Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1894)
- Date
- 1894-09-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1315 christliche, als wäre sie gänzlich verarmt. Alle meine ökonomischen Rathschläge bei der christlichen Familie halfen nichts. Ich habe später noch bei zwei älteren Offiziersfranen verkehrt. Ihr Einkommen war sehr karg, aber die Lebensweise war unverantwortlich schlecht, lediglich weil nicht haushälterisch mit dem Gelde gewirthschaftet wurde. Aber nicht genug damit, daß die Juden selbst renommieren, sogar selbst dem scharfblickenden Auge reicher scheinen als sie find, thun die Christen noch ein Uebriges, um die Juden für reicher auszugeben. „Reich" ist einmal das unvermeidliche Epitheton für den Juden. Ich unterhielt mich vor Kurzem mit einem westpreußischen Gutsbesitzer, der zur Agrarierversammlung nach Berlin gekommen war. Das Gespräch kam auf die Judenfrage, und, obwohl ein ganz intelligenter, liebenswürdiger Mann, der sogar auf die eigentlichen deutschen Juden überhaupt nichts kommen lassen und nur von denen aus dem Posenschen und Polnischen nichts wissen wollte, leistete er doch folgendes Stückchen. Er erzählte, wie da vor einigen Jahren ein Jude in sein Dorf gekommen wäre, dort Schätze auf Schätze häufte, ein Haus nach dem andern kaufte u. s. f. Das Tollste sei, daß solche Leute durchaus einen Sohn studiren ließen. Das kostet ja nicht viel; der Vater holt sich von mir ein Armuthszeugniß. „Aber lieber Herr, fragte ich, warum geben Sie dem Sohne eines reichen Mannes ein Armuthszeugniß V* Verblüfft über diesen Widerspruch sagte er, der Jude sage ihm ja schon wegen der Steuer nicht, was er habe. — Als ob es in einem Dorfe so schwer wäre und zumal bei der jetzigen Steuergesetzgebung, zu wissen, ob ein Mann sehr reich sei oder ein Armuthszeugniß erhalten müsse. Jedenfalls war der Jude für den Ortsvorsteher selbst, der das Armuthszeugniß ausstellte, der Schätze auf Schätze häufende reiche Mann. Ich bin mir wohl bewußt, daß ich keinen zwingenden Beweis geführt habe, daß der jüdische Reichthum eine Fabel sei; wohl aber wird der Leser vielleicht doch eingesehen haben, daß und warum über den Reichthum der Juden gefabelt wird. Ich für meine Person bin überzeugt, daß wenn eine Statistik über die Vertheilung des Reichthums nach den Confessionen möglich wäre, der jüdische Reichthum sich fast ebenso als Fabel erweisen würde, wie der Ritualmord. Ja selbst wo Reichthum bei den Juden wirklich vorhanden ist, ist er nicht so solider Natur wie der des Adels und der christlichen Partricier und selbst Bauern. Er gleicht mehr dem Flugsand, den jede kritische Handelsbezw. Börsenconjunctur oder der Tod vertheilt oder wegfegt. Wie viele Juden haben ererbten Retchthum? Gewöhnlich muß der Jude seinen Retchthum selbst erwerben: durch Intelligenz, List- Glück, Wagemuth, sehr oft und meistens sogar durch Fleiß und Sparsamkeit. Der Jude verdient, er erbt selten. „Der Got erbt," sagt man bet den Juden. — Zeituvgsuachrichte« stufe Correfpoufeerrzeu. Deutschland. Berlin, 21. August. Ueber die neuesten antisemitischen Zeitungsgründungen und den infolge dessen unter den „Genossen" ausgebrochenen häuslichen Zwist schreibt die „Nation": „Die „Fliegenden Blätter" brachten vor Jahren einmal zwei Bilder — von Oberländer, wenn wir nicht irren —, Scenen aus einem Affentheater darstellend. Auf dem ersten Bilde waren Pudel und Affen dargestellt, wie sie höchst gravitätisch eine Gesellschaftsscene nachahmen. Ein Pudel, als vornehme Dame aufgeputzt mit Sammt und Seide angeihan, marschirt voran, gallonirte Affen tragen die Schleppe, ein Hofmeister empfängt sie: kurzum, der ganze äußere Apparat der vornehmen Menschenwelt ist in der posstrlichsten Weise nachgeahmt. Auf dem zweiten Bilde sieht man die Wirkung einer auf die Bühne geschleuderten Wurst. Die ganze gravitätische Gesellschaft fällt übereinander her und sucht im wirren Durcheinander ein Stück Wurst zu erhaschen. An diese amüsanten Bilder wurden wir durch den Streit erinnert, der in diesen nassen Sommertagen im konservativagrarisch-antisemitischen Lager entbrannt ist. Bei feierlichen Gelegenheiten trieft die edle Gesellschaft von lauter erhabenen Gefühlen: Sittlichkeit, Monarchie, Christenthum, Deutschthum u. s. w. Nun hat er aber einigen unternehmenden antisemitischen und agrarischen Geistern gefallen, ein Paar neue billige Tageszeitungen ins Leben zu rufen, mit größeren kapitalistischen Mitteln und einer Unverfrorenheit der Reklame, wie man sie sonst nur aus den antisemitischen Beschreibungen des Treibens „jüdischer MammonSknechte" kennt; es sind das die „Deutsche Tageszeitung" erscheinend unter den Auspizien des Bundes der Landwirthe, Preis 50 Pf. per Monat, und die „Volksrundschau", ein Ableger der „unparteiischen" antisemitischen „Täglichen Rundschau", Preis 1 Mark per Quartal. Wie wir aus Prospekten erfahren, werden diese neuen Zeitungen für Jeden — Alles bringen. Kein Marktschreier kann seine Patentmedizin kühner anpreisen. Immerhin könnte das — wenn die „großen" Mittel nicht vorzeitig ausgehen — eine gefährliche Konkurrenz für die übrige agrarisch-antisemitische konservative Presse werden. Das haben denn auch die verwandten Preßzeister, die sonst nur in Deutschthum, Sittlichkeit und Uneigennützigkeit machen, sofort begriffen, uild man ist in einem erbitterten Streit um die „Wurst" gerathen. Den neuen Gründungen wird all das Schlechte nachgesagt, was man sonst nur den abgefeimtesten „JudenblLttern" nachsagt, und man denunzirt den niedrigen Kapitalismus, der in dieser Weise den alten, bewährten Kämpfern für Edelsinn und Deutschthum das Brod vor dem Munde wegnimmt. Man hatte sich doch bisher für die nothleidende Landwirthschaft und für den Antisemitismus so mannhaft ins Zeug geworfen, und nun kommen die großen Kapitalkräfte der eigenen Partei und bedrohen alle die kleinen Schreier mit dem wirthschafrlichen Untergange. Dabei wird in dem Prospekt des einen dieser Blatter auch noch ziemlich unverblümt zu verstehen gegeben, daß man den Antisemitismus nur in der Verdünnung kredenzen werde, die das sicherste Geschäft in Aussicht stelle. Natürlich bleiben die angegriffenen