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Der Israelit · 1894-09-06 · Heft 71 (6.9.1894) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 71 (6.9.1894)
Date
1894-09-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1323 nur principielle oder gar Zweckmäßigkeitsgründe zu haben, um selbst die neuen Gebetbücher unter den alten Trödel zu werfen. Und nun gar die eine alte Tefilla! Das wäre ja gerade so unerhört, als ob alle sich mit einem und demselben Mondltcht für Kiddusch Lewono, einer und derselben Luft zum Athmen, mit einem und demselben Gott zur Verehrung, so mit einem und demselben Gebet zur Anbetung Gottes begnügen wollten! Wie sie ihre besondere rothe Erde, so haben sie auch ohne Zweifel einen apparten Himmel, an den sie sich daher auch mit einem entsprechend umgemodelten Gebetbuch wenden müssen. Und noch mehr. Diese leitenden westphälischen Verbandgrundsätze lehren, daß man in kleinen Gemeinden zu Gott anders betet als in großen, daß Gott auf dem Lande anders zu verehren ist, wie in der Großstadt. Nun ist es aus dem vorliegenden Gebetbuche allerdings nickt ersichtlich, wie es diese Klippe umschifft. Der Verband hat große Gemeinden und kleinere Gemeinden, aber nur ein Gebetbuch. Ohne ihre gewisse Freiheit und Selbstständigkeit zu beten und nicht zu beten, wie es ihnen beliebt, wüßten die Gemeinden auch mit ihrem neuen Gebetbuch nicht, was sie jetzt zu thun und zu lassen haben. Man hätte nach diesem Passus in dem Vorwort Gebete für Gemeinden mit 10, 20, 100 und mehr Mitgliedern erwartet, alles hübsch in Reih und Glied wie in einem Fröbel'schen Kindergarten geordnet, und nun müssen sich die großen und kleinen Verbandgemeinden doch wieder mit einem einzigen Gebetbuch behelfen! Doch Scherz bei Seite. Ist das nicht die alte Bamoth-Wirthschaft wieder, welche die Weisheit der Weisen mit den Worten geißelt, nriN b ntaayb noa ruia, daß jeder seine Tefilla nach seiner subjectiven Willkür construirt und mit der Einheit Gottes und mit der Einheit Israels sein frivoles Spiel treibt? Diese Einheit Israels, in welche diese moderne Gebetbüchermackerei einen Keil treiben möchte, ist den Treibern ein Dorn im Auge. Sie möchten, daß wenigstens ihr unwissender Laientroß nichts von dieser Einheit Israels erfahre und unser Gebetbuch übersetzt daher ganz korrekt dieser edlen Tendenz gemäß: int* ’ij bn»» “piD “inx “ptn ‘ihn nrw „Du bist einzig und Dein Name ist Einziger und Israel hast Du berufen, Deine Einheit auf Erden zu verkünden." Giebt es eine größere Blasphemie auf diesen Beruf Israels die E i n h e i t Gottes zu verkünden, als diese Buntscheckigkeit seiner Gebetbücher? Die Israeliten sollen der Welt verkünden, daß es einen Gott giebt und die Verkünder selber sind nicht einmal darüber einig, wie sie zu dem von ihnen zu verkündenden Gott beten sollen! „Ich habe mich bemüht," erzählt Herr „Vogelstetn in dem Vorwort weiter, „die Grund- „sätze, die bei der Herausgabe des Gebetbuchs „maßgebend gewesen sind, gewissenhaft zur Durch- „führung zu bringen, und habe mich deshalb „nicht gescheut, auch solche Gebetstücke, die bisher „unverändert geblieben find, — wie Jigdal, die „Keduschah im Mußafgebete und die Aufzählung „der dreizehn Gotteseigenschaften beim Ausheben „der Tbora an den Festtagen — entsprechend „umzugestalten. Andererseits habe ich mich pte« „tätsvoll gehütet, ohne zwingende Gründe an dem „hebräischen Texte Aenderungen vorzunehmen und „in kleinlicher Weise Kritik zu üben." Nach diesem Geständniß verrathen die Veränderungen, die in diesem Gebetbuche vorgenommen sind, die von Herrn Dr. Vogelstein adoptirten Grundsätze des westphälischen Gemeindeverbands, und die übrigen zwingenden Gründe, welche den Rothstift bei dieser Verballhornistrung unserer alten Tefilla führten. Wir wollen zu diesem Zweck nun einige besonders markante Aenderungen Revue passiren lassen, und werden dabei in der Thal auf merkwürdige Grundsätze stoßen. (Fortsetzung folgt.) Zeituugsnachrichteu ttttfc Correfporrveirzerr. Deutschland. Berlin, 2. Sept. Der Leipziger konservative Verein hatte in einer Erklärung gefordert, daß der Verruf unter Strafe gestellt wird. Gegen diesen Vorschlag wendet sich das konservative „Volk", indem es aussührt: „Heutzutage können Handwerker und Kaufleute sich gegen unreelle Konkurrenz dadurch schützen, daß sie öffentlich auffordern, bei bestimmten Personen oder bestimmten Arten von Geschäften nicht zu kaufen. Eine Reihe von Gewerbeschutzvereinen besorgen das in recht erfolgreicher Weise. Heute können, um nur einen Fall Herauszugreisen, die landwtrthschaftlichen Vereinigungen für ihre Standesgenoffen die Parole ausgeben, die und die landwirthschaftlichen Judenzeitungen abzuschaffen. Alles Derartige fiele unter ein Boykottverbot. Vor allem aber würde davon betroffen die Losung: „Kauft nicht bei Juden!", das wirksamste Feldgeschrei des praktischen Antisemitismus. Und der Leipziger konservative Verein erinnert sich vielleicht, daß selbst so zahme Konservative, wie sie in dem Konservativen Handbuch zumeist zu Worte kommen, es für angebracht gehalten haben, diese antisemitische Losung, wenn auch in vorsichtiger Form, in der zweiten Auflage aufzunehmen." Lehrreich für jeden, der mit antisemitischer Kampfeswetse nicht vertraut ist, ist die cynische Art, in der hier die anarchistische Ader in dem Feldgeschret „Kauft nicht bei Juden" offen anerkannt wird, um daraus ein Argument gegen die Bekamp-

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