Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1894)
- Date
- 1894-08-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1291 leicht von Selten unserer Gegner angeknüpft werden könnte, möge eine kurze Erklärung finden, zumal gerade hier der Gegensatz zwischen unserer Auffassung des Judenthums und der unserer Gegner am deutlichsten zu Tage tritt. DaS Judenthum hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß es mit dem Geiste der Menschenliebe, den seine Satzungen athmen, nur diejenigen Individuen umfaßt, die auf dem Boden des allgemeinen Sittengesetzes stehen. Als außerhalb dieses Gesetzes und damit auch jeden Gesetzes stehend aber mußte und muß das Judenthum jeden ansehen, der dem Polytheismus und dem damit unabweisltch verbundenen Hang zur Sittenlostgkeit jeder Art huldigte. Nur hin. sichtlich feiner eigenen Glaubensgenoffen ging das Judenthum noch einen Schritt weiter, indem es bei ihnen schon die einfache mit Bewußtsein und Vorbedacht ausgeübte, fortgesetzte Uebertretung des Reltgionsgesetzes ivD) als genügend ansah, um den Thäter des Schutzes des Gesetzes verlustig gehen zu lassen, ihn dem Sternanbeter völlig gleichzustellen. Daß ein derartiger Standpunkt nicht nur in der Vergangenheit seine Berechtigung fand, sondern, daß er auch für die Gegenwart, wie für alle Zeiten als berechtigt gilt und gelten muß, das beweisen aufs bündigste die Culturbestrebungen, die alle civilisirten Staaten im Inneren Afrikas, und wo sonst der Sklavenhandel auftritt, nöthigenfalls mit Pulver und Blei zu unterstützen sich berechtigt halten. Was anderes gäbe den Culturstaaten das Recht zu dieser Mission, woher leiteten sie ihre Berechtigung zu den schärfsten Repressivmaßregeln gegen Anarchisten und ähnliches Gelichter, wenn nicht eben aus dem allgemetngiltigen Grundsätze, daß nur derjenige Exfftenzfähigkeit im Rahmen der menschlichen Gesellschaft besitzt, der ihrem Sittengesetze sich fügt! Diesen Grundsätzen aber folgt auch das „veraltete" Schulchan- Aruch-Judenthum, und wenn es hierin von dem Rcformjudenthum, wie geschehen, behindert wird, dann entsteht die Frage, ob es nicht umgekehrt die Pflicht der Aufsichtsbehörde ist, Versuche, die darauf ausgehen, einem doktrinären Humanitäts. dusel zu Liebe die wahren und echten Lehren jener Menschenliebe, die zwischen der Bestie und dem Menschen unterscheidet, zu verfälschen und zu trüben, entgegenzutreten! „Reform ist Trumpf," daS ist des angeführten Gutachtens erster und letzter Schluß, sein kurzer, inhaltsschwerer Sinn. Möchten unsere Freunde im Lande daraus endlich die Lehre entnehmen, daß, wenn, was Gott verhüten möge, der Reinheit unseres Glaubens einmal ernste Gefahr drohen sollte, wir von jener Seite bestenfalls keine Hilfe zu erwarten haben. Unsere Religion aber möge n"3pn vor Freunden bewahren, die für ihre Reinheit und Sicherheit nicht besser sorgen zu können glauben, als indem sie den Geist des alten Judenthums aus den Schulen austreiben. Zeitungsnachrichten und Correspondeuze«. Deutschland. Berlin, 27. August. Wiederholt ist in diesem Blatte auf den Religions-Verein „Westen" hingewiesen worden, welcher sich in der Joachimsthalerstr. Nr. 3 einen kleinen Betraum geschaffen hatte. Der würdige Gottesdienst fand immer mehr Freunde, sodaß sich schon vor Monaten die bisherige Andachtsstätte als zu klein und unzureichend zeigte. Der Religions-Verein „Westen" hat sich nun infolge des großen Zuspruches veranlaßt gesehen, bereits zu den hohen Festtagen nach Tauenzienstr. Nr. 9 (am Kurfürstendamm) überzusiedeln, wo eine große, Helle und lustige Synagoge nach den Wünschen des Vereins errichtet worden ist. Der Tag der Einweihung derselben wird noch bekannt gegeben. Bei der bisherigen Entwickelung des Vereines und dem gänzlichen Mangel einer Gemeinde-Synagoge in diesem großem, sonst so bevorzugten Stadttheile läßt sich für die Zukunft des Religions- Vereines „Westen" auch in ferner neuen Synagoge das Beste erhoffen. Herren- und Damenplätze sind zu haben bei Herrn L. Zomber, Kurfürstendamm Nr. 24, worauf wir unsere Leser aufmerksam machen möchten. Oesterr. Ungar. Monarchie. Baden b. Wien, 13. Aug. Im hies. Stattheater fand an diesem Tage zum Besten des israelitischen Frauen- Vereines eine Wohllhätigkeits-Vorstellung statt, in welcher der in Wien sihr beliebte Tenorist Herr Carl Streitmann aus besonderer Gefälligkeit unentgeltlich als Gast auftrat und auch reichen und wohlverdienten Beifall erntete. Das Haus war biS auf das lrtzte Plätzchen ausverkauft und ist auch dem Vereine ein recht ansehnlicher Reinertrag zugeflossen. Es hat sich, wie so oft schon, auch bei Veranstaltung dieser Wohlthätigkeits-Vorstellung — welche die gemeinsamen Bemühungen des israelitischen Frauen-Vereins. Vorstandes und der Herren Beiräthe ein so günstiges Resultat ergeben hat — gezeigt, daß die besten bürgerlichen Kreise und die Honoratioren Badens, selbst wo eS sich um die Förderung rein jüdischer Zwecke handelt, durch ihre zahlreiche Betheiligung auszetchnen und der Antisemitismus in den befferen und hervorragenden Kreisen Badens nicht heimisch ist. Großer Dank gebührt dem Herrn Tüeater-Director Schreiber, welcher dem israelittscheu Frauen-Verein das Theater freundltchst zur Verfügung stellte.