Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1894)
- Date
- 1894-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1283 ZertuttgSrrachrichten «nd Gorrefpondenzeu. Deutschland. Frankfurt a. M In Kassel haben sie sich wieder einmal „geeinigt", die Antisemiten nämlich, die bekanntlich im Lande ungefähr so viele Fraktionen zählen, als Köpfe im Reichstage. Wie viele solcher Einigungstage diese wackere Gesellschaft im Laufe der Jahre bereits aufzuweisen hat, mag der Himmel wissen, sicher ist, daß nach jedem die alte Krippenbeißeret sehr bald wieder frisch von Neuem losgegangen ist. Das Raufen macht ja auch viel mehr Freude, wenn man sich vorher wieder einmal so recht von Herzen ausgesöhnt und den feierlichen Schwur für die „große gemeinsame Sache" geleistet hat. Der Kasseler „Tag" würde darum auch gar keine besondere Erwähnung verdienen, wenn auf demselben weiter nichts als die Einigung zwischen der deutschen Reformpartet und den Deutsch-Sozialen — die Trennungspnnkte zwischen diesen beiden Gebilden vermögen wir offen gestanden nicht anzugeben — verhandelt worden wäre, es scheint aber darüber hinaus zu Erörterungen über die in letzter Zeit vielbesprochenen Vorgänge in Berlin, die mit dem Abgang des Dr. Böckel vom Schauplatze seiner früheren „Triumphe" zufammenhängen. gekommen zu sein, auch wurde, wie aus dem Bericht eines hauptstädtischen Antisemitenblattes hervorgeht, die Konkurrenz zur Sprache gebracht, die den alten verdienten Kostgängern der großen Sache durch „neue Blättergründungen, deren Partetrichtung eine durchaus unsichere ist," bereitet werden soll. Ueber letzteren Punkt soll eine demnächst erfolgende Kundgebung des Partei-Ausschusses „die erforderliche Klärung bringen," auf die man einigermaßen neugierig sein darf. Seitens der hessischen Abgeordneten und Delegirten wurde, „infolge ekngetretener Personenveränderungen im hessischen Landesverbände der deutschen Reformpartet eine Resolution eingereicht und vom Partetausschuß gebilligt, nach welcher sie die Organisation in Hessen nach allen Ktäften fördern werden." Näheres verräth der Bericht nicht und doch wäre es nicht uninteressant gewesen, zu erfahren, wie sich die hessischen Delegirten über Herrn Böckel und seine einst so viel bewunderte und gepriesene Thättgkeit geäußert haben mögen. Biel Anerkennung für den „großen Volksmann" dürfte dabei, wie wir anzunehmen berechtigt zu sein glauben, nicht herausgesprungen sein, denn die schönen Zeiten sind längst vorbei, da man dem gewaltigen Marburger Semiteniödter an den Dorfetngängen Ehrenpforten errichtete, und ihn im Triumphzuge mit festlich gekleideten „Spitzenreitern" und wetßgewandeten Ehrenjungfrauen abholte. Heute dürfte der Empfang an sehr vielen Orten des Hessenlandes ein wesentlich anderer sein und mit der „Förderung der Organisation", die die hessischen Delegirten in heiligem Eifer gelobt haben, dürfte es seine Schwierigkeiten haben. Darüber wird man sich in Kassel wohl hinter geschlossenen Thüren recht deutlich ausgesprochen haben — darum die bescheidene Kargheit der Berichterstattung, die zu den sonstigen Gepflogenheiten der „Deutschen Männer" in schroffem Kontrast steht. Es bliebe nur zu wünschen, daß auch die Gegner des Antisemitismus in Hessen sich die gegenwärtige Sachlage einmal ernstlich überlegen und energischer als es bisher geschehen zu sein scheint, zu Nutze machen möchten. Ahaus, 23. August. Ein glänzender Festzug bewegte sich gestern früh 10 Uhr unter den Klängen der Musik von der Synagoge aus durch die Straßen der Stadt nach der Wohnung des Herrn Vorstehers Löwen st ein, um von hier die zur Gedenkfeier an das 25jährige Bestehen der Synagoge von der Gemeinde gespendete neue Th o rar olle in das festlich geschmückte Gotteshaus überzuführen. Hinter den unter einem Baldachin schreitenden Thoraträgern bewegte sich der stattliche Festzug einheimischer und auswärtiger Festtheilnehmer, welchen der Herr Landrath und der Herr Pfarrer der evangelischen Gemeinde eröffneten. Nach dem Eintritt in die Synagoge und dem Vortrage des „Ma tauwu“ durch einen mehrstimmigen Chor und der Necitation entsprechender Psalmen und Lieder hielt der Lehrer der Gemeinde, Herr Braun schweig er die von heiliger Begeisterung für unsere Religion, für Vaterlands- und Menschenliebe getragene Festrede, welche auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. Nach dem hierauf folgenden Gebet für den Kaiser, welchem sich das Einheben der Thorarollen unter den üblichen Recitattven und Gesängen anschloß, endete die erhebende gottesdienstliche Feier. Nachmittags 4 Uhr versammelten sich die Gemeindemitglieder, die zahlreich erschienenen Fremden und Ehrengäste im Festlokale. Von Letzteren seien nur erwähnt der Herr Kreis-Physicus, welche nebst anderen Honoratioren der Stadt sämmtltch mit ihren Damen erschienen waren. Nach Begrüßung der Anwesenden durch das Mitglied des Festcomitee's, Herrn B endix, brachte derselbe ein Hoch auf Sr. Majestät den Kaiser aus, in welches alle Anwesenden begeistert einstimmten und die Nationalhymne ertönen ließen. Nachdem hierauf Concert und theatralische Vorstellungen die Festtheilnehmer in eine gehobene Festesstimmung versetzt hatten, feierte der Herr Landrath die jüdische Gemeinde in einer begeisterten Rede, welche in einem schallenden Hoch auf dieselbe ausklang. Die Pausen während des nun beginnenden Festbanketts wur-