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Der Israelit · 1894-08-23 · Heft 67 (23.8.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 67 (23.8.1894)
Date
1894-08-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1254 erhalten haben," war schon der Wahlspruch des Gaon Saadia, und dieses Wort blieb das Losungswort aller erleuchteten Männer in Israel. Zumal in einer Zeit, wie die unsere, in der die Vernunft als oberste Rtchterin in allen menschlichen Dingen eingesetzt ist, ist es ein besonders verdienstvolles Unternehmen, die Uebereinsttmmung zwischen Glauben und Wissen nachzuweisen. Diesen Nachweis nach einer sehr wichtigen Sette hin hat nun Dr. Nosstg in seinem jüngst erschienenen Werke geliefert. Er untersucht vom Standpunkte der Volksgesundhettslehre oder, wie der neugeprägte Ausdruck jetzt lautet, der Sozialhygiene den Lehrgehalt des Judenthums und gelangt zu dem Resultate, daß in den jüdischen Reltgionsquellen, in Bibel und Talmud, in vorzüglicher, überraschender Weise für die Entwickelung und Erhaltung der körperlichen Gesundheit, sowohl des Einzelnen, als auch der Gesammtheit, gesorgt sei. Neu ist auch diese Erkenntniß für uns gerade nicht. Sagt ja schon unser großer Gesetzeslehrer und Philosoph Maimonides, daß der Endzweck der Thora auch auf unser körperliches Wohlergehen jipn) gerichtet ist und führt viele religiöse Normen auf sanitäre Gründe zurück. Wissen wir doch, daß die Heilkunde ihre eifrigsten Förderer und Verbreiter in der Mitte des Judenthums fand und daß die jüdischen Leibärzte von weltlichen und geistlichen Fürsten oft in Anspruch genommen wurden. Aber von Seiten eines christlichen Gelehrten wurde diese Thatsache vielleicht noch nie so tief erfaßt, so voll und ganz erkannt und gewürdigt, wie von Dr. Nossig. In leichtfaßlicher, anziehender Weise schildert er die einzelnen Theile der biblischen und talmudischen Sozialhygiene, die sich zu einem einheitlichen, kunstvollen System zusammenfügen, wie es zweckdienlicher und praktischer gar nicht gedacht werden kann. Was wir nach vieltausendjährigem Forschen auf dem Gebiete der Gesundheitslehre erfahren, was wir erst nach Auffindung und Verwerthung früher unbekannter Naturkräfte, mit dem Mikroskop vor dem Auge und dem Secirmesser in der Hand festgestellt haben — der gotterfüllte Ueberbringer der jüdischen Gesetze hat dieses und noch mehr gewußt und verwerthet. Wir mühten den engen Raum eines Referats weit überschreiten, wollten wir den interessanten Gedankengang das uns vorliegenden Buches auch nur annährend hier schildern. Wir geben daher unserm Autor selber das Wort und führen einige charakteristische Sätze aus seiner Schrift an: „Wir finden im Pentateuch alle Theile der modernen Sozialhygiene ausgebildet: Die Hygiene des Bodens, des Waffers und der Luft; Gesetze gegen ansteckende Krankheiten; die Hygiene der Wohnung und der Kleidung; die Nahrungshygiene, die Hygiene der Körperpflege, die Hygiene des Geschlechtslebens und damit auch die Hygiene des Stammeslebens. (S. 35). — Die Gesetze, welche Moses gegen die Verbreitung ansteckender Krankheiten erlassen hat, kann man nicht ohne Staunen lesen. Wir finden im Leviticus eine Reihe von zusammenhängenden Kapiteln, welche inhaltlich und formell ein abgerundetes, musterhaftes Gesetz über Epidemien und Infektionskrankheiten ausmachen. (S. 36). — Dieses „Lepragesetz" sagt uns, daß Moses die Existenz jener kleinen Krankheitskeime, welche man heute Mikropen nennt, nicht nur ahnte, sondern kannte. Er wußte, daß die Krankheiten durch Keime übertragen werden, daß die Keime sich an den Mauern der Wohnung ansetzen können, und daß sie so klein sind, daß sie sogar an dem Staube haften. (S. 39) — Ein bewunderungswürdiges Werk ist das mosaische System der Geschlechtshygiene, die Regelung des geschlechtlichen und hiermit des stammlichen Lebens der Hebräer (S. 48). — Dieser hygienische Codex, welcher vor etwa 3200 Jahren formulirt wurde, gründet sich auf eine genaue Kenntniß der Bedingungen der Gesundheit des Jndividiuums und des Stammes, auf die richtige Erforschung der Hauptursachen bedrohlicher Krankheiten. Zur Erreichung seiner Zwecke bedient er sich des ganzen prophylaktischen Apparates der modernen Staatshygiene, aber in viel breiterer Ausdehnung, in viel strengerer Anwendung, als die modernen Sanitätsgesetze. Er normirt überdies die physischen Hauptfunkttonen des Individuums: Ernährung und Geschlechtsleben, an welche sich die moderne Staatshygiene auf legislatorischem Wege nicht heranwagt; und stellt so das Leben der Nation unter den wohlthätigen Einfluß und die oberste Leitung der Sozialhygiene — eine Sache, welche die modernen Hygieniker als phantastischen Zukunftstraum behandeln, (s. 61). — Israel allein kannte und beobachtete die Gesetze der moralischen und physischen Reinheit. Der Reinheitscodex war eine Macht für Israel, für seinen Körper und für seinen Geist. (S. 138.) Noch eine Bemerkung haben wir am Schlüsse hinzufügen. Der Verfasser läßt sich von objectiven Thatsachen leiten und will uns eine historische Darstellung, „eine quellmäßig bearbeitete Geschichte der Hygiene" geben. Er leugnet die göttliche Abstammung, den einheitlichen unverletzlichen Charakter der heiligen Schrift und hält Moses für den Gesetzgeber und Reltgtonsstifter der Juden. Er erblickt das oberste Ziel der biblischen Gesetzgebung nicht in der Veredelung und Versittlichung deS Seelen-

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