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Der Israelit · 1894-08-20 · Heft 66 (20.8.1894) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 66 (20.8.1894)
Date
1894-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1233 Einwohnerschaft unseres Städtchens in Aufregung versetzt, und nur dem Auftreten des hiesigen Bürgermeisters, wie dem gesunden Sinne der hiesigen Bevölkerung ist es zu verdank-en, daß es nicht auch hier zu unliebsamen Szenen gegen die Juden gekommen. Anfangs voriger Woche verschwand das etwa fünf Jahre alte Söhnchm der Maurer Kuniszewskischen Eheleute von hier. Da das Kind von seinen Eltern früher mißhandelt worden war, so wurde der Verdacht rege, daß dasselbe vielleicht wieder einmal übermäßig mißhandelt, in Folge dessen gestorben und auf die Seite geschafft sein könnte. Der Vater des Knaben, über dessen Verschwinden polizeilich befragt, meinte: „das werden wohl die Juden umgebracht haben, die brauchen ja immer Ehristenblut." (In gleichem Sinne soll sich auch die Stiefmutter des verschwundenen Knaben ihren Nachbarn gegenüber geäußert haben.) Der Herr Bürgermeister verbot jedoch dem Manne, solche Redensarten und Verdächtigungen weiter zu äußern. Am vergangenen Donnerstag gegen Abend endlich fanden einige Holzleser im nahen Walde, aufmerksam gemacht durch einen aus dem Erdreich herausgestreckten Gegenstand, der einem Finger ähnlich sah, indem sie den Erdboden untersuchten, den Leichnam des verschwundenen Kindes. Sie meldeten sogleich ihren grausigen Fund der Polizei, welche sofort die kleine Leiche holen ließ. An derselben wurden mehrere offenbar von Mißhandlungen herrührende Wunden, sowie verschiedene durch Messerstiche beigebrachte tiefe Verletzungen entdeckt. Der Verdacht, das Kind gemißhandelt, getödtct und bei Seite geschafft zu haben, fiel natürlich auf die Kuniszewskischen Eheleute. Dieselben wurden sofort verhaftet und nach einem ersten Verhöre in Ketten nach dem hiesigen Gefängnisse gebracht, begleitet von den Verwünschungen der Bevölkerung. Am Freitag erschienen hier der Staatsanwalt von Bromberg, sowie die zuständigen Medizinalbeamten, und die von denselben im Beisein der Verhafteten vorgenommene Sektion der kleinen Leiche ergab unter Anderem, daß das Kind bet seiner Verscharrung noch gelebt haben müsse. Die Mörder müssen dasselbe also noch lebend eingescharrt haben. Die weitere Untersuchung wird ja ergeben, ob die Eltern des Kindes wirklich an demselben das scheußliche Verbrechen, welches sie, verleitet und angespornt durch antisemitische Verhetzungen, gern den Juden aufbürden möchten, begangen haben. Das sind die Früchte der litterarischen Judenhetze, wie sie von Leipzig und Berlin aus systematisch betrieben wird! O e st e r r.-U n g a r. Monarchie. Wien. (Antisemiten-Almanach.) Dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus und überhaupt der anständigen Tagespresse, welche den Antisemitismus bekämpft, möchte ich hiermit die Anlegung eines alphabetisch geordneten Verzeichnisses der lautesten antisemitischen Heißsporne in Vorschlag bringen. Es vergeht kein Tag, der nicht die Nachricht bringt, dieser oder jener antisemitische Hetzbold ist wegen Betrugs, Unsittlichkeit, Fälschung oder ähnlicher Liebenswürdigkeiten verhaftet worden. So bekannt auch der sittliche Defekt ist, der die ganze Sippe charakterisirt, so würde eine einfache, trockene Nebeneinanderstellung doch überzeugender wirken als die geistreichste Bekämpfung dieser giftgeschwollenen Reptile. Also z. B. etwa in folgender Form: Hochmuth. Fall. S ch e r z e r, Pfarrer | Hetzrede gegen die Juden l als Schwindler und Be-;j träger 25. April 1893. Strafversetzung nach der Landpfarrei Schrick bei Mistelbach am 20. Juni 1893.! Nach Kontrahirung betrügerischer Schulden u. Un-! terschlagung von Stifi tungsgeldern in Höhe von 5000 Gulden verschwunden! am 10. Juli 1894. In die Hochmuths-Columnen wären die lautesten Rufer im antisemitischen Streite sofort alle einzutragen. Wenn es in der bisherigen Weise fortgeht, ist das zweite Blatt bis zum Ende unseres Jahrhunderts, also in etwa sechs Jährchen vollständig ausgefüllt. Vielleicht stellen die Herren Fälscher, Ehrabschneider u. s. w. auch den photographischen Abglanz ihrer arischen Gestchtszüge zur Verfügung des gemeinnützigen Unternehmens — natürlich gegen Bezahlung. Wie man Giftpflanzen durch Verbreitung ihrer Abbildung unschädlich macht, so sollte man es auch einmal mit denjenigen Antisemiten versuchen, welche noch ohne Zwangsjacke oder Handschellen herumlaufen. Prag, 8. Juni. Am Stelle des so unglücklich geendeten Erzherzogs Wilhelm wurde nun dessen Neffe und bisheriger Coadjutor, Erzherzog Eugen, zum Hoch- und Deutschmeister (Großmeister des deutschen Ritterordens) ernannt. Erzherzog Eugen, ein Bruder der Königtn-Regentin von Spanten, ist selbstverständlich ein strenggläubiger Katholik, dabei aber, wie alle erlauchten Mitglieder des Herrscherhauses Habsburg, ein Freund der Juden. Der Erzherzog ist aber auch ein großer Verehrer unserer synagogalen Gesänge (nuin, omu’j.) Erzherzog Eugen besitzt nämlich eine vortreffliche Barytonstimme und pflegt er sehr oft die Mitglieder feiner erlauchten Familie durch einen Liedervortrag zu erfreuen. Als derselbe nun vor einigen Jahren im nahen Pardubitz in Garnison lag, da erzählte man ihm, daß

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