Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1894)
- Date
- 1894-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448475--39191-2487331- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1287 erschollen für und für auf den großen König, der die Feinde geschlagen hatte, fast wie durch ein Wunder. Als ob sie von dem Hauche seines Mundes davon geflohen wären, so hatte er die starken und wilden Russen, wie die aufständigen Adeligen verjagt, und fast ohne, daß er selbst einen Verlust in seinem Heere erlitten, war ihm der ungeheure Sieg gelungen, größer als ihn jemals Polen bisher errungen hatte. Ueberall nannte man nur den Namen des Königs Kastmir, den man mit dem Beinamen, der Große, belegte. Ja, das war auch ein Steg! Dem ungeheuren mächtigen russischen Heere allein zu widerstehen, war schon mehr gewesen, als es menschenmöglich schien; dies russische Heer aber, noch vermehrt um alle Adeligen, dem zu widerstehen, das schien über alles menschenmögliche Können hinauszugehen und daher waren die Russen und die Ausständigen auch ihres Erfolges so sicher. Sie rechneten so fest auf die gänzliche Verlassenheit und Ohnmacht des Königs Kasimir, daß sie jede Vorsichtsmaßregel außer Acht ließen. Zu was hätten sie Vertheidigungsmaßregeln ergreifen sollen? Schien doch Kastmir von allen verlassen bis auf den letzten Mann. Die einzigen, die ihm Heeresfolge zu leisten hätten, waren ja die Adeligen mit den von ihnen geworbenen Rettern und Fußsoldaten, und alle diese Vasallen hatten ihm den Dienst aufgcsagt. Der König hatte also kein Kriegsheer und mit seiner Person allein konnte er keinen Widerstand leisten. Die Russen dachten sicher ohne Schwertstreich in Krakau einziehen zu können und nachdem sie die Grenze überschritten, begannen sie eine fröhliche lustige Plünderung, raubten alle Dörfer aus, an denen sie vorüber kamen. Die Männer machten sie zu ihren Sklaven und die Frauen und Mädchen wurden furchtbar mißhandelt. Zucht und Ordnung waren vollständig aufgelöst in dem Heer. Hatte es doch keinen Feind zu fürchten und konnte sich sorglos allen Genüssen hingeben, die das Feindesland ihnen bot. Und so wäre es ja auch in der That gewesen, wenn nicht Elischa jenen ungeheuren Plan ausgesonnen zur Rettung Polens. Jetzt aber brütete dieser Mann über jenen anderen, über seinen Lieblingsplan, dem zu Liebe er alles unternommen, für den er auch auf die Geliebte seines Herzens verzichtet. Nun war es erreicht, nun konnte er zur Ausführung schreiten, nun konnte er sein ungeheures Vorhaben verwirklichen. König Kasimir war an der Spitze der Leibeigenen in Rtesenmärschen vorgedrungen, und noch schneller wie er waren die letchtberittenen Grusier, die wie der Sturmwind über die Länder dahin jagten. Eine unendliche Begeisterung für ihre Sache und für den König herrschten im ganzen Heere. Fochten doch die Leibeigenen für ihre Freiheit. Winkte ihnen doch nach Beendigung des Krieges das höchste Gut, dessen der Mensch thetlhaftig werden kann, und gerne wären sie alle gestorben, um im letzten Augenblicke ihres Lebens dieses ersehnten Glückes theilhaftig zu werden. Alle Strapatzen und Mühen, die der König ihnen zumuthete, ertrugen sie mit Freuden, denn wenn der König nicht siegte, waren sie verloren, und die furchtbarsten und grausigsten Mißhandlungen durch ihre bisherigen Herren standen ihnen bevor. So hatte denn Kasimir ein Heer, besser als er es je besessen. Ein Heer, in dem nicht allein jeder gewillt war. zu siegen mit Einsetzung seiner ganzen Kraft, sondern bei dem es für jeden nur ein „Entweder, Oder," nur siegen oder sterben gab. Die Grusier aber standen der Begeisterung der Fußtruppen nicht nach, denn auch sie sollten für eine neue Heimath kämpfen. Diese Männer, die das Gebirge nicht mehr ernähren konnte, die deshalb ausgezogen waren, um in der Ferne ihren Unterhalt zu suchen, konnten nun nach dem Stege, gemäß dem Versprechen des Königs, ein neues Land ihr Eigen nennen. Hier und dort stießen die dem Heere vorauSeilenden Grusier auf Plünderzüge der Feinde, die durch den plötzlichen Ueberfall überrascht, fast ohne Widerstand aufgerieben wurden, und da fast das ganze Heer des russischen Großfürsten, der an der Spitze der Feinde stand, auf diese Weise zerstreut war, so dauerte es lange bis der Großfürst nach dem ersten Angriff sein Heer sammeln und zu einer Schlacht aufstellen konnte. Endlich gelang indessen dies dem Großfürsten und er rückte mit geschlossenen Schaaren zum Angriff gegen die Grusier vor. Er dachte, daß diese selbstständig gegen ihn los gegangen wären, vertrauend auf ihre berühmte Tapferkeit und Stärke, daß er es nur mit diesen allein zu thun hätte. Dies schien der Anführer der Gruster auch zu erkennen, denn er stellte die Seinen zu einer Schlachtreihe auf, doch sobald die Feinde mit ihnen Zusammenstößen wollten, da flohen die Gruster vor den Russen, nach der Richtung hin, wo Kastmir mit seinem Heere in Eilmärschen herbei kam. Als die Russen sahen, daß die Grusier flohen, da frohlockten sie und sandten ihre Reiterei hinter ihnen her, um sie zu verfolgen.