Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1894)
- Date
- 1894-08-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1285 uitb zu sprossen, der noch bedeutend zunahm, als auch thre Provinz mit dem Fürstenthume Bulgarien vereinigt wurde. Nicht nur die Griechen und die Mohamedaner. sondern auch die Juden möchten sie gerne aus Oftrumelien hinausdrängen, damit diese ganze Provinz ausschließlich den Bulgaren gehöre. Heute ist es daher schon sehr schwer für einen jüdischen Kaufmann in einem ostrumelischen Dorfe zu existiren, da ihn die dortige bulgarische Bevölkerung auf alle mögliche Weise chicanirt. Die Macht der Regierung erweist sich diesem Judrnhasse gegenüber als hilflos. Palästina. Der Verein zur Unterstützung der ackerbautreibenden Juden in Palästina und Syrien" (Esra) versendet soeben seinen letzten Verwaltungsbericht. Wir entnehmen demselben folgende Elnzelangaben: Es bestehen bis jetzt 24 Kolonien mit etwa 5000 Einwohnern, welche einen Fläschenraum von 50,000 Morgen bebauen. Außer Wetzen und Gerste wird hauptsächlich Wein gebaut. Es sind auch Mandel- und Mronenbäume angepflanzt und neuerdings werden zur Förderung der Seidenzucht Maulbeerplantagen angelegt. Die Kolonien sind zum Theil erst 1890 errichtet, aber sie sind so kräftig entwickelt, daß sie sich selbstständig zu erhalten vermögen Der Verein geht daher mit der Absicht um, neue Kolonien zu errichten, und namentlich russische Juden auf ihnen anzustedeln. Da die Mittel dieses so ungemein segensreich wirkenden Vereins sehr beschränkt sind — er verfügt über eine Jahreseinnahme von etwas über 8000 Mark so kann er eben nur langsam an der Verwirklichung seiner Ziele arbeiten. Es wäre daher sehr zu wünschen, daß diesem im Stillen aber rastlos wirkenden Vereine eine größere Gabenfülle zuflösse. vermischtes. Der antisemitische Redakteur Georg aus Nordhausen hielt im letzten Winter im südlichen Theil der Provinz Hannover antisemitische Versammlungen in größerer Zahl ab. Jetzt veröffentlicht derselbe folgendes Schreiben: „Mit dem heutigen Tage scheide ich aus der deutsch - sozialen (antisemitischen) Partei aus. Die Gründe, die mich zu diesem Schritt veranlaßt haben, werde ich in einer demnächst erscheinenden Broschüre ausführen." Wien. Vor einiger Zeit kündigte Mechaniker Schneider in einem Wiener Antifemitenvereine an, daß er mit zahlreichen Genossen an dem Gewerbe- und Handwerker tage, der in Lemberg in Verbindung mit der galizischen Landesausstellung gebracht werden sollte, theilnehmen werde. Schneider sah schon, wie sein Empfang denjenigen, der den deutschliberalen Abgeordneten in Lemberg zutheil geworden, in den Schatten stellen werde und rechnete dabei besonders auf die „breiteren Volksschichten". Schneider hatte aber die Rechnung diesmal ohne den Wirth gemacht; denn als die Wiener antisemitische Presse die Trommel für einen nach sattsam bekannten Mustern arrangirten Massenausflug zum Besuche der galizischen Landesausstellung rührte, wurde sie von Lemberg au« in der unzweideutigsten Weise an das alte Sprichwort erinnert: „Ungeladene Gast' sitzen nicht fest!" Im Lemberger Gemeinderathe wurde die für den Empfang der fremden Gäste beantragte Subvention nur unter der Bedingung bewilligt, daß der Gewerbetag nicht etwa wie mancher seiner Vorgänger in einen Antisemitentag ausarte, und Bürgermeister Mochnacki gab aus eigenem Antriebe die Erklärung ab, daß