Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1894)
- Date
- 1894-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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er der Ueberzeugung Ausdruck gab, daß „die polnischen Gewerbetreibenden auch bei dieser gemeinschaftlichen Arbeit festhalten werden an den traditionellen nationalen Eigenschaften, deren Hauptmerkmale die wahre Vate, landsliebe, brüderliche Liebe zu sämmtlichen Mitbürgern und die wahre christliche Toleranz sind". So verlies denn der Lemberger Gewerbe'ag, trotzdem sein wirtschaftliches Programm ganz in dem rückschrittlichen Geiste des berüchtigten vierten GewerbetageS von Wien gehalten war, ohne daß Schneider eine seiner Brandreden gegen die Juden gehalten hätte, ja ohne datz das Wort Jude währnd der Verhandlungen genannt worden wäre. Geradezu tragikomisch wirkte aber der Abschluß, den dieser Gewerbetag, zu welchem Schneider offenbar mit den Siegeshofsnungrn eines Hannibal ausgezogen war, nahm. DaS Schlutzbankett, welches zu Ehren der Theilnehmer gegeben wurde, muß in seiner Art einzig gewesen sein. Denn die Polen hatten Schneider mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit mitten unter jüdische Honoratioren gesetzt, in seiner nächsten Nähe saßen die jüdischen Handwerker beim — koscheren Mahle. Zu allerletzt hatte der Prästdent des Gewerbetages Kammerrath NiemezynowSki noch den guten Humor, einen Toast zu sprechen, in welchem er sagte, daß die enragirtesten Antisemiten mit ihrem Führer Schneider aus Wien hergekommen seien. Und doch hätten diese notorischen Antisemiten im Namen der Gerechtigkeit sich den hier befindlichen jüdischen Handwerkern genähert und ihnen im Nachbarsaale die Hand gereicht- So also endete Schneiders galizische Campagne, rw't welcher er so viel und so oft gedroht hatte. Schneider wird sich nicht über Unhöflichkeit beklagen können, aber wir glauben, die ausgesuchte Liebenswürdigkeit der Polen wird ihm einen zweiten Besuch Lembergs gründlich verleidet haben. Hellene« nnb Semiten. Geh. Rath Prof. Ernst CurtiuS, der nun bald das achtzigste Lebensjahr vollendet, hat neuerdings den zweiten Band seiner „Gesammelten Abhandlungen" herausgegeben. Der liebevolle Erforscher von Hellas und seiner Cultur hat diesem Buche ein feffelndes Vorwort vorangeschickt. Eine bemerkenswerthe Stelle ist die Betrachtung des Zusammenhanges semitischer und hellenischer Kultur. Prof. Curtius sagt da u. And.: Semiten und Arier find, soweit wir denken können, die wichtigsten der geschichtbildenden Völkergeschlechter, die unter sich verschiedenartigsten, die zu allen Zeilen als nächste Nachbarn am meisten auf einander eingewirkt und ihren Volksbesitz mit einander ausgetauscht haben in Frieden und Unfrieden, zu Vorthetl und Schaden. Semitisch ist die älteste Kultur am Mittelmcer, und doch sträubt man fich noch immer, in Religion und Kultur anregende Einflüsse derselben anzuerkennen, man begegnet noch immer der Vorstellung, es gereiche den Hellenen zur Ehre, daß man ohne Anerkennung irgend welcher Abhängigkeit von auswärtigen Faktoren auskommen könne, und man weist, was von mir und Andern in dieser Beziehung gellend gemacht worden ist, mit Mißbehagen zurück, ohne die Thatsachen zu widerlegen." Eurtius erörtert dann des Weitern, wie semitische Einflüsse zu verschiedenen Zeiten in den hellenischen Volkscharakter etngedrungen sind. Literarische Notiz. Zeh« Predigten für Rosch-Haschanah, Jom- Kippur und Sukkoth. Von Rabbiner Dr. H. Sänger. Frankfurt a. M. I. Kauffmann. 68 S. 80 M. 1.20. Der Name des Verfassers vorliegender Sammlung macht für die Leser dieser Blätter eine Empfehlung überflüssig. Nichtsdestoweniger sei darauf htngewiesen, daß die bewährte Meisterschaft des Herrn Dr. Sänger auf dem Gebiete der Homiletik sich auch in diesen Predigten wiederum glänzend bekundet, welche den früheren Veröffentlichungen des Herrn Vfrs., sowohl an Reichhaltigkeit und Gediegenheit des Inhalts, als auch in Bezug auf formale Vorzüge ebenbürtig zur Sette stehen. Wir gestatten uns bet dieser Gelegenheit dem Herrn Vf. eine Bitte zu unterbreiten, die ihm zweifelsohne berechtigt genug erscheinen wird, um bei der Herausgabe weiterer Sammlungen — die des Beifalls der Leserwelt vollkommen sicher sein dürfen — berücksichtigt zu werden, wir meinen die Einreihung von ii*un nnv- und naw rwo-Predtgten in den nvs resp. 3"'i rr^-Cyclus. Diese traditionell meiftberechtigtcn Predigten werden in manchen Kreisen zu Gunsten der v">-Reden leider vielfach zurückgedrängt, und eine Veröffentlichung solcher Musterpredtgten würde nicht unwesentlich dazu beitragen, ihnen ihr historisches Recht zu erhalten oder zurückzuerobern. ftetiilteto«. Estertra. Königin von Föten. Historische Erzählung von Hugo Freund. 26.) (Nachdruck verboten.) YI. Das war ein Jubel in Krakau, wie ihn die Stadt noch kaum je gesehen. Die ganze große volkreiche Hauptstadt war schier umgewandelt in einen geschmückten Garten. Man hatte die Wälder ihrer Blätter beraubt und grüne Kränze und Guirlanden gewunden, mit denen man die Wände aller Häuser bedeckte. Bon weit her hatte man Blumen geholt und von allen Häusern herab wehten Fahnen und aus den Fenstern hingen bunte Tücher hernieder; wohlriechendes Wasser goß man aus auf den Straßen und streute duftendes Gewürz umher, damit ein lieblicher, angenehmer Hauch den Siegern entgegen wehe. Alle Straßen waren angesüllt mit einer fröhlichen, jubelnden Menge, helle freudige Siegeslieder