Kind so beten, wenn man es nach seiner Fayon beten ließe. Die kleinen Kinder sind noch mehr wie die großen bis 80 und 90 Jahren von der Wichtigkeit, dessen was sie zu vollbringen haben, überzeugt. Wenn man schon besondere Gebete für Kinder machen will, sollte man wenigstens zu diesem Zweck von seinem hohen Cothurn hinabsteigen- und sich, in die Denkweise der Kinder versetzen. Dann wird man finden, daß wenn unsere Kleinen Knöpfe und Spielmarken zusammensammeln, sie dem dieselbe Wichtigkeit beilegen, wie wenn wir Großen 20 Markstücke zusammenzubringen suchen. Deßhalb hat kein Kind ein Verständniß davon, daß es wenig zu vollbringen habe. Noch weniger versteht es davon, wenn es dresstrt wird zu beten: „Ich soll meine Kenntnisse vermehren, soll für meinen künftigen Beruf mich vorbereiten" u. s. w. Das ist eine noch greifbarere Verkennung der Kindesseele. Ein Kind denkt nicht einmal von heute auf morgen, geschweige denn an die ferne Zukunft und an den künftigen Beruf. Was unsere Kinder zu Kindern, was sie heiter und glücklich macht, ist, daß sie nicht daran denken, daß sie ganz in der Gegenwart ausgehen und sich über das, was morgen folgt, keine Sorgen machen. Wer sie dazu zwingt, trägt dazu bei, daß unsere Kinder keine Kinder mehr sind. Wer ihnen den Glauben von einem „künftigen" Beruf beibringt, wer ihnen gar den Gedanken beibringt, unter dem Beruf, d. h. unter dem, wozu ein Mensch berufen sei, verstehe man die Art und Weise, wie ein Mensch sein Brod einst verdient, der macht sie zu „Materialisten." Während die jüdische altmodische Auffassung lehrt, daß der Mensch nicht vom Brode allein lebt, sondern von allem, was Gottes Mund entströmt, lehrt diese moderne pädagogische Weisheit schon die kleinen Kinder in der Suche nach Brot ihren Berus erblicken! „Nimm mein Gebet wohlgefällig auf und erhöre mein kindliches Flehen! Amen." So schließt würdig das Ganze wieoer mit einer pädagogischen Wahrhettswtdrigkeit. Kein Kind auf der Welt nennt sein Flehen, kindlich! Kindisch handeln die Ceremonienmeister, welche durch Fabrikation solcher Gebete auf dem besten Wege sind, die Kinder zu Heuchlern zu erziehen. Wahrscheinlich begreifen sie das Wahrhettswidrige, Unpädagogtsche, das der Kindesseele Zuwiderlaufende dieses ganzen Jammers gar nicht. Es ist auch hier nicht der Ort und die Zeit, um ihnen die Binde von den Augen zu nehmen. Ich verweise sie auf einen be-

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