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Der Israelit · 1894-08-27 · Heft 68 (27.8.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 68 (27.8.1894)
Date
1894-08-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Beiluge ju M 68 des „Israelit". Leitender Artikel. Die Juden in Hlom. in. Dcr zweite Theil des zweiten Bandes*) enthält die Geschichte der Inden Roms innerhalb des Ghetto bis zur Niederlegung dieses Zwingers, in dem sie über drei Jahrhunderte schmachteten. Die Vorrede zu diesem Tbeile datirt von Rom, am 24. April 1893, und Referent kann es sich nicht versagen, aus derselben den Schluß hier mitzuthetlen: „Das Schauergemälde", so schreibt der Verfasser, „welches aus dem Ghetto hervorgeht, wird den Lesern dieses Buches düster genug erscheinen. Es hat daher gewisser Züge, die ich noch unausgeführt ließ, entbehren können, wenn auch das Material hierzu mir durchaus nicht gefehlt hat. Dagegen glaubte ich bei dem wunderbaren Ausgange, den diese Tragödie sonder gleichen endlich genommen, etwas länger verweilen zu müssen. Es ist doch ein imponircnder Gedanke: Noch am Morgen jenes denkwürdigen Tages, des 20. September 1870 erhoben sich die Juden Roms als gedrückte und zerknickte Bewohner des Ghetto, in der traurigen Knechtsgestalt, welche ihnen das Ghetto verlieh, von ihrem elenden Lager — und nur wenige Stunden nachher, noch an demselben Vormittage, athmen sie als freie Bürger des freigewordenen Landes auf." „Die weltliche Macht des Papstes hatte mit einem Schlage ihr Ende erreicht." „Es sind seitdem 23 Jahre verfloffen, und das kirchliche Oberhaupt hat für seine geistige Macht, die nicht durch Heeresmacht und nicht durch Menschenkraft aufrecht gehalten wird, in ganz andere Bahnen cinzulenken verstanden, um fortan seine Gläubigen zur Gottesfurcht und Menschenliebe — zu diesen beiden Endpunkten jeder Religion — anzuleiten. Wer wollte cs nicht ahnen, daß gestern der deutsche Kaiser in einstündiger Unterredung beim Papste die Wege und Mittel näher berathen habe, welche zum Heile der Völker führen und das Wohlergehen derselben sördern sollen!" „Ich stehe noch unter den mächtigen Eindrücken dieser Tage, aus denen mein Gedächtniß vorzüglich den bedeutungsvollen Moment stets fefthalten wird, da der deutsche Kaiser gestern Nachmittag um 3 Uhr 10 Minuten seine Fahrt nach dem Vatican angetrcten hat, begleitet von den italienischenTruppen, *) Geschichte der Juden in Nom von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart (2050 Jahre) von Dr. A. Berliner. In zwei Banden. Frankfurt a. M. I. Kauffmann 1893. 1. Band: 120 S. 2. Band: 1. Theil 126 S. II. Theil 236 S. Preis 10 Dt. l die unter dem Oberbefehl des Generals Ottolenghi, I eines Juden ausgestellt waren. Meinem Herzen entrang sich bei diesem Anblicke der Segensspruch: „Gelobt sei Gott, der die Zeiten ändert." Am 3. October 1555 war die hohe, dicke Mauer hergestellt um das Viertel herum, welches von jetzt an die Juden allein bewohnen sollten. Ferner wurde angeordnet, daß die Männer als Abzeichen gelbe Kopfbedeckung und die Frauen ein anderes Zeichen von gelber Farbe offen tragen sollten; außerdem wurden noch verschiedene Verordnungen erlaffen, welche alle darauf hinzielten, daß von den Freiheiten, welche die Juden Roms durch das allgemeine Menschenrecht und gemäß alter Privilegien bisher besaßen, ihnen nur die gelassen wurde, leben zu dürfen, d. h. in verächtlicher, niedriger Knechtsgestalt einherzuschletchen und das Gefühl der Menschenwürde in eigener Brust zu ersticken." Eine Bücherkonfiskation vom 1. Mai 1557 wurde sehr verhängnisvoll, das Schicksal der deutschen Gemeinde und ihrer Synagoge hing mit diesem traurigen Eretgniß zusammen.sie ging hierbei unter. Der folgende Papst, Pius IV., sah sich schon im Interesse des bürgerlichen Verkehrs veranlaßt, die Härten seines Vorgängers zu mildern, allein seine Nachfolger suchten sich an Verfolgungssucht und Grausamkeit zu überbieten; besonders ging man mit zwangsweiser Bekehrung vor. Eine topographische Beschreibung des Ghettobezirks bietet viel des Interessanten. Merkwürdig ist es, daß innerhalb des Ghetto ein fast autonomes Gemeindewesen sich entwickeln konnte, das seine eigenen Beamten. seine Finanzen, seine Polizei, sogar sein eigenes Gefängnitz für Disziplinarvergehen hatte. Die Geschichte der Zwangspredtgt wird genau behandelt, und die gewaltsamen Bekehrungen aktenmäßig feftgestcllt. Die Schuldenlast der Gemeinde, welche sich bis zur Unerträglichkeit steigerte kommt zur ziffermäßigen Berechnung. Eine ausführliche Schilderung der alljährlich zu leistenden Huldigung auf dem Kapitol und im Karneval, wobei die Juden der schimpflichsten Behandlung seitens des Pöbels ausgesetzt waren, wird gegeben. Mit wahrer Rührung ist's zu lesen, „daß trotz aller Apoftasten und Denunciattonen die jüdische Gemeinde in Rom auch während der drangvollen Zeiten des 17. Jahrhunderts in ihren Institutionen sich das geistigreligiöse Leben in dem Maße erhalten konnte, daß der Genius der Geschichte ihr für alle Zeiten Bewunderung und Verehrung bewahren wird." Dem Unterricht der Jugend, wie der Belehrung der Erwachsenen wurde die größte Fürsorge gewidmet, Armenwesen und Krankenpflege fortwährend verbessert, und in der Zeit (1556), da eine große

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