er in seiner Begrüßungsansprache die antisemitische Strömung perhorresciren werde, um auf diese Weise jedem Versuch, auf dem Gewerbetag in Antisemitismus zu machen, die Spitze abzubrechen. Gleichzeitig beschied die Direction der Landesausstellung das Vrranstaltungs-Comitee des Gewerbetages zu sich und verlangte von demselben die Zusicherung, daß dem Mechaniker Schneider auf dem Gewerbetage kein Referat anvertraut und daß er nicht in das Bureau gewählt werden wird, da sich sonst die AuSstellungs'Direction veranlaßt sehen würde, von dem in Aussicht genommenen Empfang des Gewerbetages abzusehen. Das ArrangirungS-Comitee gab auch bereitwillig diese Erklärung ab. Nun hieß es allerdings von einer Massendemonstration abstehen, wobei man sich beeilte, die Schuld für das Unterbleiben jenes Ausfluges auf die „jüdische" Presse zu schieben, welche durch die Verbreitung falscher Nachrichten über den Stand der Cholera in Galizien die Mehrzahl der Wiener Aniisemiten von der Theilnahme an dem Ausflug abschreckte. Ganz unversucht wollte aber Mechanicus Schneider die Gelegenheit doch nicht vorübergehen lassen, und so machte er sich an der Spitze eines kleinen Fähnleins auf die Socken, um ungeladen in Lemberg zu gastiren und womöglich den Stempel der Absichten, welche der am 12. d. M. eröffnete Gewerbe- und Handwerkertag verfolgte, zu fälschen. In Lemberg wurden diese „Gewerbetreibenden" von einigen obscuren Leuten, welche auch hier den Racenhaß gewerbsmäßig betreiben, erwartet und ohne weitere Umstände in ihr Absteigquartier geleitet. Schneider wurde nicht, wie er erwartet hatte, ins Präsidium des Gewerbetages gewählt, trotzdem es seine Anhänger verlangten. Ja es wurde ihm nicht einmal die Genugthuung zutheil, zum Vorstande einer der Sectionen gewählt zu werden. Dagegen wurde ihm, und zwar in einem für seine Person nicht sehr respeclvollen Tone, eine Zurückweisung nach der anderen ertheilt. Gleich nach der Eröffnung des allgemeinen Gewerbetages im Rathaussaale richtete Bürgermeister Mochnacki, der die Versammlung namens der Stadt zu begrüßen hatte, unverkennbar an die Adresse der berüchtigten Wiener Störenfriede die nachdrückliche Ermahnung, des Ortes eingedenk zu fein, an dem sie sich jetzt befinden, indem er zu ihrer Orientirung darauf hinwies, daß auf diesem Boden und an diesem Orte jede Nationalität und jede Confesfion der wahren Gleichberechtigung theilhaftig sei. Er schärfte ihnen zugleich ein, sich stricte an das Programm des GewerbetageS, das so viele für den Kleingewerbestand wichtige Fragen, namentlich die Einführung einer obligaten Versicherung für Witwen und Waisen, umfaßt, zu Hallen. Auch der zum Vorsitzenden gewählte Kammerralh NiemczynowSki, der seinerzeit als ReichSrathSabgeordneter von den Antisemiten viel umworben wurde und auf dessen Entgegenkommen die Wiener Aniisemiten zuversichtlich zu rechnen schienen, gab den ungebetenen Gästen gleichfalls zu verstehen, daß er ihre Art, von den eigentlichen Verhandlungsgegenständen abzuschweifen und jeden Anlaß zu einer Excurston auf confessionelleS Gebiet zu benützen, nicht dulden werde. Die nachhaltigste Abfertigung wurde aber den antisemitischen Commis voyageurs von Seite des AuSstellungSdirectorS Dr. v. Marchwicki zutheil, der bei der Bewillkommung der Mitglieder des Gewerbrcongresses auf dem Ausstellungsplatze unter stürmischem Beifalle eine Ansprache hielt, in welcher