Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1894)
- Date
- 1894-08-16
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. IrFrn-f ritnge;it Nr. 65 des „Israelit." Leitender Artikel. Der XI. MtemtiMale WersüM-KoWeß in Mern. (Schluß.) Bern, 14. August. Nachdem die Delegierten sich durch ein gemeinsames Bankett gestärkt hatten, bei dem man außer den materiellen Genüssen auch die Freude hatte, eine Reihe guter Reden zu hören, eröffnete der Präsident die Sitzung wieder um 5 Uhr. Während aber die eisten Versammlungen einen sehr würdigen Verlauf genommen hatten und die Diskussion sich bisher in mehr akademischen Grenzen hielt, ist schon bei der Eröffnung dieser Sitzung eine lebhafte Bewegung unverkennbar, die Schächtfrage, die auf der Tagesordnung steht, hat deutlich die Gemüther erhitzt. Auf der rechten Seite des Saales, wo die Mehrzahl der Schweizer sitzt, ist die Stimmung offenbar gegen das Schächten, während auf der linken Seite die Ausländer, die hier ihre Plätze gewählt haben, die Freunde des Schächtens in der großen Majorität sind. Der erste Referent, Herr Keller-Jäggi, ehemaliger Steuereinnehmer in Aarau, beginnt in sehr scharf accentuierter Weise die Schilderung der Schächtt frage in der Schweiz. 1856 hat die Aktion gegen das Schächten in Aarau begonnen, auch ein Verbot durchgesetzt, aber auf das Gutachten der Sachverständigen wurde dasselbe wieder aufgehoben. Die Thierschutzvereine ruhten indessen nicht; sie erlangten allmählich die Majorität im Kantonsrath von Aargau, aber das Verbot des Schächtens wurde vom Bundesrath wieder aufgehoben, nachdem derselbe die sachverständigen Physiologen und Thierärzte gehört hatte. Die unermüdliche Thätigkeit der Thierschützer brachte indessen auch den Kanton Bern zu einem Verbot des Schächtens und als 1891 dieses Verbot durch gleichmäßige Beschlüsse von Bundesrath, Nationalrath und Ständerath aufgehoben wurde, blieb den Thierschutzvereinen nur übrig, an die allgemeine Volksabstimmung zu appellieren. Es gelang denn auch, 191,527 Stimmen für ein Schächtverbot zu gewinnen, während nur 127,000 Stimmen sich dagegen erhoben. Der Thatbestand ist nun der, daß in der Bundesverfassung das Schächtverbot besteht, aber noch nicht alle Kantone die Ausführungsgesetze erlassen haben, so daß in 8 Kantonen noch geschächtet werden darf. — Der Vortrag, der an vielen Stellen scharfe antisemitische Ausfälle enthielt, und an seinen markanten Stellen durch den anscheinend wohlorganisierten Beifall seiner Freunde begleitet wurde, schloß mit der Aufforderung an die Thierschutzvereine, überall für die Schächtverbote einzutreten. (Starker Beifall und ebenso starker Widerspruch). Kommissionsrath Gm einer-Benndorf, Dresden: Ich kann mich ganz kurz fassen in meinem Bericht über Sachsen. Wir sind nur Thterschützer und bedauern lebhaft, daß sich die Antisemiten dieser rein humanen Frage bemächtigt und dadurch ein gehässiges Element hineingetragen haben, das ihr fremd bleiben sollte. Mir ist das Schächtmesser noch viel lieber, als unsere christlichen Schlachtmcthoden, wenn ihnen nicht Betäubung vorangeht. Nur diese verlangen wir obligatorisch. Die sächsische Regierung hat eine Kommission einberufen, in der nicht nur Veterinäre, sondern auch Aerzte, Regierungsbeamte und andere Herren saßen, welche die Betäubung vor allem Schlachten, auch vor dem Schächten, empfahl. Die Regierung hat dies eingeführt, und dabei wird es bleiben, wenn nicht noch eine bessere Methode gefunden wird. Hartmann, Köln: Zur Tagesordnung! Ich bin der Ansicht, daß wir nicht in die Diskussion der Schächtfrage eintreten, wir sind nach der Geschäftsordnung nicht dazu berechtigt und nach Lage der Sache ist der Kongreß nicht der richtige Ort dazu. (Beifall.) Pfarrer Frank, Mitglied der bayerischen Kammer: Wir haben gestern aus dem Munde des Präsidenten vernommen, daß eine Diskussion an die beiden kurzen Referate nicht geknüpft werden solle. Ich schließe mich dem an. denn wohin sollte eine solche Diskussion führend (Beifall). Der Referent für Sachsen hat mit Ruhe, ja mit Kälte gesprochen, der Referent aus der Schweiz dagegen hat mit vieler Wärme außer dem sachlichen Bericht auch seine Ueberzeugung gegeben, die gegen das Schächten ist. Wollen wir nun diskutiren, wird jeder seiner Ueberzeugung zunl Siege verhelfen wollen. Es sind viele Delegirte hier, die eine andere Ueberzeugung betreffs des Schächtens hegen, als Herr Keller, und sehr viele, die von ihren Vereinen und zwar von einer großen Zahl von Thierschutzvereinen hierher gesandt sind, um zu Gunsten des Schächtens zu sprechen und zu stimmen. (Beifall.) Ich muthe mir nicht zu, Herrn Keller zu überzeugen, ich kann ihn aber auf Grund dei vielfachen Studien, die ich darüber gemacht habe, versichern, er wird mich nicht von der Ansicht abbrtngen, daß das Schächten eine sehr humane Methode