Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1894)
- Date
- 1894-09-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Beilage ju M 70 -es „Israelit". Leitender Artikel. Der jüdische Meichlfium.*) Dieses Kapitel beginne ich mit einigem Zagen. Ich will nämlich etwas behaupten, was ich nicht beweisen kann, aber doch eingehend begründen werde, und was der vorgefaßten Meinung der Welt geradezu in's Gesicht schlägt. Ich behaupte, daß der jüdische Reichthum nicht existiert, daß er eine kable eonvenue ist, wie es deren ja so viele giebt ganz besonders in Betreff der Juden. Reiche, sehr reiche Juden giebt es ohne Zweifel, ober ihre Zahl ist nicht unverhältnismäßig groß, und die jüdischen Massen gar sind nichts weniger als reich. Wir sind zu der Annahme, daß die Juden so reich seien, vielleicht verleitet worden, weil seit langen Jahren Rothschild als die Persontfication des Reichthums gilt. Aber nur in Deutschland gilt Rothschild als der Reiche par excellence, obwohl er auch in Deutschland nicht der Reichste ist. In England stand viele Jahre in der kaufmännischen Welt das Haus Baring dem Hause Rothschild vollständig ebenbürtig zur Seite. „Jew Kothschild or his fellow Christian Baring“ singt schon Byron. Freilich ist jetzt das Haus Baring nicderg.'gangen, aber in der englischen Aristokratie, in der englischen Großindustrie und selbst in der Handelswelt giebt es Biele, die es mit Rothschild aufnehmen können. Außerhalb Europas, in Indien, in Amerika, China n. s. w. überstrahlte der Glanz Barings denjenigen Rothschilds bet Weitem. Läßt man aber den einen Rothschild bei Sette, und giebt ein halbes Dutzend oder ein Dutzend reicher Juden dazu, dann sind alle anderen jüdischen Reichen von untergeordneter Bedeutung im Vergleich zu den großen Neichen, den christlichen Latifundienbesitzern und Großindustriellen in Deutschland. Unter den Milliardeuren in Amerika, den Reichen ä la Vanderbildt, Aftor, Steward, Rockfeller, Mackay, Gould u. s. w. befindet sich kein einziger Jude. Daß man auch die Gesamtheit der Juden für reich hält, hat seine verschiedenen Gründe. Die Juden widmen sich hauptsächlich, und zwar weil ste Jahrhunderte hindurch dazu gezwungen waren und indirect cs noch heute find, dem Geld- und Waarenhandel, der Vermittlung der Börsenspeculation u. s. w. Hier wird viel Geld verdient, aber auch viel verloren, man spricht jedoch immer nur von denen, die Erfolg, nicht von denen, die Mißerfolg gehabt haben, genau *) Aus dem vor einiger Zeit erschienenen Buche: „Ernste Plaudereien über die Judenfrage." so wie man von den Einzelnen spricht, die in der Lotterie viel gewinnen, nicht von den Zehntausenden, die verlieren. Das Geld solcher Leute ist stets mobil, sichtbar. Ihre Gold- und Silberstücke scheinen so zahlreich, ohne es zu sein, wie die Soldaten auf der Bühne, die nur so zahlreich scheinen, weil dieselben, die auf der einen Seite abtreten, auf der anderen wieder erscheinen. Das Haus so und so beteiligt sich bei der Anleihe mit so vielen, bei dem Unternehmen mit so vielen Millionen; man vergißt, daß dieselben Millionen, die auch wiederum nur zu einem kleinen Bruchteile Eigentum der betreffenden Firma sind, tn beiden, ja in noch vielen anderen Unternehmungen figurieren. Wer so sein Kapital überall und stets ins Spiel bringen muß, scheint eher sehr reich zu sein, als wer es in Grund und Boden, in großen Fabriketabliffements stecken hat. Von Letzteren weiß allenfalls der Nachbar etwas, der Geschäftsfreund, von den größeren Bankiers Jeder. Beim Grundbesitzer, Beamten u. s. w. sehen wir immer nur die Rente des angelegten Kapitals, bei den reichen Juden stets Rente und Kapital in Function. Die Volksmassen halten die jüdischen Geschäftsleute für die wirklichen Besitzer all der aufgestapelten Waren, die ste erst kaufen müssen, während jene doch oft kaum mehr als die mit Sorgen beladenen Verwalter sind. Ich erinnere mich, daß als ich in Berlin studierte, neben mir im vierten Stock in einem kleinen einfenstrigen Stübchen der jüdische Chef eines der ersten Berliner Modewarenmagazine wohnte. Am Tage machte er Gräfinnen und Fürstinnen in dem für die damaligen Verhältnisse glänzenden Laden als Chef die Honneurs, Nachts schlief er in einer Mansarde, welche kaum ein kleiner Beamter als standesgemäß für sich ansehen würde. Der Herr galt sicherlich in den Augen der Menge für sehr reich. DaS Bedürfniß, weil er Kaufmann und auf Kredit angewiesen ist, auch kreditwürdig zu erscheinen, zwingt den Juden oft, Fabrikanten, Geldmännern und Kunden gegenüber den Schein des Reichtums zu erwecken. Eine den Juden eigentümliche Vorliebe für Superlative und Hyperbeln läßt sie stets Worte wie sehr reich, schwer reich, steinreich im Munde führen. Der A., sagte einmal ein Jude, ist ein reicher Mann, ein Millionär von wenigstens 5000 M. im Vermögen. Diese bekannte jüdische Anekdote ist überaus charakteristisch. Ein sehr triftiger Grund für viele Juden, opulent aufzutreten, ist die Heirat. Der Jude sucht seine Töchter ä tout prix unter die Haube zu bringen. Bet den