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Der Israelit · 1894-08-30 · Heft 69 (30.8.1894) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 69 (30.8.1894)
Date
1894-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israelit. Ein Genlrak-Hrgan für das orthodoxe Kudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. .A Donnerstag, de« 30. August 5654 (1894). Leitender Artikel. Die religiösen Anstände in Westfalen i. Aus We ftp ha len, 26. August. Man thut den Antisemiten 8an8 phrase vielleicht Unrecht, wenn man das Gebühren von Juden, welche ihre eigene Religion verrathen, welche Steine auf ihre Eltern, ihre ganze Vergangenheit und die zeitgenössische Judenheit werfen, jüdischen Antisemitismus nennt. Die Summe von Niedertracht, Verlogenheit und Gehässigkeit, die man gewöhnlich mit dem Sammelnamen Antisemitismus bezeichnet, ist doch nur ein Kinderspiel gegen den Abgrund von Entartung, welcher vorhanden sein muß, wenn sogenannte Glaubensgenossen, wenn geborne Juden ihre Religion und deren Bekenner vor der öffentlichen Meinung denunciren und sie der Verachtung preisgeben, nur um für sich die Lorbeeren des Fortschritts und der Aufklärung reklamiren zu können l Die Provinz Westphalen zählt ca. 15.000 jüdische Seelen, die sich auf etwa hundert Gemeinden vertheilen. Von diesen Gemeinden hat sich eine starke Minorität, die ca. 8.500 Seelen repräsentirt, zu einem Verband constituirt, Das Gros der jüdischen Bevölkerung Weftphalens bietet einen traurigen Anblick vollständigen religiösen Verfalls, der vielleicht in keinem deutschen Staate erreicht, jedenfalls aber nirgends übertroffen wird. Die Entweihung des Sabbat, die Uebertretung der Speisegesetze, die Verletzung der Satzungen, welche das eheliche, geschlechtliche Leben regeln, alles dieses ist fast allerorten alltägliches Vorkommniß. Es gibt große Gemeinden, in welchen sich nicht ein einziges Geschäft befindet, das den Sabbat feiert, kein einziges Haus, dessen Tisch unter dem Regime der jüdischen Speisevorschnflen steht, so daß Jemand, der noch den Sabbat hält und auf ivo und raiö achtet, als Mcerwunder angestaunt wird. Wie wäre es eine rettende That, wenn die Gemeinden sich zu einem Verband constituirten, um gemeinsam über Mittel und Wege zu berathen, wie dieses zum Himmel emporschreiende Unrecht abgestellt werden könne! Daran denkt Niemand, inWeftphalen hat man das nicht n ö t h i g. Am 24. Juni d. I. fand in S o e st die vierte General Versammlung des Verbandes der Synagogengemetuden Westfalens statt. „W t r sind treue Deutsche und gute Juden zugleich" renommirte der erste Redner, was von der ganzen Versammlung nicht etwa mit ironischem Gelächter, sondern mit stürmischem Beifall ausgenommen wurde. Es war unter den siebenzig Gästen auch nicht ein einziger, der den Schlag gefühlt hätte, welcher mit dieser Behauptung der Wahrheit versetzt wurde. Außerdem, daß Westphalen eine Domäne des jüdisch religiösen Verfalls ist, ist es auch eine des rabiadsten Antisemitismus, der Umstand, daß diese beiden Erscheinungen so sehr oft zusammenfallen, müßte selbst Leuten, denen am religiösen Moment sehr wenig gelegen ist, doch etwas nach dieser Seite hin zu denken g^ben. Von dieser Erkenntniß ist man nun hierzulande noch so weit entfernt, daß man sich sogar zum Gegentheil begeistert und Oel statt auf die Wogen in das Feuer schüttet, an dessen Löschung doch jeder Mitwirken sollte. Wohlgemerkt, im Staate Friedrich des Großen hat jeder das Recht nach seiner fagon selig und unselig zu werden. Dieses Recht soll auch den westphältschen Verbandjuden nicht geschmälert werden. Wer die Leute kennt, muß gestehen, daß es einen ganz unverkennbaren Fortschritt bedeutet, wenn sie nur noch von jüdischen Angelegenheiten reden, wenn sie dafür einen Verband bilden und es nicht als Injurie 'Ir** < i ■"'"4 i*

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