Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1894)
- Date
- 1894-08-16
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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1226 von südlicher Abstimmung sind und der sogenannten „portugiesischen Kongregation" im Gegensätze zu der „polnischen", welche hauptsächlich in dem nördlichen Theile Europas heimisch ist, angehören. Im Aeußeren schon zeigt sich dieser Unterschied; denn während der Typus dieser Klasse von Mitbürgern hier bei uns in der Regel klein, unansehnlich und von dunkler Gesichtsfarbe ist, zeichnen sich die Juden in Westindien durch stolze, hohe Gestalten, edle Gestchtszüge und durch ein „savoir vivre“ aus, wodurch sie unwillkürlich einem Jeden, der mit ihnen in nähere Berührung kommt, Sympathie und Geneigtheit abzwingen. Ich habe während meines Aufenthaltes in Wcfttndien Gelegenheit gehabt, persönlich viele Erfahrungen in dieser Beziehung zu machen, und ich leugne nicht, daß die Erinnerung an diese Bekanntschaften zu meinen liebsten Lebenserfahrungen daselbst gehört. Die ältesten, zuverlässigsten Nachrichten über die Ankunft und die Anwesenheit der Juden aus unseren westindischen Inseln gehen bis auf das Jahr 1757 zurück, da zu dieser Zeit, wie dies aus einigen Geburts Verzeichnissen, welche sich im Besitze einer dort wohnenden jüdischen Familie befinden, hervorgeht, ein Kind von jüdischer Herkunft geboren wurde. Mau hat jedenfalls keinen früheren authentischen Beweis für den Aufenthalt der Juden auf St. Thomas. Nach der Einnahme und Plünderung Rodncy's durch St. Enstache im Jahre 1781 kam der größte Theil der dort ansässig gewesenen Juden nach St. Thomas und ließ sich hier nieder. Sie bildeten damals noch keine Gemeinde, sondern hielten nach der Ankunft daselbst ihre Betstunden in ihren Wohnungen, bis es ihnen im Jahre 1796 glückte, eine Gemeinde zu bilden und eine Synagoge zu erbauen, welche den Namen „Segen und Frieden" erhielt. Im Jahre 1801 zählte diese Gemeinde im Ganzen nur neun Familien, im Jahre 1803 aber wurde sie durch fernere Ankunft von Glaubensgenossen, die aus anderen Orten eintrafen, bis auf zweiundzwanzig Familien vergrößert; die Synagoge wurde darauf im Jahre 1812 mit einem anderen kleinen Gebäude, zu demselben Gebrauche bestimmt vertauscht. Als die Gemeinde sich später noch mehr vergrößerte, wurde es nöthtg auch dieses letzte Gebäude niederzureißen und ein größeres aufzuführen. Im Jahre 1824 zählte die Gemeinde vterundsechzig Familien. 1831 brannte das Gotteshaus nieder, aber durch dieses Ereigniß nicht entmuthigt, führten die Juden die jetzige Synagoge rheils durch reichliche Beiträge von der Insel selbst, theils durch Unterstützungen, welche vom Auslande eintrafen, auf. Die jüdische Gemeinde zählt zur Zeit wohl ungefähr zwischen 400 und 450 Mitglieder. Viele derselben sind im Besitze von Ehrenposten, und es walten nur die freundlichsten Beziehungen zwischen ihnen und der übrigen dortigen Bevölkerung ob." — Ueber den Sprachwechsel der Juden in Nordamerika ergeht sich ein Dr. Krauß, Secretair der „Israelitischen Allianz" in Wien — wie im „Globus" zu lesen — wie folgt: „Während der letzten fünfzehn Jahre sind mehr als 300.000 rufftsche und polnische Juden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert. In Nordamerika vollzieht sich jetzt eine Entwickelung, die ohne Beispiel in der jüdischen Geschichte ist. Ein Jahrtausend lang hat der deutsche Jude selbst in fernen Landen die deutsche Sprache und was damit zusammenhängt, bewahrt, und trotz der grauenvollsten Unterdrückung hat er treulich deutschen Charakter und Lebensart gehütet. Aber jetzt, nur in Amerika, wirft er sie hinweg, wie ein Krebs tm Frühjahre den alten Panzer abwtrft, der zu enge sür sein Wachsthum geworden ist. Zu diesem Wechsel haben zwei Ursachen betgetragen: die antisemitsche Bewegung in Deutschland, welche die Juden der Welt mit Haß und Verachtung gegen Alles, was deutsch ist, erfüllt hat, und die eingestandene Bevorzugung der Juden für den gleichgestimmten, freisinnigen und wahrhaft erhabenen Geist der anglo-amerikanischen Weltbürgerschaft. Ein jüdischer Erfinder. Der Erfinder der atmosphärischen Eisenbahnen, d. h. derjenigen, bet denen der Druck der Luft die bewegende Kraft bildet, war ein Jude, der Maschinist Jacob Samuda, was gewiß nur Wenigen bekannt ist. Derselbe wurde am 24. August 1811 geboren und starb in jungen Jahren am 13. November 1844. Er versuchte zuerst 1839 in der Nähe von London bet Wormwood-Scrubs nach eigener Erfindung eine Eisenbahn, welche durch atmosphärische Luft getrieben wurde; dann baute er Anfangs 1844 die Linie zwischen Kingstown und Dalkey, etwa 3 Kilometer lang. Dieser Versuch übertraf alle Erwartungen so sehr, daß er bald in England und Frankreich nachgeahmt wurde. Leider starb der begabte Techniker noch in demselben Jahre — und zwar durch eine zweite Erfindung, eine Maschinerie in einem eisernen Dampfboot, die ihm und sechs Anderen das Leben kostete, indem beim ersten Versuche die Unvorsichtigkeit eines Arbeiters das Ausströmen des Dampfes in den Raum, wo sie standen, herbeiführte, so daß sie erstickten. Aber Samuda's Arbeit besteht und sein Namen wird immer in Ehren gehalten werden, denn auf dem von ihm entdeckten Prinzip beruht ja auch die spätere Erfindung der pneumatischen Bahnen und des Rohrpostbetriebs. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des «JSraelit", Schottstraße Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'fch«" Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.