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Der Israelit · 1894-08-23 · Heft 67 (23.8.1894) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 67 (23.8.1894)
Date
1894-08-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1249 auch gesellschaftlichen Ansehens in allen Kreisen die sonst durch konfessionellen oder andere Spaltungen geschieden sind, erfreut. Das Schachspiel, welches man in der ganzen Welt spielt, ist seiner geistigen Bedeutung nach in Wahrheit das königliche Spiel, und die Juden betheiligen sich eifrig an diesen friedlichen Kämpfen, welche unbehindert durch Sprache und Nationalität auf einem allen Völkern gemeinsamen Terrain ausgefochten werden. Auch bei den noch als „unkultivirt" verschrieenen slavifchen Juden steht das Schachspiel in hoher Blüthe. Lemberg, 14. Aug. Anläßlich der Landesausstellung ist hier ein allgemeiner Gewerbetag einberufen worden, welcher drei Tage dauern wird. Auf der Tagesordnung stehen sehr wichtige, für den Kleingewerbestand brennende Fragen. Es haben sich natürlich die Wiener Antisemiten als Teilnehmer dieses Tages angemeldet und sie sind bereits unter der Führung des Mechanikers Schneider mittelst Separatzuges nach Galizien abgereist. Die leitenden Persönlichkeiten der Landesausstellung haben jedoch die geheimen Absichten des Herrn Mechanikers sofort erkannt. Im Namen der Stadt begrüßte Bürgermeister Mochnacki die Anwesenden mit einer Ansprache, in welcher er die Gewerbetreibenden und Handwerker der ganzen Monarchie auf einem Boden und an einm Orte willkommen hieß, wo jede Nationalität und jede Konfession einer aufrichtigen und wahren Gleichberechtigung stets theilhaftig geworden seien und auch stets thetlhafttg werden würden. Die Arrangeure des Gewerbetages haben beschlossen, daß aus dem Gewerbetage keine antisemitische Hetzreden zugelassen werde.' Rußland. Im südlichen Kaukasus, im Gouvernement Baku, etwa 45 Meilen (engl.) von dem Seehafen Lenkoran entfernt, existtrt eine jüdische Ackerbau-Kolonie. Das Dorf heißt Privolnvy (Fruchtbar) und die Bewohner werden von ihren russischen Nachbarn Sobotntkes (Sabbatianer) genannt. Die Kolonie besteht aus etwa zweihundert hölzernen Häusern, welche fest und zweckentsprechend gebaut sind. Jedes Haus steht für sich und mitten in einem umzäumten Garten. Vier bis fünf Meilen südöstlich steigt die bewaldete Bergkette auf, welche die Grenze zwischen Rußland und Persien bildet, und das Dorf selbst liegt an dem auf den Bergen entspringenden wasserreichen Flusse, der in das kaspische Meer mündet. Im Süden find reiche Weingärten, im Norden weite Strecken mit Roggen und Wetzen, welche bei dem vorzüglichen schwarzen Boden einen sehr lohnenden Ertrag geben. Die Kolonisten, welche seit etwa vierzig Jahren hier angesiedelt sind, leben mit ihren Nachbarn in allerbestem Einvernehmen. Die einzige Beschäftigung der Bewohner ist Ackerbau; im Dorfe gibt es nicht einen einzigen Laden, der gesammte Tausch- und Getreidehandel befindet sich in den Händen von Armeniern, welche im Umherztehen die Produkte aufkaufen und die Einwohner mit den wenigen, einfachen Lebensbedürfnissen versehen, welche dieselben zu kaufen genöthigt sind. Die Kolonie wird von einem auf zwei Jahre gewählten Aeltesten geleitet. Die Männer sind hoch und schlank gewachsen, haben einnehmende Gestchtszüge und große Nasen. Polygamie kommt nie vor, sie ist verboten, dagegen ist Ehescheidung, die durch Konsens des Aeltesten erlangt werden kann, etwas sehr Häufiges. Die Leute sind gutmüthlg und mäßig, aber vollkommen ungebildet; sie gehen nie eine Ehe mit ihren russischen Nachbarn ein. Wie in den meisten russischen Dörfern, so fand ich auch hier einen angestellten Gemeinde- Sekretär (Pissar), der die Korrespondenz mit den Behörden zu führen, Kontrakte aufzusetzen hat und den Kolonisten auch ihre Privatbriefe schreibt. Er erhält jährlich 60 Rubel, ferner ein HauS, gewisse Naiuralienleistungen und steht direkt unter dem Aeltesten. Die jüdischen Gesetze werden auf das peinlichste beobachtet, und als ich im Herbst vorigen Jahres die Kolonie das letzte Mal besuchte, fand ich alle Welt bei der Mahlzeit in Sukkoth, die sie in ihren Gärten errichtet hatten. Die Leute sind ebenso gastfreundlich, wie die Russen. Sie erklärten, daß ihnen die Behörden nie das Geringste in den Weg legen. Wild ist in der Nähe im Ueberfluß vorhanden, Niemand aber schoß die prächtigen Fasanen. Jüdische Sitten haben in der ganzen Umgegend derartig Eingang gefunden, daß ich in keinem einzigen Dorfe Jemanden dazu bewegen konnte, einen Hasen zu schießen, abzuhäuten oder zuzubereiten. Diese Thiere waren in Folge dessen so zahm geworden, wie bei uns Kaninchen. Es erübrigt mir noch zu bemerken, daß Verbrechen in der Kolonie gänzlich unbekannt sind. Amerika. Chicago, 23. Juli. Nach längerem schweren Leiden verschied in seiner Wohnung in Summerdale gestern der Schriftsteller Dr. A. Meis. Er hat ein bewegtes Leben geführt. Sein ursprünglicher Name war Marlin Cohu, den er mit Erlaubniß in A. Mels umänderte. Am 15. April 1829 in Berlin geboren, studtrte er dort bis 1848. Er schloß sich dann den Freischaaren von Schleswig. Holstein in dem Kampfe gegen die Dänen an und wurde bei Jdstedt schwer verwundet. Nach seiner Genesung trat er in die französische Fremdenlegion ein und diente in Afrika und im Krtmkriege. Nach Paris zurückgekehrt, correspondirte er in englischer,

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