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Der Israelit · 1894-08-27 · Heft 68 (27.8.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 68 (27.8.1894)
Date
1894-08-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sterblichkeit in Folge der Pest eintrat, eine außerordentliche Thätigkeit entfaltet, worüber der damalige Rabbiner, der Arzt Jakob Zahalon in seinem medizinischen Werke Ozar ha Chajim einen besonderen Bericht uns hinterlassen hat. Eine sveztelle Aufmerksamkeit widmet der Verfasser der Geschichte des jüdischen Handels bis zu seiner allmähligen Vernichtung durch die gewaltsamen Maßregeln der Regiernng. Aus dieser Zeit der großen Noth ragt ein bedeutender Mann hervor, Tranquillo Vita Corcos, von dem der Verfasser ein getreues Characterbild entwirft, das mit den Worten schließt: „Es stand hinfort kein Mann mehr auf in Rom's jüdischer Gemeinde, der wie Tranquillo Vita Corcos mit der Wissenschaft zugleich auch die Thatkraft in hervorragendem Maße verband, um die heiligsten Interessen der Gemeinde in den schwierigsten Zeiten würdevoll und oft auch erfolgreich vor den Machthabern zu vertreten." — Jetzt beginnt die Periode der Gewalt, welche fast das ganze 18. Jahrhundert ausfüllt und in der nicht einmal das unveräußerliche Recht der Familie, deren innigste Bande erbarmungslos auseinandergerissen wurden, respekttrt wurde. Mehrere Beispiele werden angeführt, wie Kinder von ihren Eltern, der Gatte von der Gattin gewalsam in das Haus der Katechumenen weggeführt wurden. Die Jnq uisition, oder, wie man es in der offiziellen Sprache nannte, das „h. Officium", wüthete und war oft stärker als der Papst selbst und als alle Entscheidungen der h. Rotha, des höchsten Gerichtshofes, der oft zu Gunsten der Juden entschied, besonders wo es die Erwerbsverhältniffe betraf. Die Juden hatten nämlich trotz aller Strenge, mit der man sie zu beschränken suchte, in verschiedenen Handwerken und Gewerben, vor Allem in der Seidenwirkeret, Vorzügliches geleistet und hierdurch den Neid der christlichen Concurrenz hervorgerufen. Alle bisherigen Gewaltsmaßregeln wurden durch das Edikt von 1775 übertroffen, mit welchem Pius VI. für die Juden gleichsam eine Verfassung herstellte, „auf Grund deren jede Regung und Bewegung der Juden unter Controlle gestellt war, und ihnen selbst das Recht eines jeden lebenden Wesens, frei aihmen zu dürfen, beschränkt wurde." Der Verfasser theilt dieses Edikt in deutscher Ueberfetzung mit „als bleibendes Zeugntß für die christliche Liebe, die hier geherrscht und für den religiösen Geist, der sich hierin ausgeprägt hat." „Die traurigen Folgen dieses Edikts ergeben sich aus einer großen Anzahl von Fällen, in denen Leibes- und Geldstrafen, Entführung nach dem Hause der Katechumenen und Zwangstrafen unter Berufung auf jenes Gesetz verfügt wurden." Doch bald sollte die Stunde dieses unmenschlichen Papstes schlagen; die Franzosen zwangen ihn, Rom zu verlassen, welchem er am 20. Febr. 1798 den Rücken kehren mußte, um niemehr dorthin zurückzukehren. Unter der darauffolgenden Republik nahmen die jüdischen Verhältnisse eine günstigere Wendung, die bis zur Einrichtung eines Consistoriums nach französischem Muster führte. Auch nachdem die französische Regierung in Rom mit Napoleons erstem Sturze zu Ende gegangen war, blieb immer noch unter Pius VII. der Zustand erträglich. Aber alle Hoffnungen auf einen dauernden Bestand der verbefferten Lage wurden mit Leo XII. zu Nichte; denn dieser beeilte sich, der ganzen Regierung wie auch der für die Juden einen andern Geist einzuhauchen: „Seit dem Regime der französischen Herrschaft war die Zwangspredigt abgeschafft. Leo xil. erneuerte den alten Zwang; fünfmal im Jahre mußten die Juden zu der Bekehrungspredtgt in der Kirche San Angelo an der Pescheria, nahe dem Eingang in's Ghetto erscheinen." Sein Nachfolger Gregor XVI. hatte für alle Beschwerden und Klagen, welche seitens der Juden an ihn gelangten, nur die eine Antwort: „Ich würde Euch gern zufriedenstellen, aber die apostolischen Gesetze verbieten es mir!" Erst mit dem folgenden Papste, Pius IX., bricht sich eine größere Berücksichtigung der Juden Bahn, nur wollte er, wie er sich einmal äußerte, langsam („doucement, doucement!“) damit Vorgehen. Aber schon machte sich die öffentliche Meinung geltend, von der Kanzel herab wurden die Zuhörer für die Toleranz begeistert, so daß Pius IX. gedrängt wurde, die Mauern und Thore des Ghetto niederreißen zu lassen, und zwar in der ersten Nacht des Peßachfestes 1848, was der Verfasser malerisch schön zu schildern weiß. Aus den Neujahrsaudienzen beim Papste erzählt der Verfasser sehr viel neues und politisch wichtiges, besonders von der Bewegung über den Raub des Knaben Edgar Mortara. Was selbst noch unter Pius IX. an Ausnahmegesetzen bestand, wird in eine Uebersicht, welche 13 Nummern enthält, gebracht — eine lange Leidensgeschichte, für die endlich die göttliche Vergeltung eintreten sollte. Und sie trat ein. — Am 20. September 1870, Vormittags 10 Uhr, rückten die italienischen Truppen in Rom ein und machten der weltlichen Herrschaft des Papstes ein Ende. Unter der Deputation, welche am 9. Oktober dem Könige von Italien das Resultat der Volksabstimmung überbrachte, befand sich auch Samule Alatri. JedeAusnahme war geschwunden.*) Was dann der Verfasser aus den folgenden 15 Jahren, nämlich bis zur Niederlegung des Ghetto (1885), über die Wieder- *) Jede Ungleichheit aufgehoben.

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