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Der Israelit · 1894-09-06 · Heft 71 (6.9.1894) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 71 (6.9.1894)
Date
1894-09-06
Page
– (sequence 27)
Language
German
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143 Da ich meinen Aufenthalt in Jerusalem länger ausdehnen musste, widmete ich den grössten Theil meiner Zeit dem Studium der Lage der Israeliten und der verschiedenen Schulen, welche doit für die Jugend errichtet wurden. Nach einer möglichst gründlichen Untersuchung bin ich zu dem Schlüsse gekommen, dass das Elend, wie es im Osten von London wüthet, in Jerusalem unbekannt ist, und dass die Israeliten dieser Stadt viel weniger beklagenswert sind als diejenigen von Damaskus. Gewisslich haben die grossen Summen, welche in Jerusalem aus aller Herren Länder zusammenströmen, die Bettelei und die Armuth hervorgerufen und unterhalten; die Geber aus Europa, Amerika und den englischen Kolonien, die dem Aufrechterhalten der „Chalukah“ Vorschub leisten, stehen der individuellen Hebung und der Selbstständigmachung hinderlich im Wege. Unter so ungünstigen Verhältnissen sind die culturellen Fortschritte der jüdischen Bevölkerung naturgemäss sehr langsam. Indessen scheint mir, als wäre in dieser Hinsicht eine Besserung eingetreten, wenn auch nur bei der s e f a r d i s c h e n Gemeinde, die niemals die Einrichtung der „Ohalukah“ besessen hat. Bei alledem scheinen weder die Juden, noch die eingeborenen Nichtjuden ein Verständniss dafür zu haben, wie sehr es der menschlichen Wüide widerspricht, von der öffentlichen Wohltätigkeit des Auslands zu leben; von beiden Seiten wird es als ganz natürlich angesehen, dass Europa und Amerika zusammentreten, um die Bewohner von Jerusalem zu unterhalten. Die in Jerusalem durch die Alliance gegründete Gewerbeschule, zu der auch die Anglo- Jewish-Association und mehrere grossherzige Londoner Israeliten beigetragen haben, wird von Herrn N iss im Behar geleitet. In ihr ruht ein wahrhafter Fortschritt bezüglich der israelitischen Jugend Jerusalems. Nach altem Brauch gründeten ehemals die Israeliten Palästinas bloss Lehr- und Bethäuser, Jeschiboth genannt. Herr Behar hat den ausgezeichneten Spruch: L ab o rare et o rare in Anwendung gebracht, oder vielmehr den traditionellen Grundsatz durchgeführt, dass „das Studium des Gesetzes ohne thatkräftige Arbeit ein unfruchtbares sei“. Die Anstalt des Herrn Behar wird von 230 jungen Leuten besucht, darunter besuchen 12 l die eigentliche Schule, die so organisirt ist, wie alle Schulen der Alliance, und von der allerseits nur Gutes berichtet wird. Das Merkwürdigste ist, dass in Jerusalem, wo so viele katholische, protestantische und mohamedanische Schulen zu finden sind, unsere Anstalt zur Zeit von 9 Christen und 2 Muselmännern besucht wird. Es will mir scheinen, als ob diese Thatsache allein schon sehr für ihre Verdienste und ihren Ruf spräche. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, dass entgegengesetzt den Anstalten christlichen und mohamedaniscken Glaubens, die fremden Zöglinge daselbst vollständige religiöse Freiheit gemessen und man niemals geringschätzend von ihrem Glauben zu ihnen spricht. Die Anstalt hat kürzlich alle Geländer und Gitter, welche die Lokale des deutschen Krankenhauses umgeben, in Schmiedeeisen ausgeführt. Noch andere solche Arbeiten, wie führen und Treppengeländer für öffentliche Bauten in Jerusalem und der Umgegend, sind in der Anstalt ausgeführt worden. Die Wagenbauwerkstatt ist erst seit einem Jahre eröffnet, und schon erhält sie sich selbst. Dieselbe ist bereits auf sechs Monate hinaus mit Bestellungen versehen. Die Gewerbeschule besteht seit etwa fünfzehn Jahren und hat von jeher einen günstigen Einfluss auf die jüngere Generation Jerusalems ausgeübt. Fast ein jedes Handwerk wird jetzt von Juden ausgeübt, und fände nicht nicht eine andauernde Einwanderung von Russland und Polen aus statt, eine Einwanderung, die durch Geldverthfcilung unter dem Namen der „Clialukah“ begünstigt und genährt wird, so würde die wohlthätige Einwirkung jener auf die Verhältnisse der Israeliten Jerusalems weit mehr zu erkennen sein. Salonichi. Als im Laufe des Jahres 1892 etwa 120 0 aus Russland ausgewiesene Israeliten in einem Zustande unbeschreiblichen Elends und höchster Verzweiflung in salonichi anlangten, übernahm es die israelitische Gemeinde dieser Stadt, den Unglücklichen beizustehen. Indessen erwies sich die bei dieser Gelegenheit von der gesummten Bevölkerung, ohne Unterschied der Religion, an den Tag gelegte Grossherzigkeit als unzulänglich zur Unterstützung einer so grossen Anzahl von Einwanderern, und das Oentral-Comite trug durch grosse Subsidiendazu bei, die Ausgewiesenen unterzubringen, sie zu erhalten, ihnen Arbeit zu verschaffen und die Möglichkeit, sich selbst zu erhalten. Dieses Werk ist noch lange nicht beendigt, und die Gemeinde trägt noch immer schwer daran. Das Wichtigste war, die Kinder der Einwanderer in den Stand zu setzen, die Schulen zu besuchen und ein Handwerk zu erlernen. Das Central- Comite hatte den Directoren der Alliance- Schulen zu Salonichi wegen der Aufnahme einer grösseren Anzahl russischer Kinder die nöthigen Anweisungen gegeben; indessen sind die Schulen der Alliance bereits zu überfüllt, um sie alle aufnehmen zu können, weshalb man eine Anzahl derselben Privatschulen übergab, und für sie zahlt. Da bei den Ausgewiesenen das Elend sehr gross ist, hat man sich ent-

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