Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-08-30 · Heft 69 (30.8.1894) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 69 (30.8.1894)
Date
1894-08-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448475--39186-2487326
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1282 - h:' ansehen, wenn sie einer in der Hitze der Begeisterung als gute Juden deklarirt. Das alles wäre z. B. vor zehn Jahren noch nicht denkbar gewesen. Wenn das ein Fortschritt ist, so verdanken wir ihn den Herren Stöcker, Ahlwardt, König, Danetll und Consorten. Man kann nun allerdings nicht wohl ein religiöses Leben führen und religiöse Gemeindeverbände gründen, die Religion verachten und über Religionsunterricht debbattiren, aber westphälische Juden kommen auch über diesen Zwiespalt hinweg. Wie? Das ist ihre höchsteigene Sache. Daß sie dabei manchmal wie bei der Echternacher Sprung-Procession, bei zwei Schritten vorwärts einen rückwärts thun, darüber hat kein dritter das Recht sich zu moquiren. Aber wenn sie bei ihren tollen Sprüngen den anderen auf die Füße treten, dann dürften die betretenen Getretenen vielleicht das Recht haben, den Sprungeifer der kühnen Harasse durch einige nüchteren Gegenbemerkungen ein wenig abzukühlen. Die Springer habend vielleicht wirklich nicht so bös gemeint. Aber wenn sie erfahren, daß ihre Zuschauer und Nachbarn gewissermaßen auch Menschen mit Füßen und gar mit Hüneraugen sind, die anderen ihre tollen Sprünge ruhig gönnen und nur die Prätension besitzen, sich nicht gerne treten zu lassen, so lenken sie vielleicht wieder ein! Vielleicht! Der Verband hat ein neues Gebetbuch beschlossen. Warum? Einige Faiseure haben 1892 auf dem Bielefelder Gemeindetag darüber recht breitspurig debattirt. Aber man hat dem ganzen Projekt wenig Werth beigelegt, so lange es Projekt war. Jetzt aber, wo das Gebetbuch erschienen ist, verräth es die jähe Kluft, die zwischen seinem Geiste und dem des überlieferten, historischen Judenthums gähnt. Bevor wir das Jrrreligiöse, Verfehlte, Unlogische und Geschmacklose behandeln, von welchem jede Abweichung dieses neuen Gebetbuchs von unserer alten Teffilla Zeugniß ablegt, möge es gestattet sein, eine allgemeine Bemerkung vorauszuschicken. Wohl wissen wir, daß dieses neue Gebetbuch nicht das erste und einzige seiner Art ist, daß auch andere deutsche Gemeinden seit vielen Jahren das gleiche Attentat auf das überkommene Vätererbe gewagt haben. Aber wenn zwei dasselbe thun, so ist es doch nicht dasselbe. Diese Versuche fallen fast ausschließlich in die Zeit, als das Reformjudenthum noch in seinen Kinderschuhen steckte. Damals mochten einige flache Weltlinge sich und andere noch bereden, mit Verbannung der heiligen Sprache aus unseren Gebeten, oder wenigstens durch ihre Degradirung, durch Einführung christlicher Kircheninstrumente und anderer Embleme in unseren Gottesdienst, durch diese und andere Armseligkeiten könne man alle Schranken und Zurücksetzungen beseitigen, unter welchen der Jude zu leiden hatte. Sie hielten es ja für kein Verbrechen ihr Judenthum zu Gunsten der Judenheit stückweise zu verschachern. Für die schweren, unheilbaren Schäden, die sie durch diesen Schacher der guten Sache beibrachten, hatten sie ja kein Herz, sobald ihnen nur die Möglichkeit eines socialen oder politischen Gewinns in die Augen stach. Diese Ausrede fällt für Leute, die heute ein solches Attentat wagen, weg. Religiöser Leichtsinn schützt vor Antisemitismus nicht. Daß nach den Erfahrungen der jüngsten Jahrzehnte ein halbwegs Unbefangener heute noch glauben sollte, durch diesen Firlefanz werde „der religiöse Sinn gehoben" — wie die stehende Phrase lautete — wird niemand für haare Münze nehmen. Daß man durch Streichung der Gebete Andacht, durch einen Blasebalg Erbauung, durch gemischte Chöre Begeisterung erwecken könne, hat im Ernste Niemand geglaubt. Aber die leeren Synagogen müssen inzwischen auch den Glaubensstärksten belehrt und bekehrt haben. Heute bleibt für ein neues Gebetbuch gar kein Grund mehr übrig, als daß wir zu wahrhaftig, zu gebildet und zu human sind, um das alte Gebetbuch noch benützen zu können. Für unsere Eltern, die Jahrtausende hindurch selbst in den erleuchtesten Zeiten und in den cultivtltesten Ländern noch nicht so geläutert und fortgeschritten waren, ging es noch an. Die große Masse der übrigen Juden aber, die noch ihre alten Gebete betet, mag sehen wie sie sich wegen dieses Anachronismus rechtfertigt. Den reformirten westphälischen Verband-Juden „liegt es am Herzen" — wie der Verfasser ihres neuen Gebetbuches in der Vorrede sagt, „in den Gebeten keinem Wunsche, keiner Bitte Aufnahme zu gewähren, dessen Erfüllung, deren Erhörung und Gewährung wtr nicht auch ernstlich begehren. Wir wollen wahrhaft sein in allem was wir reden, und ganz besonders, wenn wir uns betend an den Gott der Wahrheit wenden." Also, wahrhaft sind wir nicht mehr, nicht einmal dem Gotte der Wahrheit gegenüber, weil wtr und so lange wir aus unserer alten Tefille beten! Ist das in unserer judenfeindlichen Zeit nicht eine ganz unerhörte Verdächtigung, die jedem nichtjüdischen Antisemiten alle Ehre machen würde? (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.