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Der Israelit · 1894-09-10 · Heft 72 (10.9.1894) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 72 (10.9.1894)
Date
1894-09-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXV, Jahrgang. J» 7S. Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe IudentHum. Begründet von Vi». Lehman« in Mainz. Montag, den 10. September 5654 (1894). Leitender Artikel. Die religiösen Zustände in Westfalen. IV. Aus Westphalen, 2. September. Wenn Jemand Wein, Butter oder sonstige Lebensmittel fälscht und sie als echt an den Mann zu bringen sucht, so verfällt er dem Strafrichter. Wenn Jemand unseren Lebensquell vergiftet, wenn Jemand unsere heilige Religion fälscht und z. B. unter der alten ehrlichen Etiquette: -ibd Jsraelittsches Gebetbuch", die Verachtung und Verleugnung der primitivsten Wahrheiten in die Geister und Gemüther schmuggelt, so haben wir für diesen Frevel kein anderes Forum als die jüdische öffentliche Meinung. Eine eingehende kritische Beleuchtung des vorliegenden Gebetbuches würde eine größere Bogenzahl beanspruchen als dieses selbst hat. Die Einschaltungen und Ausmerzungen stehen hier ohne jeden Commentar da. Ab«»' wir wissen aus dem Vorwort, daß nur zwingende Gründe die Aenderungen an dem hebräischen Texte veranlaßt haben. Es handelt sich also darum diesen Gründen nachzuforschen. Die dogmatische Verirrung, welche dieses ganze Buch bedeutet, in das rechte Licht zu setzen, ist nicht der eigentliche Zweck dieser Zeilen, und zwar auf Grund verschiedener Erwägungen. Bei der ganzen Tendenz, die hier vorliegt, dem überlieferten, historischen Judenthum ostentativ den Rücken zu kehren, will die Erbringung dieses Nachweises nicht viel sagen. Das wollen sie ja gerade, dem alten, einzigen Judenthum die Verbindlichkeit absprechen und eine Modereligion ihrer Mache an dessen Stelle setzen. Daß ihnen das gelungen erst zu beweisen, ist bei dem vorhandenen guten, schlechten Willen nicht nothwendtg. Dazu kommt, daß große Schichten der jüdischen Bevölkerung Westphalens leider schon so sehr von dem religiösen Verfall ergriffen sind, daß die Irreligiosität dieses Verband-Judenthums nicht die verurteilende Abweisung wie anderwärts erfahren dürfte. Die treibenden Elemente sind innerlich und äußerlich längst mit dem alten, eigentlichen Judenthum und seinen Satzungen zerfallen, warum sollte es ein Gebetbuch auch nicht sein, das nach den Grundsätzen seiner Gevattern extra bestellt ist? In diesem Gebetbuch wird die Auferstehung der Tobten, werden die Opfergesetze geleugnet, wird der persönliche Messias, die Rückkehr Israels nach Zijon und Jeruscholajim in Abrede gestellt, wird die heilige Sprache verdrängt und werden mittelbar schwere Verdächtigungen gegen diejenigen erhoben, welche zu dieser Leugnung sich nicht entschließen. Aber das sind alles harmlose Nippsächelchen, sind bedeutungslose Sumpfblüthen im Vergleich zu dem Sumpf selber, dem sie entstammen. Was muß sich für ein jäher, weitschichtiger Abfall im praktischen Leben bereits vollzogen haben, wenn er solche Blüthen treiben konnte! Wenn man Leuten, die durch die That ihres Lebens es tagtäglich mit ihrem ganzen Thun und Lassen bekunden, daß sie vor keinem Attentat auf die Majestät unseres Religionsgesetzes zurückschrecken, wenn man solchen Leuten den Nachweis klipp und klar erbracht hätte, daß ihr neugebackenes Gebetbuch derselben frivolen Gesinnung durch Worte Ausdruck gibt, was wäre damit erreicht? Nichts. Als vor einigen siebenzig Jahren der Hamburger Tempel-Verein zum erstenmal ein solches Attentat wagte, machte das Hamburger Rabbinats- Collegium alle zeitgenössischen Koriphäen der jüdischen Gesetzeskunde auf das Verbrecherische dieses Unterfangens aufmerksam. Es war ein Schrei des Entsetzens und der Entrüstung, der damals durch die ganze Judenheit ging und dem die Capacitäten der Thorawifsenschaft treuen Ausdruck in ihren ein-

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