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Der Israelit · 1894-08-30 · Heft 69 (30.8.1894) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 69 (30.8.1894)
Date
1894-08-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1292 vermischtes, «ch- Wien, 27. Aug. Der heute ru Wien eroffnete zwei* undzwanzigste internationale Saatenmarkt ist weit mehr von politischer als von commerzieller Bedeutung, ein trauriges Symptom der geradezu selbstmörderischen Erfolge, welche Wien, seit es sich der antisemitischen Führung überlassen, aufzuweisen hat. Der Saatenmarkt ist, kaum der Schatten seiner Vorgänger sowohl was den Besuch als was den Umfang der geschäftlichen TranSactionen betrifft. Bekanntlich war es die Absicht der Veranstalter, ihn nach den Beschimpfungen, welche die Gäste Wiens in der letzten Session des niederosterreichischen Landtages eben von Seite der Wiener Abgeordneten hatten erdulden muffen, nicht mehr abzuhalten, und nur auf die dringende Aufforderung des Handelsministers entschloffen sie sich, die Institution aufrechtzuhalten. Aber obgleich der Erlaß des Grafen Wurmbrand die im eigenen Fleische wühlende antisemitische Agitation gegen den Saatenmarkt scharf verurtheilt hatte, obgleich er selbst in Begleitung des Statthalter und des Vice-Bürgermeisters Matzenauer bei der Eröffnung erschien und dadurch nicht blos das lebhafte Jntereffe der Regierung an dem Fortbestände des Saatenmarktes documentirtr, sondern auch für die blödsinnigen Angriffe eine Genugthuung gewährte, scheint sowohl das Ausland als die Provinz nicht geneigt, sich neuerdings Insulten auszusetzen, und die Besucher sind, ausgeblieben. Vielleicht werden die ermunternden Worte, welche Graf Wurmbrand heute sprach, in Zukunft dem Saatenmarkte wieder das Vertrauen der Besucher und die alle Bedeutung zurückgewinnen. Für heute muß constatirt werden, daß die Gewiffenlosigkekt selbst- und ehrsüchtiger Demagogen eine Institution, um welche Wien von vielen Hauptstädten beneidet wurde, nahezu zerstört hat, und im besten Falle wird es aller Anstrengung bedürfen, um der Stadt langsam zurückzuerobern, was sie bereits besaß. Ein drastischeres Symptom politischen Niederganges, der auch den wirthschaftlichen Niedergang im Gefolge hat, ist nicht leicht zu denken. Feuilleton. Wadeplaudereien. Oft ende im Ab. Der Mode, dieser tyrannischen Göttin mit der Devise sie volo sie jubeo, wird, obwohl Vieles mit unserer Anschauung, Gewohnheit und mitunter auch mit unserer Gesundheit sich nicht verträgt, gar manches zum Opfer gebracht. Zu den Gewohnheiten, die, in der jetzigen Zeit, zum heilsamen Bedürfniß, ja, ich möchte sagen, zur Nothwendigkeit geworden, gehören die Erholungsreisen. Selbst die Thora, unsere heilige Schrift, schreibt uns diese heute zur Nothwendigkeit gewordene Mode mit den Worten: Ilscdmartern es nafseliaussecbem „sorget für Euer körperliches und geistiges Wohl", klar und deutlich vor. Die Vergnügungs- und Erholungsreisen sind heute derartig in der Mode, daß man glaubt, Bekannten gegenüber sich entschuldigen zu müssen, wenn man die Sommerreise aus diesem oder jenem Grunde unterlassen muß. Diese Reisen verdienen jedoch in unserer anspruchsvollen, materialistischen Zeit, in dem unausgesetzten Jagen und Rennen nach Hab und Gut, in dem geistigen und körperlichen Schaffen und Ringen ihre volle Berechtigung, sie entsprechen ebensowohl der genannten biblischen Vorschrift wie der pädagogischen Lchre „cura, ut sit mens sana in corpore sano“ „sorge, daß eine gesunde Seele in einem gesunden Körper sei". So sehen wir, daß der Zeit entsprechend Verhältnisse sich entwickeln, die mehr oder minder einen Ausgleich zwischen Einnahme und Ausgabe, sei es in materieller, physischer oder intellektueller Hinsicht, herbeiführen. Ein Unrecht gegen sich und gegen ihre Familie begehen alle diejenigen, die auf den Mahnruf der Thora: „Sorgt für Eure Erholung" nicht hören. „Schüttle ab den Staub (Deiner Berufsgeschäfte), erhebe Dich!" — ruft der Prophet Jesajas und die Sabbathhymne Lecho Daudi wiederholt Dir allwöchentlich zu ('typ ispQ nyinn). Und sind die Sabbate und Feiertage zur Erholung nicht ausreichend, so müssen wir unseren aufreibenden Beschäftigungen für eine längere Zeit den Rücken wenden. Glauben wir die gewünschte Erholung in dem Ort unseres Schaffens und Wirkens selbst nicht zu finden, um, gestärkt, von Neuem die körperliche und geistige Arbeit aufzunehmen, nun denn: Auf, erhebe Dich! Hinaus in die Ferne! Fern von dem Kreise unseres Wirkens müssen wir verweilen, weil dabei tausenderlei Sachen an uns täglich herantreten, denen wir nicht gleichgültig gegenüberstehen können und eben dadurch unsere Erholung stark beeinträchtigt wird. Schüttle ab den Staub Deiner Geschäfte von Dir, erhebe Dich, bekleide Dich mit Deinem Reisekleide und eile hinaus in Gottes freie Natur. Willst Du nun, freundliche Leserin, von Deiner Erholungsreise einen bestmöglichen Nutzen haben, so begieb Dich an die große, weite S:c; da wo eine so reine, gesunde, ozon- und salzhaltige Luft herrscht, die auf Lunge, Blut und Nerven, auf unfern ganzen Organismus so wohlthuend und heilend wirkt, wirst Du neu belebt Dich fühlen und Deine geschwächten Körperkräfte gestärkt erhalten. Ach wüßtest Du, wie's wohlig ist Hier aus diesem Grund, Du kämest her, wie Du bist Und würdest erst gesund. (Gothe. Es muß ein Unterschied zwischen der Wirkung der Ost- und Nordsee gemacht werden; in der Nordsee ist der Salzgehalt ein doppelter gegen den der Ostsee, der Wellenschlag daher, beeinflußt durch die zweimal des Tages etntretende Ebbe und Fluth ein kräftigender. Unter den Nordseebädern steht Oftende wohl in erster Reihe. Es ist eine irrige Ansicht, zu glauben, daß in Ostende die Lebensweise eine allzu theuere sei. Jeder kann hier seinem Vermögen

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