Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1894)
- Date
- 1894-09-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Juden spielt aber, eben weil sie meist Geschäftsleute sind und Kapital brauchen, die Mitgift eine noch größere Rolle als bei allen anderen. Dem Schwiegervater oder Schwiegersohn in sxe wird durch den Schein des Reichtums Sand (?) in die Augen gestreut, die nach der Hochzeit sehr oft dem Schwiegersohn namentlich weit aufgehen. (?) Von den großen jüdischen Mitgtften kann man meist einen tüchtigen Prozentsatz abziehen. Aber selbst die hinstchtlich der Vermögensverhältniffe untergeordnetesten Schichten der Juden werden aus verschiedenen Gründen in den Augen der Christen leicht weit wohlhabender erscheinen als sie sind. Der ärmste Jude ist durch seine Religion verpflichtet, gewiffermaßen zwei, eigentlich sogar drei Kücheneinrichtungen zu haben: für Fleischfür Milchspeisen und für das Osterfest. Die Küche des ärmsten Juden ist daher unverhältnismäßig reich ausgestattet, was der christlichen Hausfrau ungefähr gleichen Standes ungemein imponiert, die nun noch obendrein aus den vielen Töpfen und Schüsseln auf reichliche Mahlzeiten schließt. Und bis zu einem gewiffen Grade und bis zu einer gewissen Grenze speist der Jude auch in seinem Hause besser als der Christ in gleichen, ja in viel befferen Vermögensverhältnissen, weil Letzterer öfter auch außerhalb des Hauses ißt und trinkt, der halbwegs fromme Jude aber namentlich in mittleren und kleineren Städtchen außerhalb des Hauses gar nicht essen kann, und Alle vom Trinken keine große Freunde sind. Der Jude kann also in der Regel seine Ausgaben auf das Haus concentrieren, wozu ihn auch seine Neigung treibt. Der zufällige christliche Gast schließt aus der behaglicheren Lebenshaltung, die durch eine solche Concentrterung und durch die wirtschaftlichen Tugenden der jüdischen Hausfrauen allein ermöglicht wird, auf opulente Mittel. Kommt er gar an einem Sabbath oder an einem Festtag in eine jüdische Familie, dann wird er erst recht auf Wohlhabenheit schließen. Denn der ärmste Jude, der die ganze Woche selbst darbt, wird es möglich machen, Sonnabend reichlicher und besser, ja selbst mit einem gewissen äußeren Luxus zu speisen. Meine Eltern in X. gehörten jedenfalls zu den Wohlhabendsten im Orte und wurden von den Christen wahrscheinlich für schwer reich gehalten. Dennoch lebten wir die Woche über so, wie kaum ein untergeordneter Arbeiter in Berlin, auch abgesehen vom Trinken und Speisen außerhalb, wovon bei uns absolut keine Rede war, leben würde. Ganz gewiß kostete das Mittagessen für die ganze Familie — fünf Personen — in der Regel kaum so viel wie eine einzige Portion in der Berliner — Volksküche. Um nur einige Beispiele zu geben, so waren Kartoffelbrei, eine Grützsuppe, Reis- oder Hirsebrei, oder Kartoffel, die wir selbst anbauten, und zwei Drei- oder Fünfpfennigheringe, die wir selbst verkauften, eine Mittagsmahlzeit. Die Grützsuppe spielte in unserem Haushalte eine sehr große Rolle. Der Vater, der von Berlin, Hamburg her eine bessere Küche kannte, machte darüber einen sehr guten Witz. Die Juden sprechen über jede Speise einen Segen aus. Sie danken dem Schöpfer für das Brot, das er aus dem Boden zieht, für die Kartoffel, die Frucht der Erde, den Wein, die Frucht, die am Weinstock, den Apfel, die Frucht, die am Baume wächst. Für die Grützsuppe, meinte der Vater, müsse er wohl einen besonderen Segen sprechen, nämlich für die Frucht, die ihm zum Halse hinaus wächst. Ab und zu freilich hatten wir auch ausgekochtes Fleisch im Laufe der Woche. Dafür gab es Freitag Abend unter allen Umständen Fisch und Fletsch, Weißbrot, Wein, notabene für den Tag von uns fabricirten Rostnenwein, Sonnabend Kuchen, den man selbst herstellte, zu Mittag Vorspeise, Fleisch, Compot, Speise. Aber diese lucullischen Genüsse machten nicht den eigentlichen Sabbatluxus aus. In dem kleinen Stübchen brannten des Abends zehn Talgkerzen, davon zwei in silbernen, zwei in kupfernen Leuchtern Dieser Lichterglanz, das weiße Tischtuch, die blankgeputzten silbernen, kupfernen und Messingleuchter, dazu das vollendete dolce far niente mußte auf die Christen den Eindruck machen, als führten wir ein reines Phäakenleben. Und so oder ähnlich, Haus bei Haus in jeder jüdischen Famlilte. Es ist wahrlich kaum zu verwundern, daß die christlichen Mitbürger an weitverbreiteten jüdischen Reichthum selbst in X. glaubten. Dennoch bin ich fest überzeugt, daß jeder einzige Bauer, der Sonntags nach der Stadt tarn, in Schnaps und Bier allein mehr vertrank, als uns der ganze Sabbat kostete. Die Jüdinnen wirthschaften weit öconomischer oder wissen sich doch besser nach der Decke zu strecken. Ich verkehrte einmal ein ganzes Jahr sehr intim in einer jüdischen und in einer christlichen Familie, d. h. ich war tu beiden Familien ohne Ausnahme jeden Tag, und wurde in die innersten wirthschaftlichen Geheimnisse gezogen. Beiden Familien ging es schlecht; die christliche war insofern besser daran, als sie auf eine bestimmte Einnahme von 1200 Mark jährlich rechnen konnte, wozu noch vielleicht eine unsichere Einnahme von 600 Mark kam. Die jüdische Familie hatte gar keine bestimmte Einnahme und dürfte m summa kaum so viel das Jahr eingenommen haben. Aber obwohl die christliche Familie nur aus drei Damen, die jüdische Familie aus drei Damen und einem Herrn bestand, machte letztere den Eindruck, als wäre sie wohlhabend, die