Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 67 (23.8.1894)
- Date
- 1894-08-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XHV. Jahrgang. Erste Beilage zu M 67 des „Israelit". Leitender Artikel. Moderne Schriften. Von Dr. I. M. in B. Wer zählt die Schriften, wer nennt die Namen der Broschüren und Flugblätter, die über Juden und Judenthum fast täglich jetzt erscheinen. Jene häßliche, brutale Bewegung der Gegenwart, die sich Antisemitismus nennt, findet in unserer redeu. schreibsüchtigen Zeit in einer Anzahl von literarischen Erzeugnissen ihren heftigen, ungestümen Ausdruck. Selbst in belletristischen und wissenschaftlichen Werken, die mit dieser „brennenden Frage" nicht im geringsten Zusammenhänge stehen, bricht der Haß und der Widerwille gegen alles, was den jüdischen Namen trägt, unversehens durch und plötzlich sieht sich der Lefir, welcher Belehrung und Anregung in der Lektüre sucht, in das antisemitische Lager versetzt. So erging es dem Schreiber dieser Zeilen vor wenigen Wochen. Da lag auf dem grünen Tisch der Gymnasial-Bibliothek ein kleines, stattliches Büchlein, welches sich als einen Rathgeber und Wegweiser in zweifelhaften, schwankenden Fällen des deutschen Sprachgebrauchs ankündigt. *) Ich nahm das Bändchen in die Hand und blätterte in demselben, da und dort. Der gelehrte Verfasser spielt sich als einen Germanen von echtem unverfälschtem Blute auf und führt bittere Klage darüber, daß seine geliebte, deutsche Muttersprache viel von ihrer alten Reinheit und Schönheit verloren, daß selbst in der Anwendung vieler grammatikalischer Ausdrücke kein festes Gesetz, sondern Zweifel und Willkür herrsche. Er sucht nach Gründen, diese betrübende Erscheinung zu erklären, und findet einen derselben in den — dösen Juden, die kein edleres Sprachgefühl besäßen, „die einem fremden Volke angehörcn und den reichen Werthschatz unserer Sprache nicht beherrschen." Daß gerade in der neuern Zeit aus dem Schoße des Judenthums große, mustergiltige deutsche Dichter und Schriftsteller, wie Heine und Börne, Berthold Auerbach und Ludwig August Frankl hervorgegangen seien, daran scheint der Verfasser in seinem blinden Eifer nicht gedacht zu haben. In ähnlicher Weise muß man gewärtig sein, in rein wissenschaftlichen Werken, z. B. in einem Lehrbuche über Psychiatrie oder Thierheilkunde auf pure antisemitische Weisheit zu stoßen. Offen und versteckt, bei passender und unpassender Gelegenheit *) Allerhand Sprachdummheiten.-..Von Dr. Gustav Wustmann. treten uns die Scribenten und Soldschreiber, die im Dienste der iudenfeindlichen Agitation stehen, mit ihren Angriffen und Verleumdungen entgegen. So haben die hochgehenden Wogen der antisemitischen Bewegung eine umfangreiche Literatur erzeugt, die dem späteren Geschichtschreiber, der die Dinge vom höhern Standpunkte betrachten wird, ein schwarzes, düsteres Bild von der geistigen Verirrung am Ausgange des 19. Jahrhunderts bieten wird. In einer solchen Zeit, in der man fast mit Angst nach einer neuen literarischen Erscheinung greift, ist es um so erfreulicher und erhebender, ein bedeutsames, hochinteressantes Werk eines christlichen Gelehrten zu begrüßen, das sich gleich auf dem Titel als eine Speztaluntersuchung über ein jüdisch wissenschaftliches Thema ankündigt, aber vom Geiste der Wahrheit und der echten objectiven Forschung beseelt ist. Die „Sozialhygiene der Juden von Dr. Alfred Nossig", ist der Name dieser Schrift. Wohl mancher wird diese Aufschrift auffallend und eigenartig finden. Was sollen die Gesetze und Vorschriften des Judenthums, die dem grauen Alterthum angehören und zum theil mehr als 3000 Jahre alt sind, mit einer Wissenschaft zu theilen haben, die so recht das Gepräge der neuesten Zeit an sich trägt, ja im ersten Stadium der Entwtckelung sich befindet! Gewiß für den gläubigen Israeliten steht es außer Zweifel, daß die Einrichtungen und Vorschriften seiner Religion ihren alten vollen Werth, ihre Giltigkeit und Anwendung nicht einbüßen, wenn sie auch mit den Resultaten und Lehrsätzen moderner Forschung nicht übereinzusttmmen scheinen. Haben wir ja schon unzählige mal erfahren, daß das wissenschaftliche Bewußtsein einer bestimmten Zeitepoche immer nur begrenzt, unvollkommen und schwankend ist und keinen zuverlässigen Maßstab für unsere religiösen Institutionen bildet, die allen Stürmen der Jahrtausende Trotz bieten und unabhängig von Zeit und Raum sind. Was heute als ein Sieg der Wissenschaft angestaunt, als eine Errungenschaft der vervollkommneten technischen Hilfsmittel gefeiert wird, wenige Jahre reichen hin, um die neugewonnenen Resultate zu erschüttern und an die Stelle des stolzen Triumphes die beschämende Enttäuschung zu setzen. Aber dessen ungeachtet haben wir das Recht und nach der Ansicht unserer größten Denker, sogar die Pflicht, die beiden Mächte, Religion und Missens ch aft, mit einander zu versöhnen und in Einklang zu bringen. „Wir müssen forschen und Nachdenken, um das wissenschaftlich zu erkennen und selbstständig zu erfassen, was wir auf dem Wege der Offenbarung •3v „ ■ s. ...• +** . . ' t-